{"id":3601,"date":"2018-08-28T16:15:59","date_gmt":"2018-08-28T16:15:59","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3601"},"modified":"2018-08-28T16:18:54","modified_gmt":"2018-08-28T16:18:54","slug":"steine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/steine\/","title":{"rendered":"STEINE"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"display: inline !important; float: none; background-color: transparent; color: #000000; font-family: 'Times New Roman',Times,serif; font-size: 15px; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: 400; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-decoration: none; text-indent: 0px; text-transform: none; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; word-spacing: 0px;\">Krohn wird umziehen. Weg aus der lauten Stadt. Weg in die Welt. An den letzten Tagen sieht er sich noch einmal um. Lokaltermine, jeden Morgen um dreiviertel sechs in Berlin und im Brandenburgischen.<\/span><\/p>\n<p>Fred: m\u00fcde. Mies gelaunt. Kippt den Schnaps mit Widerwillen. Sp\u00fclt nach. Ruft \u00fcber den Tresen, mit schwerer Stimme, man m\u00f6ge ihm noch eine Runde bringen, nun sei es auch schon egal.<\/p>\n<p>\u201eMann, bin ich fertig.\u201c<\/p>\n<p>Biene: mitf\u00fchlend. Wach. Sehr rote Lippen. Tut Zucker in den Kaffee.<\/p>\n<p>\u201eKomm, wir geh\u2019n nach Hause. Is noch nich mal sechs. Wir gehen was fr\u00fchst\u00fccken. Dann kannste erz\u00e4hlen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eErz\u00e4hln. Erz\u00e4hln. Das kannste nich erz\u00e4hln. Das musste erleben.\u201c<\/p>\n<p>Aber die Kumpels lassen\u2019s nicht gelten. Er solle berichten, was ihm widerfahren sei seit Freitagabend.<\/p>\n<p>Sie wissen: Wenn Fred bleibt, ist das f\u00f6rderlich f\u00fcr die Stimmung.<\/p>\n<p>Fred l\u00e4sst also die Geschehnisse aufleben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Freitag war er bei den Stones. 67000 People im Olympiastadion. Eine Woche hatten die Roadies zum Aufbauen der B\u00fchne gebraucht, mit 70 Trucks sind die Stones unterwegs.<\/p>\n<p>Er, Fred, schon vier Stunden vor Konzertbeginn in der U7. Rappelvoll. Beim Umsteigen an der Bismarckstra\u00dfe sieht er doch glatt den \u201eZecke\u201c auf der Rolltreppe. \u201eHe, Zecke, Du Penner\u201c, ruft Fred. \u201eZecke\u201c dreht sich um, er ist es.<\/p>\n<p>Nee, das glaubste nicht. Der \u201eZecke\u201c. Fred hatte gedacht, der sei schon abgetreten. Seit Jahren hat er nix mehr von dem geh\u00f6rt. Das letzte Mal erz\u00e4hlte einer, der \u201eZecke\u201c wohnt nicht mehr in Kreuzberg, der musste in die Gropiusstadt. Hartz IV, total verpeilt.<\/p>\n<p>Aber etwas Genaues hat niemand gewusst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Also, da rollt er hoch, dreht sich um und sah verdammt alt aus. Lange schmierige Haare, aber auf der vorderen Kopfh\u00e4lfte w\u00e4chst nichts mehr. Ein paar Z\u00e4hne fehlen, die Augen sind karnickelrot.<\/p>\n<p>\u201eDer Fred\u201c, sagt \u201eZecke\u201c und w\u00e4re am liebsten nicht da.<\/p>\n<p>Denn da gibt es noch eine offene Rechnung.<\/p>\n<p>Mann, wie lange ist das her?<\/p>\n<p>Ist auf jeden Fall vor dem Mauerfall gewesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>War in Kreuzberg, in der N\u00e4he vom Moritzplatz. \u201eNassauer Eck\u201c hie\u00df die Pinte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man hat gebechert bis zum Morgengrauen. Ist raus getreten, es hat nach DDR gestunken, ein paar Arbeiter sind l\u00e4ngslang geradelt. Der \u201eZecke\u201c hat Unsinn verzapft, schon den ganzen Abend hatte er Quatsch geredet.<\/p>\n<p>\u201eJetzt halt mal endlich \u2018s Maul\u201c, sagte Fred, er war \u00fcberm\u00fcdet und reizbar, au\u00dferdem hatte er Sorgen.<\/p>\n<p>\u201eWat?\u201c, schrie \u201eZecke\u201c.<\/p>\n<p>\u201eMaul halten!\u201c<\/p>\n<p>Da verpasste ihm \u201eZecke\u201c eine. Nicht schlimm, aber Fred war eben wacklig auf den Beinen und fiel gegen die Hauswand.<\/p>\n<p>Kein Putz. Alte zerfressene Ziegel. An denen musste sich Fred festhalten. Er rappelte sich, entlang der Ziegel, hoch.<\/p>\n<p>\u201eWas willste? Brauchste Dresche?\u201c<\/p>\n<p>Brauchte der Andere nicht. Der war feige und wollte nicht k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Man hat sich nicht geschlagen, man hat gerangelt.<\/p>\n<p>Fred hat \u201eZecke\u201c in den Schwitzkasten genommen, weg geschubst, wollte ihn boxen.<\/p>\n<p>Da war der auch schon weg. Ist ganz sch\u00f6n geflitzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seither hat man sich nicht mehr gesehen.<\/p>\n<p>Es ist furchtbar eng in der U-Bahn zum Olympiastadion. Fred riecht, dass es \u201eZecke\u201c nicht gut geht. Der Mann ist ungewaschen, stinkt aus der Kleidung, aus dem Mund, aus den \u00fcbrigen Haaren.<\/p>\n<p>\u201eWas ist? fragt Fred. \u201eWo stehste?\u201c<\/p>\n<p>Sie stellen fest, dass sie Karten im selben Block haben. Trinken noch zwei Bier \u2013 dann rein ins Get\u00fcmmel. Nach dem Konzert am Bierstand, das ist die Verabredung.