{"id":3679,"date":"2019-04-25T11:05:03","date_gmt":"2019-04-25T11:05:03","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3679"},"modified":"2019-04-25T17:54:19","modified_gmt":"2019-04-25T17:54:19","slug":"und-schnitt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/und-schnitt\/","title":{"rendered":"UND: SCHNITT!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><strong><em>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18.\nAugust 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das\nEvent hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In \u201cVettensjournal\u201d das Protokoll der Vorbereitung.\nEs beginnt am 9. M\u00e4rz 2019 und endet am 17. August: 22 WOCHEN.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drau\u00dfen im Park sitzen zwei Kranke auf einer Bank. Sie brauchen noch die Anoraks, es ist k\u00fchl, trotz der Bl\u00fcten an B\u00e4umen und in Beeten. So haben die Frauen die Rei\u00dfverschl\u00fcsse hoch gezogen und rauchen freudlos Kette. Sie tragen bunte Beanies \u2013 was sie als Chemo-Routiniers uniformiert -, Trainingshosen, Laufschuhe. Kein Outfit f\u00fcr die Stadt da drau\u00dfen, das ist die Kluft f\u00fcr den kleinen Park, f\u00fcr die letzte Flucht aus der Klinik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viel zu reden haben sie\nnicht. Hans Krohn h\u00f6rt nicht, wor\u00fcber sich die Frauen unterhalten \u2013 aber er\nversteht, dass sie nichts zu sagen haben. Dann und wann ein belangloser Satz,\nund die Zeit vergeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach drei Fluppen packen\nsie die Zigarettenschachteln mit Feuerzeugen in die Jackentaschen und gehen\neine Runde. Die Schritte der Kranken sind kurz und kraftlos, krummschultrig und\nm\u00fcde schlurfen die Frauen \u00fcber den Schotter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Ziel ist ihnen\nabhanden gekommen. Sie verlassen den Park, die Klinik hat sie wieder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hans Krohn, der noch\nimmer in dem verwaisten Zimmer auf Sabrina wartet, stellt sich vor das\nBlumenfoto. Tulpen, bunt, Garten, gr\u00fcn, Himmel, blau. Satte Farben, eigentlich\nein sch\u00f6nes Bild. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sabrina ist jetzt schon\ndrei Stunden weg. Jetzt, so hat man ihm gesagt, k\u00f6nne er sie zur\u00fcck erwarten. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er versucht nicht panisch\nzu werden. Sie wird schon kommen. Es ist eine allt\u00e4gliche Operation. Kein\nHexenwerk. \u00dcber 50000 Eingriffe pro Jahr im Land. Kein Anlass zu \u00fcbertriebener\nSorge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber Krohn f\u00e4llt das\nvern\u00fcnftige Denken schwer. Er sieht auf die Tulpen und denkt an einen Arzt mit\nbesorgtem Gesicht, der erkl\u00e4rt, es sei leider etwas schief gegangen. Er\nerinnert sich an die Angst in Sabrinas Augen, als sie aus dem Zimmer geschoben\nwurde. Die Tulpen empfindet er als Hohn. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An einer anderen Wand\nh\u00e4ngt der stilisierte Jesus am Kreuz. Krohn hat Zorn. Was k\u00f6nnen sie sich\nerdreisten und den Tod in ein Krankenzimmer nageln?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die T\u00fcr \u00f6ffnet sich. Das\nBett mit Sabrina rollt herein. Die Krankenschwester hat ein Lachen in den\nAugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch bin\u2019s\u201c, kr\u00e4chzt\nSabrina.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJa\u201c, sagt Krohn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schwester rangiert\ndas Bett geschickt an seine Position. Sie justiert die verkabelte Sabrina,\nzupft unter der Bettdecke ein Fl\u00e4schchen am Schlauch hervor und l\u00e4sst es auf\nden Boden unterm Bett gleiten. Im Schlauch hat sich roter Glibber gesammelt,\nder in klitzekleinen Sch\u00fcben ins Fl\u00e4schchen wandert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas ist das bisschen\nBlut aus der OP-Wunde\u201c, erkl\u00e4rt die Schwester, die Krohns erschrockenen Blick\nbemerkt hat. \u201eNichts Schlimmes, das ist ganz normal.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob alles in Ordnung sei,\nwill er wissen. Wie die Operation verlaufen sei? Ob man schon mit Sabrina reden\nk\u00f6nne, oder ob die noch lull und lall wegen der Narkose sei?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNein\u201c, antwortet die\nSchwester, wird von Sabrina unterbrochen. Man brauche nicht von ihr zu reden,\nals ob sie nicht im Raum sei. Nat\u00fcrlich sei sie auf der H\u00f6he, nat\u00fcrlich sei\nalles wunderbar glatt gegangen. \u201eDu kannst mit mir reden \u2013 aber vor allem habe\nich Durst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hans Krohn setzt sich.\nIhm tun die Waden weh, so m\u00fcde f\u00fchlt er sich. Er sieht Sabrina an. Und noch\neinmal und noch einmal. Er sieht sie an, er muss sie sich schlie\u00dflich merken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie ist ganz heiter.\nVielleicht sind es ja die Drogen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles gut. Alles gut.\nAlles gut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oder?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Startschuss: 17. 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