{"id":3549,"date":"2018-06-04T10:00:45","date_gmt":"2018-06-04T10:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3549"},"modified":"2018-06-04T14:23:29","modified_gmt":"2018-06-04T14:23:29","slug":"das-schloss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/das-schloss\/","title":{"rendered":"DAS SCHLOSS"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\"><span style=\"color: #000000;\">&#8220;5.45&#8221; \u00a0 &#8212; \u00a0 Krohn wird umziehen. Weg aus der lauten Stadt. Weg in die Welt. In den letzten zwei Monaten sieht er sich noch einmal um. Lokaltermine, morgens um dreiviertel sechs in Berlin und im Brandenburgischen. Teil 4, am Rheinsberger Schloss.<\/span><\/span><\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ist nicht lange her, dass sie das Schloss von Rheinsberg in die Maske gesteckt haben. Seither schimmert die Fassade wie neu. Der Rasen davor ist getrimmt und hat den Regen der vergangenen Nacht aufgesogen wie ein Schwamm. Nun wird es auch bald wieder richtig gr\u00fcn sein in den Anlagen, die Blumen werden sich aufrichten. Das wird schmuck, hurrah!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Der See blinkt, vier graue Jungschw\u00e4ne lassen sich treiben, gelassen und wehrhaft sehen sie aus.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Eine sch\u00f6ne Stimmung ist das \u2013 die Touristen sind noch nicht da, Krohn hat den Park f\u00fcr sich. Er setzt sich auf eine Bank und kratzt an seinen Schienbeinen herum. Verflixte M\u00fccken, sogar die Kniekehlen sind zerstochen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00c4rgerlich. Aber au\u00dfer dem Jucken ist Hans Krohn ungetr\u00fcbter Stimmung. Er blickt zum Schloss und erinnert sich. Hierher ist er in dem vermaledeiten Sommer zwanzichfuffzehn immer gekommen, wenn er meinte, es ginge nicht mehr.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Er hat Opern gesehen und Theaterst\u00fccke. Konzerte in lauen N\u00e4chten. Vor den Veranstaltungen hat er sich mit Bier locker gemacht, in den Pausen trank er Sekt, nach dem Schlussapplaus gab es noch einen Wein in der Zivilisation. Dann schulterte er den Rucksack und wanderte durch den Wald, den weiten Weg in das Haus am See. F\u00fcr den Marsch hatte er eingekauft \u2013 und so kam er sehr betrunken am n\u00e4chsten Morgen an. Brauchte einen Tag zum Ausn\u00fcchtern \u2013 und hatte dann gro\u00dfe Wehmut nach Menschen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Der Ausflug in die Kultur tat ihm nicht gut. Er sah dann den Krohn, der er geworden war:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Ein Mann, der nichts zu sagen hatte. Einer, der auch noch nach Wald und Holz und Schwei\u00df roch, nachdem er geduscht und sich parf\u00fcmiert hatte. Einer, dem die letzte gute Hose zu weit geworden war und dessen Sakko an den Ellbogen vor Abgewetztheit schimmerte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Ein Mann, dessen Augenlider nerv\u00f6s flatterten, wenn er angesprochen wurde. Er schwitzte schnell. Nicht mehr ge\u00fcbt im Reden war er. Er sprach zu schnell und un\u00fcberlegt, er wollte zuviel erz\u00e4hlen. Es brach aus ihm heraus, das alles.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Das Alleinsein. Das Trinken. Der Unfriede mit sich selbst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Er sa\u00df im Publikum und hatte Tr\u00e4nen in den Augen, wenn Chopin gespielt wurde, er schniefte bei Beethoven, bei Mozart, bei Bach. Das ging ihm so nah, aber er entfernte sich immer weiter davon.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Kein Weg zur\u00fcck ins Normale, so schien es.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Das hatte er so nicht gewollt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Die Ausfl\u00fcge in die Kultur waren herrlich. Er traf einen japanischen Pianisten, der ihm erkl\u00e4rte, warum Chopin der Gr\u00f6\u00dfte sei. Er geriet in eine Gesellschaft, die ihn in den Wagen packte. Man landete in einem gro\u00dfen Anwesen und soff, wie es die Russen tun. Er tauschte die Handynummer mit einem schwulen Bildhauer aus Bernau, der von so ausgesuchten Manieren war, dass man sich in einem fr\u00fcheren Jahrhundert f\u00fchlte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Und dann die Sopranistin aus Prag. Sie hatte gr\u00fcne Augen und war sehr blond. Traurig war sie, von einer erotischen Melancholie.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Und Vollmond war obendrein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Er hielt ihre Hand und dachte, vielleicht w\u00fcrde doch alles wieder gut.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Wurde es aber nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Am n\u00e4chsten Tag war sie weg. Und Hans Krohn hackte Holz.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Lang her.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Jetzt hat er Cola getrunken, die Stiche jucken, der Kopf ist frei.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Hans Krohn sieht zur Schlossfassade, die von innen zu glimmen scheint.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Die Schw\u00e4ne. Schwalben jagen \u00fcber den See. Blau der Himmel, doch im Westen baut sich schon die n\u00e4chste dunkle Wand auf. Eine Libelle landet neben Krohn auf der Bank. Sie hat einen t\u00fcrkisfarbenen Leib, der auf und ab pumpt. Die Fl\u00fcgel sind seitlich ausgestellt, zittern leise, von haarfeinen Gitterchen sind sie durchzogen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Ohne Anstalten hebt die Libelle ab und schwenkt in Richtung See.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 16pt;\">Versonnen sitzt Hans Krohn da. Geil, wenn man sich so an der Natur besaufen kann.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;5.45&#8221; \u00a0 &#8212; \u00a0 Krohn wird umziehen. Weg aus der lauten Stadt. Weg in die Welt. In den letzten zwei Monaten sieht er sich noch einmal um. Lokaltermine, morgens um dreiviertel sechs in Berlin und im Brandenburgischen. 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