{"id":3612,"date":"2018-09-14T14:59:57","date_gmt":"2018-09-14T14:59:57","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3612"},"modified":"2018-09-14T15:00:19","modified_gmt":"2018-09-14T15:00:19","slug":"max-paul-und-sie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/max-paul-und-sie\/","title":{"rendered":"MAX, PAUL, SIE"},"content":{"rendered":"<p>Krohn wird umziehen. Weg aus der lauten Stadt. Weg in die Welt. An den letzten Tagen sieht er sich noch einmal um. Lokaltermine, jeden Morgen um dreiviertel sechs in Berlin und im Brandenburgischen.<\/p>\n<p>Max erinnert sich bisweilen daran, dass er auch mal so Tr\u00e4ume hatte. Wer hat die nicht? Wenn er noch jung ist und einer der Kr\u00e4ftigsten in der Bau-Brigade. Wenn er im Kahrener Sportverein zum Capo gew\u00e4hlt wird, als sie den neuen Rasenplatz anlegen. Wenn er in der Disco die M\u00e4dels im Akkord umnietet, weil er die besten Spr\u00fcche drauf hat.<\/p>\n<p>Damals \u2013 Sturm und Drang, verstehste? &#8211; hat f\u00fcr den Max die Zukunft noch die tollsten Szenarien parat. Vielleicht wird er sogar irgendwann nach Berlin umsiedeln, vielleicht wird er in Mitte wohnen und mit seiner Familie unterm Alex Eis essen. Im Urlaub Bulgarien, das Meer und Kinder-Machen unterm s\u00fcdlichen Sternenhimmel.<\/p>\n<p>Ja, solche Sachen hat er sich schon vorgestellt, der Max.<\/p>\n<p>Aber dann hat er sich, Mal f\u00fcr Mal, die Nase an der n\u00e4chsten Mauer blutig gerannt.<\/p>\n<p>Ist an der Frau h\u00e4ngen geblieben. Die Kinder haben sie in der Zweiraumwohnung in Cottbus Ost gemacht, sonnabends, danach ist er noch in die Kneipe, weil er unzufrieden war mit alledem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und irgendwann hatte es sich mit dem Tr\u00e4umen.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Der Wagen war nat\u00fcrlich \u00fcberf\u00fcllt. Die Leute standen oder sa\u00dfen eng zusammengedr\u00fcckt, hustend, im Tabaksqualm, b\u00f6sartig glotzend oder in die Zeitung stierend. Hass gegen den sogenannten Mitmenschen, der Raum beanspruchte, dampfte erstickend.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>An den Trittbrettern hingen Gesch\u00f6pfe, die mit einem satanisch-amtlichen Witz Fahrg\u00e4ste genannt werden und durch Entrichtung von Geld einen Bef\u00f6rderungsvertrag schlie\u00dfen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Verzweifelnd aber, ein stygischer F\u00e4hrmann, ein Seelenverk\u00e4ufer mit \u00dcberfracht, zw\u00e4ngt sich der Schaffner durch die Schatten. Schwer hocken sie da oder h\u00e4ngen halb schlafend an den Haltestricken, taumelnd wie aufrechtstehende Ertrunkene in der Str\u00f6mung am Grund des Meeres. Ein Kind schrie unausgesetzt. Die Mutter sah sich Beifall heischend um, stolz darauf, dass ihr Erzeugnis so br\u00fcllen konnte.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Max ist ja einer von ihnen. Er hockt zwischen schwitzenden Frauen und M\u00e4nnern auf seinem Sitz in der U-Bahn und hat mit seinem Handy zu tun.<\/p>\n<p>Facebook. Kleines Spielchen. SMS. Wieder daddeln.<\/p>\n<p>Sowas.<\/p>\n<p>Links von ihm tippt eine Rothaarige einen Text in das Telefon. Rechts liest der massige, ungut riechende B\u00fcromensch seine Post. Gegen\u00fcber haben sie sich aus der Gegenwart weg gebeamt.<\/p>\n<p>Ein junger magerer Mann steigt zu und w\u00fcnscht mit kr\u00e4ftiger Stimme einen Guten Morgen. Er entschuldigt sich f\u00fcr die St\u00f6rung, aber er sei nun mal auf der Stra\u00dfe und brauche ein wenig Kleingeld zum \u00dcberleben.