{"id":3713,"date":"2019-05-03T19:03:04","date_gmt":"2019-05-03T19:03:04","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3713"},"modified":"2019-05-03T19:03:07","modified_gmt":"2019-05-03T19:03:07","slug":"puttana","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/puttana\/","title":{"rendered":"PUTTANA!"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align:center\"><strong><em>Startschuss:\n17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18. August 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen:\n160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das Event hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In\n\u201cVettensjournal\u201d das Protokoll der Vorbereitung. Es beginnt am 9. M\u00e4rz 2019 und\nendet am 17. August: 22 WOCHEN.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wortlos l\u00e4sst sich\nSabrina auf den Beifahrersitz sinken. Hans Krohn sieht sie an, sie schaut durchs\nSeitenfenster aufs Trottoir, wo sich nichts Nennenswertes tut. Die Handtasche\nhat sie in den Scho\u00df gedr\u00fcckt und umklammert sie mit den H\u00e4nden, als habe sie\nAngst drum, die Kn\u00f6chel sind schon ganz hell. Krohn sucht Kontakt, aber sie\nwill nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Er startet den Motor,\nrangiert aus der Parkl\u00fccke und ordnet sich in den Verkehr ein. \u201eNach Hause?\u201c\nfragt er, \u201eBitte\u201c sagt sie, er f\u00e4hrt auf den Mittleren Ring. Stau.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie redet nicht.\nKrohn versucht sich aufs Radio zu konzentrieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam arbeiten sie\nsich aus der Stadt. Als sie das Gr\u00f6bste hinter sich haben, seufzt sie. Die\nW\u00f6rter machen ihr M\u00fche.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWar das eine\nSchei\u00dfe!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWillst Du erz\u00e4hlen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSp\u00e4ter. Schatz, das ist nichts gegen Dich. Ich muss erstmal wieder zu mir kommen. So eine <em>puttana! sgual\u00addri\u00adna! tro\u00adia! don\u00adnaccia! ba\u00adga\u00adscia! me\u00adre\u00adtri\u00adce! bal\u00addracca! batto\u00adna! ciabatta!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Er muss sie stoppen. Sabrina ist eine Meisterin der Schimpfrede. Wenn sie sich erst einmal warm geflucht hat, h\u00f6rt sie nicht mehr auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMagst Du nicht der Reihe nach erz\u00e4hlen. Ich verstehe Dich sonst nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Okay. Sie berichtet. Von einer \u00c4rztin, die keine Ahnung und den Beruf verfehlt hat. Von einem Treffen, bei dem die Fetzen geflogen sind. Von vielen Tr\u00e4nen, einer gro\u00dfen Wut und einem heroischen Kampf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe gewonnen, den Kampf. Aber es war hart, ich kann Dir sagen, es ist um Leben und Tod gegangen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bitte, Sabrina\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Okay, okay, der Reihe nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist aufgerufen worden, diese Schnepfe hat sie begr\u00fc\u00dft. <\/p>\n\n\n\n<p>Wei\u00dfer Arztkittel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das dunkle Haar zum Zopf geb\u00fcndelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bisschen Makeup, half aber nichts, bei dieser m\u00fcden Haut.<\/p>\n\n\n\n<p>Gute Z\u00e4hne, matte Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sportliche Figur, scheu\u00dflich schlaffer H\u00e4ndedruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau Doktor \u2013 immerhin schon im Rang einer Ober\u00e4rztin \u2013 ging voraus in ein kerkergro\u00dfes Besprechungszimmer ohne Fenster, schloss die T\u00fcr, es roch ungut nach einer anderen Frau, ein karger kleiner Tisch, zwei sehr gebrauchte St\u00fchle, auf dem Tisch Unterlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa, dann sehen wir mal\u201c, sagte die Frau Doktor und bl\u00e4tterte in den Unterlagen. \u201eWir haben Ihren Fall erst vorgestern noch einmal in der Tumorkonferenz besprochen. Wir werden mit der Chemotherapie sobald wie m\u00f6glich beginnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bitte? Chemotherapie? Davon