{"id":3673,"date":"2019-04-17T11:39:11","date_gmt":"2019-04-17T11:39:11","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3673"},"modified":"2019-04-18T05:50:49","modified_gmt":"2019-04-18T05:50:49","slug":"meeting","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/meeting\/","title":{"rendered":"MEETING"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align:center\"><strong><em>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18.\nAugust 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das\nEvent hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In \u201cVettensjournal\u201d das Protokoll der Vorbereitung.\nEs beginnt am 9. M\u00e4rz 2019 und endet am 17. August: 22 WOCHEN.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist der Tag davor.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir m\u00fcssen\u201c, sagt er. \u201eDu hast\nTermin, Du solltest nicht zu sp\u00e4t kommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sabrina tr\u00f6delt. Sie gie\u00dft sich\nnoch einen Tee ein, sie ordnet die Zeitungen (das tut sie sonst nie). Sagt, sie\nm\u00fcsse noch einmal zur Toilette, dort braucht sie sehr lang. Kommt ins\nWohnzimmer \u2013 den Mantel hat sie noch immer nicht angezogen \u2013 und fragt, ob\nalles schon im Auto sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, antwortet er, alles im\nKofferraum. \u201eGanz sch\u00f6n viel Zeug. Ist doch kein Umzug.\u201c Aber wenn es denn sein\nmuss. Es fehlt nur noch ihre Handtasche mit den Papieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKomm\u201c, sagt Sabrina, \u201eumarme\nmich mal.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein. Jetzt nicht, wir sind\nsowieso schon zu sp\u00e4t.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie tr\u00f6delt sogar, als sie den\nSicherheitsgurt anlegt. W\u00e4hrend der Fahrt sagt sie nichts. Sie fahren auf einen\nStau auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGlaubst Du, wir schaffen\u2019s?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein. Wahrscheinlich\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann ist das ein Zeichen.\nVielleicht sollten wir umkehren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir fahren da jetzt hin\u201c Krohn,\npanisch und sehr verwirrt, bem\u00fcht sich um eine energische Stimme. \u201eWir fahren\nda jetzt hin. Du bist nicht die Erste, die so etwas durchmacht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHm.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am Krankenhaus steigt sie aus und\nverschwindet im Eingang, er muss noch einen Parkplatz suchen. Mit ihrem Gep\u00e4ck\nfragt er sich nach der Station durch, sieht sie schon im Wartebereich sitzen.\nSie hockt auf der vorderen Kante eines wei\u00dfen Plastikstuhl, beachtet die\nZeitungen auf dem Tischchen vor sich nicht, l\u00e4chelt schwach, als sie Hans Krohn\nsieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Er organisiert sich einen anderen\nwei\u00dfen Stuhl, setzt sich dicht neben sie, ihre H\u00e4nde finden sich. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben keine W\u00f6rter. Sitzen\nnur da und sind erschrocken.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Frauen mit Kopft\u00fcchern,\ngezeichnet von der Chemo, unterhalten sich und haben Spa\u00df, sie kichern und\nber\u00fchren sich an den Armen. Jetzt werde bald Schluss sein mit der K\u00e4lte, sagt\ndie Eine. Die Krokusse seien schon heraussen, gestern habe sie eine Runde im\nkleinen Park gedreht und sich ganz arg gefreut \u00fcber die gelben Beete. Ja, meint\ndie Andere, es sei immer wieder ein Erlebnis, wenn das Fr\u00fchjahr komme.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den Schnatterenten sitz ein\naltes Ehepaar. Beide sind sicher &nbsp;schon\n\u00fcber 70, er war fr\u00fcher ein massiger Mann und wird nun vom Alter weg gezehrt.\nSie ist apart, graue kurze Haare stehen ihr gut, kluge Augen kontrollieren den\nRaum. Eine sehr kleine Frau im eleganten Kost\u00fcm, die ihre OP-Papiere vor sich\nauf dem Tisch ausgebreitet hat und die Unterlagen noch einmal studiert. Sie\nkonzentriert sich aufs Lesen, nach einer Weile blickt sie zu ihrem Mann, der\nreglos auf sie aufpasst. Die alte Frau streicht ihm \u00fcbers lichte wei\u00dfe Haar und\nl\u00e4chelt ihm Mut zu. Er versucht sich auch an einem guten Blick, schafft es\nnicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine alleinstehende Dame tippt\netwas ins Handy. Ihr Gep\u00e4ck ist von Louis Vuitton, das Makeup hat sie etwas zu\ndick aufgetragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Krankenschwestern huschen \u00fcber\nden Gang, ein Arzt hat es eilig, die Putzfrau wischt beh\u00e4big \u00fcbers Linoleum.\nKeiner hat einen Blick f\u00fcr die Kranken im Wartebereich.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Krohn sieht zu Sabrina. Er\nm\u00f6chte etwas sagen, eine Belanglosigkeit, etwas gegen das Schweigen. Er bleibt\nstumm.