{"id":3647,"date":"2019-04-04T10:46:42","date_gmt":"2019-04-04T10:46:42","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3647"},"modified":"2019-04-04T10:46:45","modified_gmt":"2019-04-04T10:46:45","slug":"und","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/und\/","title":{"rendered":"&#8220;UND?&#8221;"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><em>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18.\nAugust 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das\nEvent hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In \u201cVettensjournal\u201d das Protokoll. Es beginnt am 9.\nM\u00e4rz 2019 und endet am 17. August: 22 WOCHEN. <\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir schreiben den 1.\nApril, hier drinnen im Wartezimmer ist freilich niemandem nach Scherzen zumute.\nGerade hat sich eine mollige Polin zu uns gesellt \u2013 sie hat gestern wohl gut\ngegessen, es riecht sehr schnell nach ausgeschwitztem Knoblauch und Bier. Der\nRock der Frau ist etwas kurz, die Bluse eine Nummer zu eng. \u201eDarf ich\u201c, fragt\nsie lachend und sitzt und schwitzt. Dazu bearbeitet sie schnaufend ihr Handy.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten hier\nblicken auf ihr Smartphone. Keiner tippt etwas ein, alles gucken aufs Display. Keine\nKraft, selbst zu schreiben. Lesen ist anstrengend genug.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des\nRaums bleiben die zwei Stapel Magazine auf dem verschossenen Tisch unber\u00fchrt,\nder Ton des Wandfernsehers ist ausgeschaltet. Stumm laufen die\nZehnuhr-Nachrichten bei ntv. <em>Dortmund\nwieder Tabellenf\u00fchrer &#8212; Die Brexit-Britin May ist immer noch im Amt &#8212; Streik!\nGanz Berlin im Stau &#8212; Sebastian Vettel hat in der Formel 1 Mist gebaut, ganz\nschlimm f\u00fcr ihn.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Durchs Fenster lasert\ndie Fr\u00fchjahrssonne. Drau\u00dfen bl\u00fcht der Flieder. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier drinnen warten\nalle auf die n\u00e4chste Ansage. Kurzer Signalton. Pause. Dann wird ein Name durch\nden Lautsprecher gebelfert, danach eine Zimmernummer. Ein Mensch im Wartezimmer\nmacht sich hastig auf den Weg (nur wenige k\u00f6nnen sich gut bewegen), die Anderen\nblicken wieder aufs Display.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal reagiert\nniemand. Es vergeht keine Minute, dann ist der Name nicht mehr aktuell. Ein\nneuer Mensch wird ins Zimmer beordert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei ntv ist es 10.07\nUhr.<\/p>\n\n\n\n<p>Blingeling!\nBlingeling!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHerr Loibl! Zimmer\n6.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist ein grauer\nausgemergelter Mittvierziger. Grauer, ausgeleierter Anzug, zertretene schwarze Leder-Schn\u00fcrschuhe.\nHerr Loibl erschrickt, als er seinen Namen h\u00f6rt. Eilig verl\u00e4sst er das\nWartezimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist er auch\nschon wieder da. Murmelt eine Entschuldigung in den Raum, sch\u00e4lt mit zittrigen\nH\u00e4nden einen blauen Anorak vom Draht-H\u00e4nger. Murmelt \u201eAuf Wiedersehen\u201c und\nwindet sich durch die T\u00fcr in den Vorraum. An der Rezeption kl\u00e4rt er noch, wann\ner wieder erwartet wird, dann ist Herr Loibl \u2013 der Mann, dem der Mut abhanden\ngekommen ist &#8211; weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei ntv ist es 10.16\nUhr.<\/p>\n\n\n\n<p>Blingeling!\nBlingeling!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHerr Rammelmeier.\nZimmer 7.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist alt. Geht an\nKr\u00fccken, das macht sehr viel M\u00fche. Aber Herr Rammelmeier ist ein durch und\ndurch freundlicher Mann. Er l\u00e4chelt viel, sagt oft Bitte und Danke. Er leidet\nin stiller Duldsamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTschuldigen\u2019S bittsch\u00f6n\u201c,\nsagt er, als er sich aus dem Stuhl an die Kr\u00fccken hievt. Jemand h\u00e4lt Herrn\nRammelmeier die T\u00fcr auf. Alle verfolgen stumm seine Passage durch den Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg bis zu Zimmer\n7 ist f\u00fcr ihn noch grauslig weit. Herr Rammelmeier hat jetzt kleinen Schwei\u00df\nauf der Stirn.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig sp\u00e4ter bekommt\ner an der Rezeption seinen n\u00e4chsten Termin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eServus\u201c sagt er\nheiter. \u201eBis dann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Visite beim Arzt\nhat nicht mal drei Minuten gedauert. Nun ist der Patient erst einmal entlassen\nin seine Krankheit da drau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine halbe Stunde\nsp\u00e4ter wartet der Willi \u2013 er wird bald sterben, das wei\u00df jeder, der ihn sieht &#8211;\nim Treppenhaus auf den Aufzug. Den braucht er, mit dem Rollator schafft er es sonst\nnicht aus dem zweiten Stock hinunter. <\/p>\n\n\n\n<p>Er st\u00fctzt sich also\nauf seine Gehhilfe und schnauft nach dem Arztbesuch durch. Da kommt ein\nBekannter die Stufen hoch. Der ist Handwerker, hat eine ordentliche Wampe und\nein Biergesicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAh, der Willi\u201c\npl\u00e4rrt er, als er den alten Mann am Lift sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, Du! Aa do?!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Andere baut sich\nvorm Willi auf. Seine Frage dr\u00f6hnt durchs ganze Treppenhaus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Willi zuckt mit den\nSchultern. J\u00e4mmerlich sieht er aus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWoa\u00dft eh, wia\u2019s is.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das will der Andere\ngar nicht h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVerstehe. Aba bessa,\nma jammert net. Konnst eh nix \u00e4ndern. Es is wia\u2019s is.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufzug kommt.\nWilli schiebt den Rollator rein und sich hinterher. Weg ist er. <\/p>\n\n\n\n<p>Gottseidank.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18. August 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das Event hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In \u201cVettensjournal\u201d das Protokoll. Es beginnt am 9. M\u00e4rz 2019 und endet am 17. August: 22 WOCHEN. Wir schreiben den 1. 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