<\/p>\n<p>Vortrag beendet. Der junge Mann schlingert durch den Wagen, bekommt keinen Cent, steigt aus.<\/p>\n<p>Max steckt das Handy ein. Er ist gleich da.<\/p>\n<p>Jeden Morgen die gleiche Schei\u00dfe.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Fredi, Hermines Tanzpartner, brauchte ganz dringend Gold. Es kam heraus, dass wohl eine Art Unterschlagung vorliege, die schleunigst wieder gut gemacht werden m\u00fcsse. Das M\u00e4dchen war mit ihrem Geld zu Ende. Sie liebte es ja auch ohnehin nicht, mit ihrem Geld am Anfang zu sein. Eckenpenn sollte also helfen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eAber ich habe nichts!\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eEin so solider Mann in gesetzten Jahren hat immer was\u201c, hatte Hermine entgegnet.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eUnd wie komme ich dazu, diesem eleganten J\u00fcngling mit dem Lik\u00f6rgesicht und den Tanzschuhen etwas zu geben?\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eSie geben doch ihm nicht, Eckenpennchen, Sie geben&#8217;s mir!\u201c hatte das M\u00e4dchen gebettelt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eAber der Mensch ist doch ein Lump! Er hat unterschlagen!\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eAber \u2013 er tanzt doch zu sch\u00f6n!\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eUnd er nutzt Sie nur aus, Hermine! Er wird immer Geld brauchen! Er tut nichts. Er ist ein Tagedieb!\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eAber tanzen ist auch Arbeit, ist Nachtarbeit!\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eSie werden es bereuen, Hermine!\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eIch \u2013 und bereuen? Ich werde doch etwas so Altmodisches nicht machen!\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Er h\u00e4tte auf seinen Kumpel h\u00f6ren sollen. Er solle die Finger von der Schlampe lassen, hatte der gemeint. Solle lieber einen ordentlichen Stiefel durch ziehen, saufen, bis der Arzt kommt, okay. Aber Griffel weg von der Schlampe.<\/p>\n<p>Er hat nicht auf seinen Kumpel geh\u00f6rt. Die Mucke war anregend, er: scharf wie Nachbars Lumpi. Getrunken hatte er auch schon was, gerade so viel, dass es noch mehr aufgeilte.<\/p>\n<p>Also lie\u00df er die Finger nicht von ihr.<\/p>\n<p>Max wei\u00df es heute nicht mehr (ist schon ewig her) \u2013 aber sie war wohl gut im Bett. Ansonsten h\u00e4tte er es doch bei der einen Nacht bewenden lassen.<\/p>\n<p>Nee, er erinnert sich echt nicht mehr, wie sich das alles entwickelt hat, damals in Cottbus.<\/p>\n<p>Da sind nur noch Fetzen:<\/p>\n<p>Spaziergang am Sonntagnachmittag.<\/p>\n<p>Kaffee und Kuchen bei ihren Eltern. Mamas Sauerbraten mit ihr als Gast.<\/p>\n<p>Das &#8220;Du&#8221; mit den Eltern des Anderen.<\/p>\n<p>Wieder so ein Spaziergang. Sie sagt: \u201eWir m\u00fcssen reden. Ich will Kinder haben. Was ist mit Dir?\u201c<\/p>\n<p>Wie?, fragt er. Was soll mit mir sein?<\/p>\n<p>\u201eWillste auch Kinder?\u201c<\/p>\n<p>\u201e\u00c4\u00e4hm.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWeil \u2013 wennde keine willst, dann hat das keine Zukunft mit uns.\u201c<\/p>\n<p>Okay, dann hat er ihr eben den ersten Schraz gemacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krohn wird umziehen. Weg aus der lauten Stadt. Weg in die Welt. An den letzten Tagen sieht er sich noch einmal um. Lokaltermine, jeden Morgen um dreiviertel sechs in Berlin und im Brandenburgischen. Max erinnert sich bisweilen daran, dass er auch mal so Tr\u00e4ume hatte. Wer hat die nicht? 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