<\/p>\n\n\n\n<p>Sabrinas Augen sind riesig. Der\nBlick irrt durch den Raum. \u00dcber die Wangen laufen kleine Tr\u00e4nen. <\/p>\n\n\n\n<p>Lautlos weint sie. Wahrscheinlich\nhat sie nicht einmal mehr die Kraft wegzulaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sabrina ist wohl immer ein\nseltsamer Snob gewesen. Sie tr\u00e4gt verschlissene Pullover aus s\u00fcndteurem\nKaschmir, ihre Foto-Ausr\u00fcstung ist ein kleines Verm\u00f6gen wert, sie trinkt nur\nausgesuchten Champagner und fliegt nie Economy. <\/p>\n\n\n\n<p>Hans Krohn hat das immer mit\neinem leichten Befremden zur Kenntnis genommen. Nun \u2013 in der M\u00fcnchner\nFrauenklinik \u2013 ist er froh, dass Sabrina immer H\u00f6chsts\u00e4tze in die private\nKrankenversicherung eingezahlt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat es ihm mal zu erkl\u00e4ren\nversucht: \u201eIch will nicht, dass es mit geht wie meiner Mutter. Die ist ins\nKrankenhaus zum Sterben \u2013 und dort in einem Mehrbettzimmer gelandet. Es war das\npure Grauen. Da habe ich mir geschworen, dass mir so etwas nicht passiert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bezieht sie ein\nEinzelzimmer. Blick auf den kleinen Park mit den Krokussen, einem\nMiniaturspielplatz, einer von B\u00e4nken ges\u00e4umten &nbsp;Wegrunde und mit einem Magnolienbaum vor dem\nFenster. Ein schmuckloses Kreuz, ein gro\u00dfer und ein kleiner Fernsehapparat, das\nKrankenbett mit seinen Armaturen, ein Tisch, zwei Besucherst\u00fchle, ein blaues\nBlumenposter. Eigene Dusche, eigene&nbsp;\nToilette.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Krohn ist beeindruckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sabrina sagt: \u201eNaja, nicht mal Motel\nOne ist es, aber was soll\u2019s?\u201c Sie klebt ihre Fotos an die M\u00f6bel, er packt\nSabrinas Sachen in den Kleiderschrank.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Gang her kommen Ger\u00e4usche.\nMenschen lachen und erz\u00e4hlen sich Dinge.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist aus der Patientenk\u00fcche\u201c,\nsagt er.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePatientenk\u00fcche! Sowas gibt es\nhier? H\u00f6rt sich grausam an.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNaja, da treffen sich die Leute,\ndann vergeht die Zeit schneller.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMich wirste da nicht sehen. Ich\nfinde das alles ganz schrecklich hier.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es klopft. Eine rotwangige junge\nSchwester \u2013 sp\u00e4ter wird sich finden, dass sie aus dem Vinschgau kommt und so\nmit Sabrina viel \u00fcber den S\u00fcden der Alpen zu besprechen hat \u2013 erkl\u00e4rt, in f\u00fcnf\nMinuten w\u00fcrde sie Sabrina gerne zum An\u00e4sthesisten bringen. Dort werde man die\nletzten Vorbereitungen vor der Operation erledigen. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie lang das daure?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch, da ist Ihre Frau sicher eineinhalb\nStunden unterwegs.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann werde er, sagt Krohn, einen\nKaffee trinken gehen. \u201eIch habe das Handy dabei. Kannst mich immer anrufen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sabrina hat zum ersten Mal an\ndiesem Tag ein entspanntes Gesicht. Sie beginnt sich in alles zu f\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut so.<\/p>\n\n\n\n<p>In&nbsp; der Cafeteria der Klinik sitzen au\u00dfer Krohn ein\nMann und eine Frau. Sie ist h\u00fcbsch und streichelt dem Mann \u00fcber die Haare. Er\nlegt den Kopf auf ihre Brust, seine Schultern beben. Dann setzt er sich wieder\ngerade hin und wischt sich \u00fcber die Augen. Sie sagt etwas, steht auf und\nverschwindet in der Klinik. Der Mann schaut noch lange zu der T\u00fcr, durch die\nsie verschwunden ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Hans ist irritiert, er glaubt den\nMann zu kennen. Bestellt Kaffee und einen K\u00e4sekuchen, schl\u00e4gt die Zeitung auf.\nMal sehen, was sie im Fernsehen bringen, womit er sich abends vom Alleinsein\nablenken k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der andere Gast schaut her\u00fcber,\nsein und Krohns Blicke kreuzen sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEntschuldigen Sie\u201c, sagt der\nAndere, \u201ekann es sein, dass wir uns kennen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, ich glaube, ja. Vielleicht\u2026\u201c\nKrohn redet nicht weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df es jetzt.\nSchwanthalerstra\u00dfe \u2013 das ist sicher schon zehn Jahre her.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa klar.\u201c Krohn lacht. \u201eDann\nsind wir per Du.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo isses. Ich bin Jeremy.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHans. Freut mich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHans, soso. Und? Wie isses?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie? Achso. Trocken. Seit mehr\nals einem Jahr. Und Du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHab\u2018 n\u00e4chste Woche zw\u00f6lften\nJahrestag.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZw\u00f6lf Jahre ohne? Wow! Gehste\nimmer noch in die Gruppe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZweimal im Monat. Und Du? Bist\nja eine Zeit bei uns gewesen. Und dann \u2013 auf den Schlag \u2013 warste weg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, bin nach Berlin gezogen.\nHatte die Schnauze voll von der Stadt hier.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd jetzt wieder da?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa. Alles gut, soweit. Scheisse\nnur, dass man sich hier wieder trifft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kannste sagen. Ist ein\nbeschissener Ort. Sorgen, nix als Sorgen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDeine Frau?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchlimm?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa. Sehr.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18. August 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das Event hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In \u201cVettensjournal\u201d das Protokoll der Vorbereitung. Es beginnt am 9. M\u00e4rz 2019 und endet am 17. August: 22 WOCHEN. 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