{"id":3519,"date":"2018-02-15T21:41:02","date_gmt":"2018-02-15T21:41:02","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3519"},"modified":"2018-02-15T21:41:02","modified_gmt":"2018-02-15T21:41:02","slug":"eiszeit-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/eiszeit-2\/","title":{"rendered":"EISZEIT"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>SPREEMANNSGARN 3<\/em><\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;\u00a0\u00a0 In der Hauptstra\u00dfe gibt es ein kleines Lokal f\u00fcr die Schlaflosen. Sie sitzen an diesem Februarmorgen vor ihrem Getr\u00e4nk und warten auf den Tag. Karneval ist vorbei, es ist ein Donnerstag und nichts los.<\/p>\n<p>Der Fernseher ist an. Olympia. Eiskunstlauf.<\/p>\n<p>Die Musik kommt vom Klavier und hei\u00dft \u201eDie Erde, vom Himmel aus gesehen\u201c. Sp\u00e4ter gesellt sich zum Klavier eine singende Frau.<\/p>\n<p>Die Trinker aus der Hauptstra\u00dfe h\u00f6ren zu stieren auf und sehen zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aljona Savchenko und Bruno Massot laufen wie noch nie in ihrem Leben. Er wirft sie so weit, sie dreht sich so sch\u00f6n in der Luft, sie landet so sicher. Beide drehen sich synchron, sie vertraut sich seiner Kraft in einer atemraubenden Todesspirale an. Sie verschmelzen miteinander, l\u00f6sen sich, kommen wieder zusammen. Sie sind die Erg\u00e4nzung der Melodie von \u201eDie Erde, vom Himmel aus gesehen\u201c.<\/p>\n<p>In der Halle seufzen die Menschen kollektiv, sie jubeln, sie kreischen, viele haben feuchte Augen. Die Punktrichter vergeben die allerh\u00f6chsten Noten.<\/p>\n<p>Die Menschen vom Fach sind sich einig: Was Aljona und Bruno da eben gemacht haben, ist Kunst. Alle reden von einer \u201eK\u00fcr f\u00fcr die Ewigkeit\u201c.<\/p>\n<p>Auf dem Eis liegt eine gl\u00fcckliche kleine Frau, neben ihr ein v\u00f6llig ersch\u00f6pfter H\u00fcne, der sie eben noch auf einer Hand durchs Sportler-Leben getragen hat. Da waren die Beiden die perfekte Illusion von Yin und Yang.<\/p>\n<p>Die Halle tobt. Noch drei Paare m\u00fcsse aufs Eis. Sie haben keine Chance. Machen kleine Fehler. Geben sich neidlos geschlagen.<\/p>\n<p>Danach brechen die D\u00e4mme. Auf der Trib\u00fcne flennt Katarina Witt, die selbst mal eine \u201eK\u00fcr f\u00fcr die Ewigkeit\u201c ins Eis geritzt hat. Trainer K\u00f6nig ist nass geschwitzt: \u201eVon Platz vier auf eins, das ist zuviel \u2013 ich bin zum Greis gealtert.\u201cSelbst \u201espiegel online\u201c wird enthemmt titeln: \u201ePaarlauf-Gold f\u00fcr Savchenko und Massot\u00a0 &#8211; im Tr\u00e4nenmeer des Gl\u00fccks &#8211; jahrelang hat Aljona Savchenko auf Paarlauf-Gold hingearbeitet, sie hat alles daf\u00fcr ver\u00e4ndert, sich einen neuen Partner geholt &#8211; und doch schien ihr Olympiatraum vor der K\u00fcr geplatzt. Dann folgte der perfekte Lauf\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aljona Savchenko ist 34. Der Papa hat ihr zuhause im ukrainischen Obuchiw Schlittschuhe untergeschnallt, da war sie drei. Sie kurvte \u00fcber den vereisten Weiher, und der Papa beschloss, dass seine Tochter die gr\u00f6\u00dfte Eisl\u00e4uferin der Welt werden solle. Er wollte sie gleich im 50 Kilometer entfernten Kiew beim Verein anmelden, doch dort wurde er beschieden, er solle in ein paar Jahren kommen, das M\u00e4dchen sei noch zu winzig. So hat er Olena Walentyniwna vorerst selbst ausgebildet. Sp\u00e4ter wurde sie im Klub gedrillt.<\/p>\n<p>Die Sportlerin hat Sprung nach Sprung, Schritt f\u00fcr Schritt, Kringel und nochmal Kringel gelernt. Und sie bekam beigebracht, dass nicht nur Indianer keinen Schmerz kennen. Ihr wurde ein Kissen in den Trainingsanzug geschoben \u2013 und dann \u00fcbte sie das Hinfallen und das Geworfen-Wwrden und das Springen so lange, bis es das Hinfallen nicht mehr gab.<\/p>\n<p>\u201eNiemals aufgeben, das ist mein Motto\u201c, sagt sie, nachdem sie in Pyeongchang Gold gewonnen hat, in einer Tr\u00e4nen-Pause. \u201eMein Leben hei\u00dft k\u00e4mpfen.\u201c Aljona Savchenko ist einen Augenblick lang still, dann schluchzt sie: \u201eIch habe an diesen Sieg geglaubt von Anfang bis zum Ende, auch gestern noch. Ich hatte niemals Zweifel, das dieser Tag kommen w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<p>Bruno Massot nickt abwesend. Sein Deutsch ist noch nicht so toll \u2013 er hat den Pass erst seit ein paar Wochen. Aljona k\u00fcmmert sich ums Reden. Er hebt sie hoch, ansonsten nickt er.<\/p>\n<p>Ist besser so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Hauptstra\u00dfe trinkt auch eine Frau, die fr\u00fcher mal eine Sch\u00f6nheit gewesen sein muss. Sie bestellt was Sch\u00f6nes, schlie\u00dflich muss man Olympia feiern.<\/p>\n<p>Im Fernsehen spielen sie mittlerweile Eishockey und hauen sich ein bisschen.<\/p>\n<p>So richtig passt das nicht zu diesem sch\u00f6nen Morgen.<\/p>\n<p>Die Trinkerin hebt das Glas, sie st\u00f6\u00dft mit dem Fremden an ihrer Seite an.<\/p>\n<p>\u201eProst. Ein Hoch auf die Liebe.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SPREEMANNSGARN 3\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;\u00a0\u00a0 In der Hauptstra\u00dfe gibt es ein kleines Lokal f\u00fcr die Schlaflosen. 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