{"id":3617,"date":"2018-09-16T17:35:21","date_gmt":"2018-09-16T17:35:21","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3617"},"modified":"2018-09-16T17:35:21","modified_gmt":"2018-09-16T17:35:21","slug":"weg-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/weg-2\/","title":{"rendered":"WEG!"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-align: left; color: #000000; text-transform: none; text-indent: 0px; letter-spacing: normal; font-family: 'Times New Roman',Times,serif; font-size: 15px; font-style: normal; font-variant: normal; text-decoration: none; word-spacing: 0px; display: inline !important; white-space: normal; orphans: 2; float: none; -webkit-text-stroke-width: 0px; background-color: transparent;\">Krohn wird umziehen. Weg aus der lauten Stadt. Weg in die Welt. An den letzten Tagen sieht er sich noch einmal um. Lokaltermine, jeden Morgen um dreiviertel sechs in Berlin und im Brandenburgischen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kind eins, Kind zwei, Kind drei.<\/p>\n<p>Her damit.<\/p>\n<p>Sie hat geschrieen und gejammert im Kreissaal.<\/p>\n<p>Ihm war ganz bl\u00fcmerant gewesen. Nach der ersten Geburt ist er in einen Wald gefahren und hat geheult. Er war der einfache Max, warum sollte er Vater sein?<\/p>\n<p>Die Kraft war ja noch in seinen Armen. Ger\u00fcste hat er geschraubt, bis die H\u00e4nde nicht mehr konnten. Ist nach Hause gekommen, da waren\u2019se dann schon:<\/p>\n<p>Frau.<\/p>\n<p>Kind 1.<\/p>\n<p>Kind 2.<\/p>\n<p>Kind 3.<\/p>\n<p>Wollten, dass er da war.<\/p>\n<p>Mehr nich.<\/p>\n<p>Er war sich nicht behaglich.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Die Menschen im Flur standen bleich, schweigend, mit schwerem Atem. Der hagere Mann in der Schirmm\u00fctze schien mit einem versteckten, grimmigen, sachverst\u00e4ndigen Lachen die Einschl\u00e4ge zu sch\u00e4tzen. Vielleicht war er einer aus dem gro\u00dfen Kriege, ein Zur\u00fcckgekommener, und kannte das Spiel &#8230;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Im Flur war es fast dunkel. Aber auch drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe hatte sich eine D\u00e4mmerung herabgeschlichen, in der alle gewohnten Laute der Erde zu ersticken schienen. Dann ging ein \u00e4ngstliches Flackern quer \u00fcber die Scheibe des Haustors, einen Augenblick irrte der pfeifende Schrei von fl\u00fcchtenden V\u00f6geln zwischen den H\u00e4usern entlang, \u2013 und dann war wieder lastende Stille unter der schattenverdeckten Sonne. Erstorbene Mondluft schien \u00fcber der vereisten Erde zu liegen und mit tausend weitsaugenden M\u00fcndern alle Farben einzuschlucken.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Paul Gurk ist schon fr\u00fch gestorben. Sein K\u00f6rper lebte noch, aber er, der Paul Gurk mit den hohen Pl\u00e4nen, war hin\u00fcber. Der Rest war Sehnsucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Max, der Mann vom Bau, f\u00fchlte sich wie tot, w\u00e4hrend die Kinder um seine Beine tobten. Ein Mann wie ein Baum &#8211; und tot innendrin.<\/p>\n<p>Sonntags b\u00fcxte er aus. In den Tiergarten, in den Norden der Stadt. In Kaschemmen. Weg.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Die Dielen des Tanzsaales dr\u00f6hnten unter den Hufschl\u00e4gen der benagelten Stiefel Die modischen Anz\u00fcge aus dem Kaufhause w\u00fcrgten sich um die eckigen Glieder der Bauernburschen, der Knechte, der Ziegeleiarbeiter. Eckenpenn sa\u00df stumm vor seinen Bratkartoffeln. \u201eAuch hier ist Berlin\u201c, gr\u00fcbelte er, \u201eauch hier ist die gro\u00dfe Stadt. Erw\u00fcrgt sie auch schon das Dorf? Wie weit geht sie hinaus und frisst mit ihrem steinernen Maul und den eisernen Z\u00e4hnen das Land auf, mit einem Biss Hektare ausrei\u00dfend und Brache, \u00c4cker und W\u00e4lder in den Schlund schickend? Das ist Berlin\u201c, dachte er grimmig.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Doch nun ist finito mit Fliehen. Max hat die Kraft nicht mehr. Er wird jetzt einfach, an diesem Morgen um sechs Uhr, nicht in die Firma gehen. Er wird kehrt machen.<\/p>\n<p>Weg.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>In den Tannenzweigen beginnt es zu rascheln, zu rauschen. Trotz eines sonderbaren Zwielichts ist es so, als s\u00e4nge ein Chor von V\u00f6geln \u2013 sogar ein Quartett\u2026 Ist das erh\u00f6rt? Das geht doch gar nicht\u2026 Aber es ist die Melodie eines Chorals, welches nur?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Ich schreite in mich hinein. Es gibt ein elektrisches Zucken in mir. Der Weg, der Wald, das D\u00e4mmerlicht: alles zerrei\u00dft, entschwindet, wird zur Staubwolke.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Die Staubwolke senkt sich herab, wird zerblasen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Ich sehe einen Friedhof. Sturm heult. Die Trauerweiden biegen sich. Bl\u00e4tter segeln \u00fcber die Reihen der Gr\u00e4ber, taumeln, bleiben auf den H\u00fcgeln oder in den schmalen Zwischenwegen liegen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Vier M\u00e4nner tragen einen Sarg.. Ich h\u00f6re, wie sie sich unterhalten, w\u00e4hrend sie in die H\u00e4nde spucken und graben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eNaja, freijejem ha\u2019m sie ihn ja. Der muss doch keenen jehabt ha\u2019m, nich?\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eNee, keen Aas, keene Menschenseele.\u201c\u201cDu, da looft ja so\u2019n kleener schwarzer K\u00f6ter hinterher und l\u00e4sst den SWchwanz h\u00e4ngen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eMensch hau ab, hier is keen Herrchen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eSchmei\u00df doch \u2018nen Stein nach die T\u00f6le! Der heult ja wie \u2018ne Witwe.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eDer wird Hunger ha\u2019m. Weg! Mensch, jetzt singen ooch noch die V\u00f6jel wie\u2019n M\u00e4nnerchor.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>GENAU!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krohn wird umziehen. Weg aus der lauten Stadt. Weg in die Welt. An den letzten Tagen sieht er sich noch einmal um. 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