<\/p>\n<p>Der kommt oder er kommt nicht, denkt Fred. Ist egal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Geil!<\/p>\n<p>Die Stones!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Ick seh\u2018 ne rote T\u00fcr und will se schwarz anmalen.<br \/>\nKeene Farben, nirgends \u2013 aber ick willse schwarz ham.<br \/>\nIck seh\u2018 die M\u00e4dchen mit ihre Sommerkleidchen.<br \/>\nMuss weg gucken, bis et nich mehr finsta ist.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Ick seh\u2018 in mir rin, mein Herz is schwarz.<\/em><br \/>\n<em>Ick seh\u2018 meine rote T\u00fcr und will se schwarz anmalen.<\/em><br \/>\n<em>Kann sein, dass ick dann verschwinde und nix mehr seh\u2018.<\/em><br \/>\n<em>Ist nich leicht, rauszujehn, wenn die Welt schwarz is.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Fast jeder Bulle is \u2018n Kriminella,<br \/>\nUnd alle S\u00fcnder sin Heilije.<br \/>\nWie K\u00f6pfe Schw\u00e4nze sin &#8211; sacht also Luzifer zu mir.<br \/>\nHabt mer lieb und habt \u2018n bissken Anstand.<br \/>\nOda ick verwirr\u2018 eure Seelen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Sie hat jesacht \u201eMeine Br\u00fcste kriegste immer,<br \/>\nBaby, du kannste Dein m\u00fcdn Kopf bei mir ausruhen.<br \/>\nBei mir kommste immer unter in mei\u2018m Parkplatz.<br \/>\nWenn du \u2018ne Coke und \u2018n bissken Liebe brauchst.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Mir hat \u2018ne Boa jebissn,<br \/>\nAbjezockt hams mir und aufjespie\u00dft.<br \/>\nAber ick hab&#8217;s durchjezogen.<br \/>\nIck bin \u2018n Sack voll zerbrochene Eier.<br \/>\nIck hab\u2018 immer \u2018n unjemachtet Bett.<br \/>\nDu nich?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Ick krieg keene<br \/>\nS\u00e4tisf\u00e4ktschn.<br \/>\nIck krieg keen<br \/>\nM\u00e4dchen, mit dem et losjeht.<br \/>\nWat ick versuch un versuch un versuch un versuch.<br \/>\nIck krieg keene,<br \/>\nIch krieg keene<br \/>\n<\/em><em>S\u00e4tisf\u00e4ktschn.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Fred vergisst sich. Fred erinnert sich. Er ist der junge Mann mit den Hoffnungen. Der glaubt, seine Geschichte habe keine Endlichkeit. Er ist der, der die Nacht nicht enden l\u00e4sst und den Tag danach \u00fcbersteht. Stark ist er, unbesiegbar, mag den Rausch, sucht den Rausch. Sich zudr\u00f6hnen: das H\u00f6chste.<\/p>\n<p>Fred vergisst an diesem Abend bei den \u201eStones\u201c, dass die Zeit abgelaufen ist. Dass er die Zipperlein hat, dass keine Frau mehr nach ihm sieht, weil er ein abgewerkelter alter Mann ist. Dass die Zukunft vorbei ist. Er vergisst es und br\u00fcllt <em>s\u00e4tisf\u00e4ktschn<\/em>.<\/p>\n<p>Zweieinhalb Stunden, dann geben die \u201eStones\u201c Ruhe. Die jung gewordenen Menschen bekommen wieder alte Gesichter und dr\u00e4ngen durch die Ausg\u00e4nge in die Stadt.<\/p>\n<p>Fred stellt sich an den Bierwagen und wartet. Vielleicht kommt \u201eZecke\u201c ja doch.<\/p>\n<p>Und da isser.<\/p>\n<p>Schlagseite hat er.<\/p>\n<p>\u201eGeil, wa?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, echt geil.\u201c<\/p>\n<p>Fred gibt eine Runde aus.<\/p>\n<p>Man trinkt z\u00fcgig.<\/p>\n<p>\u201eWas machma jetz?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWei\u00df nich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eVielleicht Tanke. Is nich so teuer.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHast Recht \u2013 Tanke.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dfte eine?\u201c<\/p>\n<p>\u201eOben an der Heerstra\u00dfe. Aral. 20 Minuten, zu Fu\u00df.\u201c<\/p>\n<p>Ja, sagt \u201eZecke, das klinge gut. Aral sei prima. Dann werde man mal aufbrechen.<\/p>\n<p>\u201eUnd dann kaufn wir ein.\u201c<\/p>\n<p>Sie freuen sich schon mal vorab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krohn wird umziehen. Weg aus der lauten Stadt. Weg in die Welt. An den letzten Tagen sieht er sich noch einmal um. Lokaltermine, jeden Morgen um dreiviertel sechs in Berlin und im Brandenburgischen. Fred: m\u00fcde. Mies gelaunt. 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Ruft \u00fcber den Tresen, mit schwerer Stimme, man m\u00f6ge ihm noch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3587,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[916],"tags":[917,922],"class_list":["post-3601","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-5-45","tag-5-45","tag-stones","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3601","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3601"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3601\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3604,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3601\/revisions\/3604"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3587"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3601"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3601"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3601"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}