{"id":3608,"date":"2018-09-12T16:23:35","date_gmt":"2018-09-12T16:23:35","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3608"},"modified":"2018-09-12T16:25:36","modified_gmt":"2018-09-12T16:25:36","slug":"paul-max","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/paul-max\/","title":{"rendered":"PAUL, MAX"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"display: inline !important; float: none; background-color: transparent; color: #000000; font-family: 'Times New Roman',Times,serif; font-size: 15px; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: 400; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-decoration: none; text-indent: 0px; text-transform: none; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; word-spacing: 0px;\">Krohn wird umziehen. Weg aus der lauten Stadt. Weg in die Welt. An den letzten Tagen sieht er sich noch einmal um. Lokaltermine, jeden Morgen um dreiviertel sechs in Berlin und im Brandenburgischen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dreiviertel sechs auf der Afrikanischen Stra\u00dfe, Haus 144.<\/p>\n<p>Hier ist Paul Gurk gestorben.<\/p>\n<p>Schon lang her ist das.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Mann tritt aus dem Haus. Er ist mager. Hat eine Arbeitshose an, die \u00fcber dem Knie endet. Das wird wieder ein hei\u00dfer Tag auf dem Bau.<\/p>\n<p>Das schmuddlige T-Shirt schlackert um den ausged\u00f6rrten K\u00f6rper des Mannes. Der Rucksack mit den Stullen und der Wasserflasche baumelt von den Schultern. Lichtes Haar, zerarbeitete H\u00e4nde, aufgetragene Schuhe.<\/p>\n<p>Ein ungel\u00fcftetes Gesicht.<\/p>\n<p>Der Mann bleibt vor der T\u00fcr stehen, fingert eine Packung aus der Hose, z\u00fcndet sich eine Zigarette an. Raucht gierig und freudlos. Er gr\u00fc\u00dft eine Frau, die den Rollator an ihm vorbei schiebt.<\/p>\n<p>Der Mann hei\u00dft Max. Er ist immer m\u00fcde. Nach dem Aufstehen m\u00f6chte er am liebsten gleich wieder ins Bett. Seine Bewegungen sind von gro\u00dfer Traurigkeit. Er lacht selten und ist nicht froh dabei. Seine Frau nimmt er nicht mehr wahr, die Kinder gehen ihm auf die Nerven, wenn sie zu Besuch sind.<\/p>\n<p>Am Wochenende setzt er sich in den Kleinen Tiergarten und nimmt sich Zeit. In der Thermoskanne ist Tee, im Rucksack sind Obst und Brot. Er hat die Zeitung gekauft und studiert sie.<\/p>\n<p>Todesf\u00e4lle und Verbrechen. Frau Merkel und Herr Trump. Die Bundesliga. In der Beilage werden Smartphone-Allesk\u00f6nner angeboten. In Pankow kann man Doppelhaush\u00e4lften kaufen. Stellen sind auch ausgeschrieben \u2013 nat\u00fcrlich keine, f\u00fcr die er gut w\u00e4re.<\/p>\n<p>Er muss froh sein mit dem, was er hat.<\/p>\n<p>Was Anderes gibt\u2019s nicht f\u00fcr einen wie ihn.<\/p>\n<p>Er muss froh sein, dass er diese Wochenenden auf der Parkbank f\u00fcr sich hat.<\/p>\n<p>Muss er wirklich froh sein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Max schnippt die Kippe weg und setzt sich in Gang. Obwohl er gut zu Fu\u00df ist, wirkt er wie einer, der ein Bein nach zieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier hat auch Paul Gurk gelebt. War auch so ein d\u00fcnner Spargel. Hatte kein Geld f\u00fcr Klamotten, hatte zu wenig, um sich was Anst\u00e4ndiges zum Essen zu leisten. Gurk war immer klamm. Das machte grundzornig. Denn er hatte es nicht verdient, so arm zu sein.<\/p>\n<p>Gurk ist ein gro\u00dfer Schriftsteller gewesen. Hat alles auf eine Karte gesetzt und sich fr\u00fch in den Wartestand versetzen lassen. Da war er gerade mal 53 und beamteter Obersekret\u00e4r. H\u00e4tte gut bis zur Rente durchhalten k\u00f6nnen und w\u00e4re nicht arm gewesen.<\/p>\n<p>Aber er wollte vom Schreiben leben. W\u00e4re doch gelacht! Als Junger hatte er den Kleist-Preis bekommen, und die Kollegen waren sich einig, dass der Gurk ein Gro\u00dfer war. Der lie\u00df sich nicht mal vorschreiben, nach welchen Regeln er schrieb. Der lie\u00df einfach die W\u00f6rter und die S\u00e4tze los.