{"id":3561,"date":"2018-06-06T11:44:28","date_gmt":"2018-06-06T11:44:28","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3561"},"modified":"2018-06-06T11:45:59","modified_gmt":"2018-06-06T11:45:59","slug":"suff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/suff\/","title":{"rendered":"SUFF"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>\u201e5.45\u201c\u00a0\u00a0 &#8212;\u00a0\u00a0 Krohn wird umziehen. Weg aus der lauten Stadt. Weg in die Welt. In den letzten zwei Monaten sieht er sich noch einmal um. Lokaltermine, morgens um dreiviertel sechs in Berlin und im Brandenburgischen. Teil 6, Thorwaldsenstra\u00dfe, es ist der 6. Juni 2018.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwei Bauarbeiter warten auf ihre Kollegen und trinken Kaffee aus Bechern. Noch ist der Verkehr stadteinw\u00e4rts licht, in einer Stunde werden sich hier die Autos stauen.<\/p>\n<p>Einer der Bauarbeiter sagt: \u201eWar \u2018n Fehler.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWat?\u201c, fragt der Kollege.<\/p>\n<p>\u201eNa, dat er den San\u00e9 nich mitnimmt, der L\u00f6w. Der wird uns fehlen bei der WM.\u201c<\/p>\n<p>Der Kollege sinniert. K\u00f6nnte sein, dass der Andere Recht hat. San\u00e9 hat nicht toll gespielt gegen \u00d6sterreich. Aber schnell ist der Bursche \u2013 und \u00fcberhaupt der teuerste deutsche Spieler \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>\u201eDer wird sich schon wat jedacht ham, der Jogi.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNee, hatta nich. Der kann den San\u00e9 nich leidn.\u201c<\/p>\n<p>Der Kleinbus mit den anderen Arbeitern h\u00e4lt. Die Beiden kippen den letzten Rest Kaffee runter und steigen ein. Es wird ein hei\u00dfer Tag auf der Baustelle \u2013 soviel ist schon mal sicher. Davon macht sich einer wie der San\u00e9 keine Vorstellung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Krohn denkt an k\u00f6rperliche Arbeit, dann wird er von dem Schild abgelenkt.<\/p>\n<p><em>\u201eVivantes Auguste-Viktoria Zufahrt Rettungsstelle\u201c<\/em><\/p>\n<p>Kennt er, das Schild; kennt er gut.<\/p>\n<p>Damals war auch WM.<\/p>\n<p>Mann, ist schon lange her. Aber er meint, es sei gerade eben erst passiert.<\/p>\n<p>Hans Krohn sieht den Schlagbaum, den die Notf\u00e4lle passieren; davor der Parkplatz f\u00fcr Akutf\u00e4lle, die mit dem Privatwagen kommen. Er erinnert sich, dass Sabrina sehr achtsam den Wagen abstellte, ausstieg, ums Auto ging, ihm \u00f6ffnete und sagte: \u201eKomm, Lieber, es ist nicht mehr weit. Das ist richtig, was Du machst.\u201c Er war ausgestiegen wie ein alter Mann. Hatte noch gedacht, er k\u00f6nne in dieser Verfassung nicht mal mehr weglaufen, nun sei es ohnehin egal.<\/p>\n<p>Er war Sabrina gefolgt wie ein Vieh beim Almabtrieb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2014, es ist Freitag, der vierte Juli. Sonne. Krohn ist am Nachmittag zum Supermarkt geradelt. Auf dem R\u00fcckweg hat er sich an den See gesetzt, eine Flasche Wein getrunken und nachgedacht. Dann weiter, sehr wackelig.<\/p>\n<p>Am Haus machte er die n\u00e4chste Flasche auf. Noch eine Stunde bis zum Spiel.<\/p>\n<p>Er versucht zu schreiben. Irgendwas.<\/p>\n<p>Das wird er wohl sp\u00e4ter nicht mehr lesen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn er so weiter macht, stirbt er.<\/p>\n<p>Hans Krohn ruft Sabrina an. Sie sind kein Paar mehr, aber ihm ist niemand sonst geblieben.