{"id":3670,"date":"2019-04-17T11:27:23","date_gmt":"2019-04-17T11:27:23","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3670"},"modified":"2019-04-17T11:28:19","modified_gmt":"2019-04-17T11:28:19","slug":"3670-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/3670-2\/","title":{"rendered":"SIE"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><strong><em>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18.\nAugust 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das\nEvent hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In \u201cVettensjournal\u201d das Protokoll der Vorbereitung.\nEs beginnt am 9. M\u00e4rz 2019 und endet am 17. August: 22 WOCHEN.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie atmet\njetzt ruhig und ungest\u00f6rt. Sabrina hat die Beine angewinkelt, liegt auf der\nSeite, der Hintern ber\u00fchrt Hans Krohns H\u00fcfte. Er l\u00e4sst sich ziellos durch\nSteinbecks Welt treiben, ist aber mit den Gedanken nicht beim Buch. Seine\nRechte streichelt \u00fcber Sabrinas H\u00fcfte, sie r\u00e4kelt sich wie eine Katze, die sich\nso etwas gern gefallen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sabrinas Sinnlichkeit hat ihn\nschon berauscht, als sie noch nicht zusammen waren. Er erinnert sich, wie er\nsie zum ersten Mal sah: Da verkaufte sie auf dem Wochenmarkt von Neuruppin\nitalienische Spezialit\u00e4ten. War ja kein heimeliger Ort, die Karl-Marx-Stra\u00dfe\nvor der Marienkirche. Waren auch per se keine herzlichen Menschen, die\nBrandenburger an einem wolkenverhangenen Samstag. Aber an Sabrinas Stand wurde\ngel\u00e4chelt. Die Leute, sintemal die Kerle, &nbsp;bekamen eine ungewohnte Schwatzhaftigkeit, sie\nlachten und \u2013 so gut sie es konnten \u2013 sie flirteten mit der Schwarzhaarigen,\ndie so nett das R rollte und die W\u00f6rter an die falschen Stellen in den S\u00e4tzen\nplatzierte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war eine Frau, wie man sie\nnicht so h\u00e4ufig hat im Norden. Sie gurrte und lachte kehlig, sie machte der\nStadt sch\u00f6ne Augen. Krohn \u2013 kein Vegetarier, aber mit Fleisch hat er es nicht\nso \u2013 hat bei Sabrina Salami und Mortadella gekauft, dann konnten sie reden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie haben sich wieder getroffen, haben\nzusammen gelebt, sie haben erregende Monate miteinander gehabt. Dann hat er\nsich nicht getraut, mehr zu wollen \u2013 und sie ist heim gefahren nach Italien.\nHat sp\u00e4ter eine Karte geschickt, sie lebe nun in S\u00fcdtirol, wenn er wolle, solle\ner sie doch einmal in den Bergen besuchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hat sich wieder nicht getraut.\nSeine Zeit in Berlin hat er abgelebt \u2013 bis es nicht mehr ging. Bis er jederzeit\nin der Stadt \u00fcberall am falschen Fleck war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dachauer Moos. Verfallendes\nTorfstecherhaus im Nirgendwo. Mit ein paar M\u00f6beln, den B\u00fcchern, dem Computer\nund einem japanischen Wundermesser zog er ein. Hat hier ein wenig repariert,\ndort eine Kleinigkeit ausgebessert, hat seine Zeilen geschrieben. Die Verlage zahlten\nnicht viel, es reichte gerade mal so, aber es reichte. Krohn ist vielleicht ein\nbisschen wunderlich geworden, er war ein alternder Mann von gro\u00dfer Z\u00e4higkeit\nund mit einem klein gelebten Zorn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal \u2013 ja das gab es schon \u2013\ntrieb er sich drau\u00dfen herum und hatte einen gl\u00fcckhaften Augenblick. Oder \u2013 ja,\ndas konnte er sich erlauben \u2013 er wanderte tagelang durch die Berge und verga\u00df\nalles Zweifeln, weil er so eins war mit dem, was er tat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die meiste Zeit kam er mit seinem\nTraurig-Sein ganz gut klar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und eines Tages stand Sabrina an\nder T\u00fcr. Sie ging nicht wieder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So war das.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und so ist das:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sabrina schl\u00e4ft, aber sie schl\u00e4ft\nsich nicht gesund. Die Krankheit frisst ihr die Kraft weg, auch wenn sie noch\nso mutig dagegen lebt. Die Krankheit l\u00e4sst Sabrina nicht aus dem Griff. Mal\nwird die Frau ganz euphorisch, weil sie seit Stunden ohne Schmerzen ist. Weil\nsie den Einkauf erledigt und im Garten die Zwiebeln steckt. Weil sie die Sonne\nauf den blo\u00dfen Armen genie\u00dft, dass sich die flaumigen H\u00e4rchen aufstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann kriecht aus dem\nHinterhalt die Krankheit und schlie\u00dft den Griff. Zwingt Sabrina nieder. Treibt\nihr den Schmerz in die dunklen Augen und bringt die Angst mit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da liegt sie und schl\u00e4ft. Bald\nmuss sie ins Krankenhaus. Bald werden sie Sabrina bet\u00e4uben und aufschneiden.\nWenn sie sie retten wollen, m\u00fcssen sie ihre Sch\u00f6nheit aufschneiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So ist das.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. 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