<\/p>\n<p><em>Der Doktor lachte leise und ein wenig sp\u00f6ttisch. \u201eDas Gesch\u00e4ft hat sich eingeregnet, nicht wahr?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIch m\u00fcsste mein Zelt erweitern und Kaffee und Kuchen oder Bier mit W\u00fcrstchen und Salzstangen dazu verkaufen. Das w\u00fcrde gehen\u201c, sagte Eckenpenn.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eFamos!\u201c rief Doktor Seidenschwanz. Er klopfte zweimal an die Nase, \u00fcberlegte und sprach dann: \u201eWarum tun Sie&#8217;s nicht? Ein fliegender Buchladen in Verbindung mit fliegender Wurst, Geist und K\u00f6rper in einer geschmackvollen Verbindung: das w\u00e4r doch etwas Neues! Ein japanischer Miniaturwertheim.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>&#8212;<\/em><\/p>\n<p><em>Am Vormittag ging der Buchtr\u00f6dler sp\u00e4t aus seiner Kammer. Frau Lehnert hatte ihn erst durch einen Besenstiel, der gegen seine T\u00fcr polterte, wecken m\u00fcssen. Denn da er nur eine Schlafstelle bezahlte und mithin der Schlaf zu einer angemessenen Morgenstunde beendet sein musste, entzog er seine Kammer durch zu lange Nutzung der freien t\u00e4glichen Verf\u00fcgung der Wirtin. Frau Lehnert pflegte in ihr K\u00f6rbe abzusetzen und W\u00e4sche aufzuh\u00e4ngen. Krankheit war nicht vorgesehen. Ein solcher Fall l\u00f6ste die Vereinbarung und war gleich K\u00fcndigung, und auch das Krankenhaus nebst Kapelle und Leichenhaus war ganz in der N\u00e4he.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Buchtr\u00f6dler blickte scheu hin\u00fcber. Das Schicksal, hier ausl\u00f6schen zu m\u00fcssen, zu sterben unter Menschen, mit denen er nicht h\u00e4tte leben wollen, sah ihm gelassen und f\u00fcrchterlich ins Gesicht.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gurk ist verreckt. Hat es nicht geschafft, irgendwie. Gurk hat geschrieben wie gehetzt. Manchmal ist er einen Text los geworden, manchmal hat es keinen Schwanz interessiert. Die Arrivierten \u2013 die Brechts und D\u00f6blins und Manns und Tucholskys \u2013 waren froh, dass er ihnen nicht in die Quere kam.<\/p>\n<p>Der Mann war gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Hat sich nichts geschissen.<\/p>\n<p>Existenzialismus?<\/p>\n<p>Realismus?<\/p>\n<p>Neue Sachlichkeit?<\/p>\n<p>Surrealismus?<\/p>\n<p>War ihm doch egal. Er hat geschrieben, wie er es lebte.<\/p>\n<p>Dann ist er verendet. Am 12. August \u201953. 73 war er da, war es finito mit seiner schmalen Z\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Paul Gurk: Bis zum Schluss erz\u00e4hlend, schreibend, nicht mehr richtig lebend, verbitternd.<\/p>\n<p>Heut\u2018 hat er ein Ehrengrab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Max wei\u00df nicht mal, was ein Ehrengrab ist.<\/p>\n<p>Er hat nichts zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Wer will schon wissen, wieviele Karren er auf der Baustelle geschoben hat. Was f\u00fcr Witze sich die Kollegen zum zigsten Mal erz\u00e4hlt haben. Ob die Frau die Haare pl\u00f6tzlich k\u00fcrzer hatte. Wie es war, vor dem Kreissaal. Wie es war, in der Cottbuser Vorstadt, als er das Radfahren mit dem gro\u00dfen Bruder lernte. Wie es war, als sich der gro\u00dfe Bruder mit 19 aufgeh\u00e4ngt hat. Wie es war, wenn der Vater zu trinken begann (das tat er t\u00e4glich), wenn er Fortschritte mit dem Saufen machte, wenn er den Pegel zum Frauen-Pr\u00fcgeln hatte. Wie es war, wenn die Mutter heimlich weinte. Wie es war in der DDR, wo er, der Max, zu den Beschissenen geh\u00f6rte, ihn wollten sie nicht mal als Stasi-Hiwi.<\/p>\n<p>Max wei\u00df nicht, wie sehr sich seine Biographie mit dem Leben eines Paul Gurk deckt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krohn wird umziehen. Weg aus der lauten Stadt. Weg in die Welt. An den letzten Tagen sieht er sich noch einmal um. Lokaltermine, jeden Morgen um dreiviertel sechs in Berlin und im Brandenburgischen. &nbsp; Dreiviertel sechs auf der Afrikanischen Stra\u00dfe, Haus 144. Hier ist Paul Gurk gestorben. 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