<\/p>\n<p>\u201eJa?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSabrina?\u201c<\/p>\n<p>\u201eHans, bist Du das?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, ich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas ist mit Dir, wo bist Du?\u201c<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt. Wirr und verwaschen. Sabrina versteht.<\/p>\n<p>\u201eWas willst Du machen?\u201c<\/p>\n<p>Aufh\u00f6ren m\u00fcsse er. Aber er traue sich nicht. Den Entzug bekomme er nicht hin. Ehrlich \u2013 er wisse nicht, was er tun werde.<\/p>\n<p>\u201eIs ja auch egal\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>\u201eDas kann ich nicht mehr h\u00f6ren. Egal! Egal! Nichts ist egal. H\u00f6r\u2018 zu, ich wei\u00df, was wir tun. Ich hole Dich. Wir fahren Dich ins Krankenhaus, da passen sie auf Dich auf, wenn Du aufh\u00f6rst mit dem Trinken.\u201c<\/p>\n<p>Nein. Kein Krankenhaus. Oder? Ihm kommt eine Idee.<\/p>\n<p>\u201eWann w\u00fcrdest Du denn kommen?\u201c<\/p>\n<p>Na, heute sei es ein bisschen sp\u00e4t. Sie w\u00fcrde den Wagen bei einer Freundin leihen und morgen fr\u00fch aufs Land fahren. Da sei man sp\u00e4testens mittags wieder in der Stadt.<\/p>\n<p>Krohn l\u00e4chelt. Wieder ein Tag Saufen geschenkt.<\/p>\n<p>\u201eSo machen wir es. Morgen vormittag?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, Schatz. Trink nicht soviel heute Abend. Morgen bin ich bei Dir. Schlafe gut, ich denke an Dich.\u201c<\/p>\n<p>Hans Krohn schaltet das Handy aus.<\/p>\n<p>Er geht noch duschen, rasiert sich, zieht frische W\u00e4sche an, sucht ein paar Klamotten zusammen. Fr\u00f6hlich ist er, w\u00e4hrend er die Tasche packt, schenkt er das Glas immer wieder voll.<\/p>\n<p>Ein sch\u00f6ner Tag.<\/p>\n<p>Aufs Essen kann er verzichten. Er hat noch Erdn\u00fcsse.<\/p>\n<p>N\u00e4chste Flasche.<\/p>\n<p>Er f\u00e4llt hin. Uihh, das gibt blaue Flecken. Am Kinn und am Arsch.<\/p>\n<p>Macht nichts, morgen kommt alles in Ordnung.<\/p>\n<p>Das Spiel beginnt. Viertelfinale. Frankreich. Prost. \u00c0 la tienne, Hans.<\/p>\n<p>Die Deutschen gewinnen 1:0, das bekommt er aber nicht mehr mit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag weckt ihn Sabrina. Er ist immer noch betrunken.<\/p>\n<p>Sie tr\u00e4gt die Tasche zum Auto, Krohn trinkt den Wein zur Neige. Dann steigt er ein.<\/p>\n<p>Sie f\u00e4hrt und redet. Er sieht zum Fenster hinaus und schweigt.<\/p>\n<p>Der Mais wird gut in diesem Jahr, die ersten Wiesen sind gem\u00e4ht. Kompromisslos gut gelaunte Sonne. In den D\u00f6rfern Menschen, die zu tun haben. Sie alle tun so, als ob es ein Morgen g\u00e4be.<\/p>\n<p>Sabrina erz\u00e4hlt von ihrem neuen Job und von der Suche nach einer neuen Wohnung. Ihrem Vater geht es nicht so gut, vielleicht muss sie in den n\u00e4chsten Wochen nach Hause, er ist schlie\u00dflich schon alt, da wei\u00df man nie. Ihre Freundin hat einen Neuen, ganz netter Typ. Wie es ihm gerade geht? Naja, Entschuldigung, bl\u00f6de Frage.<\/p>\n<p>Sie sieht gut aus. War \u00f6fter in der Sonne, tr\u00e4gt ein enges kleidsames Oberteil und einen sehr kurzen Rock. Eine gute Frau. Warum hat man sich eigentlich getrennt?<\/p>\n<p>Egal.<\/p>\n<p>Die Stadt. Auf der Autobahn k\u00e4mpfen sie miteinander. Flugzeuge landen, Krohn gehen Bilder von Mallorca und den Kapverden, von Hawaii und Alaska durch den Kopf. Das macht ihn verzweifelt. Er wird wohl nie mehr in einem Flieger sitzen.