war noch nie die Rede gewesen. Der Herr Professor hatte vor der Operation gemeint, der Tumor sei so klein, da werde man ohne Chemo auskommen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas haben wir anders besprochen. Ihre Werte sind so, dass wir eine Chemotherapie f\u00fcr unabdingbar erachten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00c4rztin schaute \u00fcber die Brille und lie\u00df Sabrina sp\u00fcren, nun sei genug geredet. Sie solle nicht mehr die Zeit anderer Leute vergeuden, man m\u00fcsse sich nur noch \u00fcber die Daten f\u00fcr die Chemotherapie einig werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch mache da nicht mit\u201c, sagte Sabrina, konnte aber nicht verhindern, dass ihr dabei Tr\u00e4nen \u00fcber die Wangen liefen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch f\u00fcrchte, Sie haben keine Wahl.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00f6ren Sie mir nicht zu? Ich habe Ihnen doch erz\u00e4hlt, dass der Herr Professor vor der Operation gesagt hat, eine Chemo sei nicht n\u00f6tig. Strahlen und Hormone, das ja, aber\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ich Ihnen anbieten kann, ist ein Test, der aus den USA kommt. Da wird ermittelt, ob eine Chemotherapie notwendig ist. Nicht ganz billig. Kostet 3000 Euro.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber was ist das, was Sie mir da erz\u00e4hlen? Den Test hat mir ein Kollege vor drei Wochen vorgeschlagen, da redete er noch von 4000 Euro. Was soll das, ich bitte Sie! Abgesehen davon \u2013 ich kann mir das nicht leisten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNaja, um auf die Chemotherapie zur\u00fcckzukommen: Sie k\u00f6nnten schon n\u00e4chste Woche damit anfangen\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sabrina erz\u00e4hlt, zu diesem Zeitpunkt sei sie v\u00f6llig aufgel\u00f6st gewesen. Nass geheult. Hilflos. Furchtbar w\u00fctend, an den Hals h\u00e4tte sie der Schickse gehen k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa hat die dann den Professor geholt. Der hat mich gesehen. Ach, die italienische K\u00fcnstlerin, hat er gesagt, was denn mit mir los ist. Ich habe ihm von der Chemo und allem erz\u00e4hlt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er werde sich das noch einmal ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Professor \u2013 ein wei\u00dfhaariger Sportwagenfahrer mit Schlag bei allen Frauen \u2013 \u00fcberflog die Papiere. Es habe sich nichts ge\u00e4ndert, meinte er. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie brauchen keine Chemo. Wenn Sie meine Frau w\u00e4ren, w\u00fcrde ich Ihnen auch abraten. Wir machen das wie besprochen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Weg war er. <\/p>\n\n\n\n<p>Verkniffen f\u00fcllte die \u00c4rztin die Formulare aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sabrina sieht aus dem Wagen, der an Rapsfeldern vorbei rauscht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs war wie ein Krieg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nana, beschwichtigt Krohn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch Du! Du h\u00e4ttest den Schwanz eingekniffen. Aber nicht mit mir. Na gut, es war nicht wie ein Krieg, es war ein Kampf. Halte mal da vorn beim Supermarkt. Ich kaufe mir jetzt Wein. Brauchst Du was? Schokolade? Zeitungen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, sagt Krohn und parkt vor dem Edeka. Sabrina stapft zornig ins Gesch\u00e4ft. Kommt zur\u00fcck, mit praller T\u00fcte \u2013 und dem Gesicht einer siegreichen Amazone.<\/p>\n\n\n\n<p>Er versteht sie. Soll sie sich die Kante geben, er wird auf sie aufpassen. Ehrensache.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur das mit dem \u201eSchwanz einkneifen\u201c h\u00e4tte sie nicht sagen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>War nicht nett.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders zur Zeit nicht. Wo man sich so durch die Zeiten kathetert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18. August 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das Event hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. 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