{"id":3581,"date":"2018-06-21T10:25:11","date_gmt":"2018-06-21T10:25:11","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3581"},"modified":"2018-06-21T10:25:26","modified_gmt":"2018-06-21T10:25:26","slug":"null-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/null-zukunft\/","title":{"rendered":"NULL ZUKUNFT"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Krohn wird umziehen. Weg aus der lauten Stadt. Weg in die Welt. An den letzten 55 Tagen sieht er sich noch einmal um. Lokaltermine, jeden Morgen um dreiviertel sechs in Berlin und im Brandenburgischen. Tag 10, Krohn erinnert sich immer noch.<\/span><\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">5 Uhr 45 am Spreebogen. Das Wasser kr\u00e4uselt sich leicht, ein feiner Wind streicht ostw\u00e4rts. Das wird wohl wieder ein warmer Tag, aber Wolken haben sich \u00fcber die Stadt geschoben. Wird also ein grauer, dr\u00fcckender Tag. Hoffentlich bleibt wenigstens das L\u00fcftchen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Die Obdachlosen drehen sich in ihren Schlafs\u00e4cken noch einmal um, an den fr\u00fchen Joggern st\u00f6ren sie sich nicht. In zweieinhalb Stunden m\u00fcssen sie die Banken r\u00e4umen, sonst werden sie von den Bullen verscheucht. Dann haben die Touristen Platzrecht, und die Penner m\u00fcssen zusehen, wo sie bleiben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Hans Krohn st\u00fctzt sich mit den H\u00e4nden aufs Gel\u00e4nder, er blickt hin\u00fcber zum Hauptbahnhof. Er schwitzt stark, f\u00fchlt sich pr\u00e4chtig dabei. Der Atem geht tief und leicht, der K\u00f6rper f\u00fchlt sich stark und bereit an.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Jetzt wird er also bald nicht mehr morgens durch Berlin laufen. Eigentlich schade. Er mag es, dass er auf Stra\u00dfen, durch Parks und \u00fcber Pl\u00e4tze unterwegs ist, wo er schon fast am Boden war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Es war eine b\u00f6se Zeit, damals, als er nach dem langen Winter aus den brandenburgischen W\u00e4ldern zur\u00fcck kam.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Noch war die Stadt grau-klamm, Krohn bezog ein Zimmer in Alt-Moabit. Wenn er auf die Stra\u00dfe trat, latschte er durch Matsch und giftigen Dreck. Die Leute standen m\u00fcrrisch im Weg.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Hans Krohn fror noch Wochen nach der R\u00fcckkehr aus dem Alleinsein. Alles jenseits vom Bett machte Angst, alles au\u00dfer TV war bedrohlich. Es machte M\u00fche aufzustehen und sich unter die Menschen zu mischen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Alles kostete Kraft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Die Anmeldung beim McFit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Der erste Gang in die Bibliothek.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Der neue Handyvertrag.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Das Treffen mit dem \u00fcberheblichen Bank-Lehrling.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Der Anruf bei Freunden von fr\u00fcher.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Die Tasse Kaffee in der Kneipe, wenn am n\u00e4chsten Tisch das Bier stand.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Die Inspektion des Foto-Equipments \u2013 nichts war kaputt, er konnte loslegen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Die ersten Aufnahmen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Das Betteln um Auftr\u00e4ge.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Dann hatte er einen Job. Seit Jahren wieder. F\u00fcr das Honorar h\u00e4tte er fr\u00fcher nicht mal die Zeitung ausgetragen, nun machte er sich seufzend auf den Weg.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Er knipste Schlagers\u00e4nger auf dem Roten Teppich. Die bekamen Preise und hatten schimmernde Gebisse. Konnten \u00fcberhaupt nicht anders, sie l\u00e4chelten einen m\u00fcrbe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Helene Fischer, wer hatte die nur so sch\u00f6n geklont?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Maite Kelly, warum war die so schamlos?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Beatrice Egli, war die echt?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Howard Carpendale, wann w\u00fcrde der zerbr\u00f6seln?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">DJ \u00d6tzi, warum hatten den die Berge ausgespieen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Karel Gott, ach Gott, der lebte ja immer noch?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Die jungen Frauen und M\u00e4nner, die Krohn nicht kannte. Sie waren wohl allesamt sehr wichtig \u2013 er h\u00e4tte mit Lust ihnen ihre Wichtigkeit aus den Gliedern gepr\u00fcgelt. Hans Krohn fotografierte zornig, noch eine und noch einen und noch welche.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Dann begann die Veranstaltung, ihm wurde die T\u00fcr zugeschlagen. Nicht mal ein Br\u00f6tchen gab es.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Er schickte die Fotos in die Redaktion, h\u00f6rte nichts, ein paar Wochen hatte er den Hungerlohn auf dem Konto.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Und musste um den n\u00e4chsten Auftrag betteln.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Er musste viel betteln und seinen Stolz herunter schlucken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Krohn blickt auf das Spree-Gekr\u00e4usel und ist ein bisschen stolz. Sie hatten ihn an den Eiern gehabt, alle hatten ihn an den Eiern gehabt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Er hatte beschlossen, dass er sich das nicht gefallen lassen w\u00fcrde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Er erinnert sich an den Abend, als er im Fernsehen einen amerikanischen Krimi sah. Der Held, ein Ermittler mit einem verbeulten Leben, hatte alle Bars hinter sich gelassen und war wieder auf die Beine gekommen. Er war noch immer ein verletzter Mann, der sich Gef\u00fchle untersagte. Er k\u00e4mpfte, ermittelte, er war auf der Seite des Rechts. Irgendwann fragte eine Frau \u2013 so eine richtig tolle \u2013 den Mann, wie es ihm wirklich gehe. Der Held schaute sie mit seinen blauen Augen lange an, dann sagte er: \u201eIch stehe auf. Ich atme ein und atme aus. Ich mache einen Schritt nach dem anderen. Mehr geht nicht.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Hans Krohn erinnert sich genau, was er f\u00fchlte, damals.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Ja!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Denkt er.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Das war ich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Wie eine Mumie war ich. Kein Entkommen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Habe eingeatmet, dann wieder ausgeatmet. Und nochmal. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Wollte keine Mumie mehr sein. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Einatmen. Ausatmen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Mehr ging nicht.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krohn wird umziehen. Weg aus der lauten Stadt. Weg in die Welt. An den letzten 55 Tagen sieht er sich noch einmal um. Lokaltermine, jeden Morgen um dreiviertel sechs in Berlin und im Brandenburgischen. Tag 10, Krohn erinnert sich immer noch. \u00a0 5 Uhr 45 am Spreebogen. 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