<\/p>\n<p>Betrunken ist er immer noch, Gottseidank. Aber der Rausch beginnt unangenehm zu werden. Vielleicht sollte man an einer Tanke noch ein Bier besorgen.<\/p>\n<p>\u201eNein, wir fahren jetzt ins Krankenhaus.\u201c<\/p>\n<p>Hans Krohn f\u00fcgt sich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine \u00c4rztin.<\/p>\n<p>Jung. M\u00fcde. Berufsfreundlich.<\/p>\n<p>Die alten Fragen.<\/p>\n<p>Das letzte Mal getrunken, wann?<\/p>\n<p>Wie lange getrunken?<\/p>\n<p>Orientierung okay? Der Wievielte ist heute?<\/p>\n<p>Sonst noch was? Tabletten? Drogen?<\/p>\n<p>Der Blutdruck macht ihr \u201eSorgen\u201c. So ein Quatsch, ihr macht doch sein Blutdruck keine Sorgen.<\/p>\n<p>Wie er sich alles vorstelle?<\/p>\n<p>Entzug, aha. Na, ist ja gut, dass er gekommen sei, so ein kalter Entzug ist schlie\u00dflich lebensgef\u00e4hrlich, das wisse er ja wohl.<\/p>\n<p>Gut, dann bekomme er jetzt ein Bett und die Medikamente. Morgen sehe man weiter.<\/p>\n<p>Sabrina k\u00fcsst ihn zum Abschied auf die Wange. Sie komme am n\u00e4chsten Tag vorbei, versprochen.<\/p>\n<p>Die T\u00fcr, durch die sie abgeht, schlie\u00dft sich automatisch mit einem leisen Zischen.<\/p>\n<p>Hans Krohn wird auf Station gebracht. Er legt sich in ein wohl riechendes sehr wei\u00dfes Bett, sagt dem Nachbarn Guten Tag und l\u00e4sst mit sich machen. Sie geben ihm was.<\/p>\n<p>Dann is auch gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Sonntagmorgen f\u00fchlt sich Hans Krohn pr\u00e4chtig. 16 Stunden hat er geschlafen, mit Appetit gefr\u00fchst\u00fcckt, sich gegen den Willen der Pfleger ausgehfertig angezogen.<\/p>\n<p>Die \u00c4rztin will wissen, wie es \u201euns heute geht\u201c.<\/p>\n<p>Er kann sie nicht leiden.<\/p>\n<p>Er werde das Krankenhaus verlassen, sagt er.<\/p>\n<p>Sie blickt von ihren Papieren auf.<\/p>\n<p>Erstaunt.<\/p>\n<p>Ungl\u00e4ubig.<\/p>\n<p>Dann missmutig.<\/p>\n<p>Strafend.<\/p>\n<p>\u201eKommt nicht in Frage\u201c, sagt sie. \u201eSie sind mitten im Entzug.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch gehe.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSoll ich Ihnen sagen, was Sie f\u00fcr einen Blutdruck haben? Sie riskieren Ihr Leben, wenn Sie jetzt gehen.\u201c<\/p>\n<p>Er erkl\u00e4rt, dass er den Vortrag kenne. Dass er auch wisse, was er d\u00fcrfe und was nicht. Er werde nun auf eigene Verantwortung die Klinik verlassen. Wo er unterschreiben solle?<\/p>\n<p>Die junge \u00c4rztin schiebt w\u00fctend ein Formular \u00fcber den Tisch.<\/p>\n<p>Er verl\u00e4sst das Geb\u00e4ude. Die automatische T\u00fcr zischt, er tritt in einen sonnigen Tag. Pfeift ein Lied, w\u00e4hrend er die Thowaldsenstra\u00dfe stadteinw\u00e4rts wandert. In einer Kneipe trinkt er ein kleines Bier, das ihm trefflich schmeckt. Mit den \u00d6ffentlichen f\u00e4hrt er nach Spandau, dort kauft er Bier und Brot f\u00fcr die Fahrt. In Neuruppin kauft er Wein f\u00fcr den Sonntagabend.<\/p>\n<p>Der See schimmert freundlich. Er hat einen sehr innigen Rausch an diesem Abend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am \u00fcbern\u00e4chsten Tag gewinnt Deutschland gegen Brasilien mit 7:1.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e5.45\u201c\u00a0\u00a0 &#8212;\u00a0\u00a0 Krohn wird umziehen. Weg aus der lauten Stadt. Weg in die Welt. In den letzten zwei Monaten sieht er sich noch einmal um. 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