{"id":3478,"date":"2017-12-27T21:36:59","date_gmt":"2017-12-27T21:36:59","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3478"},"modified":"2017-12-27T21:36:59","modified_gmt":"2017-12-27T21:36:59","slug":"familie-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/familie-2\/","title":{"rendered":"FAMILIE"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 99, 25. Dezember. \u201cBerliner Woche\u201d\/II<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Elly wacht verkatert auf, kommt aber schnell auf die Beine, als Hans Krohn ihr ein Fr\u00fchst\u00fcck ans Bett bringt.<\/p>\n<p>\u201eDu?\u201c, fragt sie.<\/p>\n<p>Er wei\u00df, worum es geht. Nein, erkl\u00e4rt er, es sei nichts passiert. Obwohl\u2026<\/p>\n<p>\u201eIch hab ganz sch\u00f6n einen gebechert, gestern. Voll der Filmriss. Naja, wenn nix war. Aber sch\u00f6n haben wir\u2019s gehabt.\u201c<\/p>\n<p>Wohl wahr, sagt Krohn.<\/p>\n<p>Dann wolle man es sich gem\u00fctlich machen, meint Elly, die jetzt sehr sch\u00f6ne Augen hat. Vielleicht ein bisschen spazieren gehen. Vielleicht ums Eck in die Kneipe. Oder auch was Anderes.<\/p>\n<p>Was Anderes, meint Krohn, sei ihm lieber. Mit dem Trinken habe er es momentan nicht so.<\/p>\n<p>Naja, dann was Anderes. Aber zuerst m\u00fcsse sie noch auf den Anruf der Tochter warten. Die sei mit der Familie in Polen.<\/p>\n<p>\u201eKommst Du mit ihr klar?\u201c<\/p>\n<p>Alles bestens. Die macht ihr Ding. \u2018ne nette Familie. Die kommen erst am 30. zur\u00fcck. Dann besuche ich sie zu Silvester, ist jedes Jahr das Gleiche, immer jut.<\/p>\n<p>Ob sie ihm von ihrer Tochter erz\u00e4hlen wolle, fragt Hans Krohn.<\/p>\n<p>Gern. Am besten f\u00e4ngt sie da mit Neujahr an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gefeiert wird trotz allem. Silvester in Marienfelde l\u00e4sst\u2019s die family krachen, ein kleines bisschen jedenfalls. Reni und Mike umarmen sich. Neujahr, das hat immer etwas Tr\u00f6stliches, auch wenn die Lage trostlos scheint. Man rauft sich zusammen, hat einen Anlass zu tr\u00fcgerischer Sorgenfreiheit. \u201eAllet Jute f\u00fcr\u2019t Neue\u201c rufen die Nachbarn vom Balkon und winken mit Sektflaschen.<\/p>\n<p>Und Elly \u00fcbernachtet auf der Wohnzimmercouch, weil alle so blau sind.<\/p>\n<p>Am Morgen danach ist Marienfelde \u00fcbers\u00e4t von abgefackeltem Discounter-Feuerwerk und Bruchglas. Das Feiern ist vorbei. Jetzt schauen Reni und Mike nach vorne. Was wird es ihnen bringen, dieses neue Jahr, in das sie \u2013 zum wievielten Mal eigentlich? &#8211; als Hartz-IV-Familie hinein gefeiert haben? \u201eBammel haben wir schon\u201c, sagt Mike.<\/p>\n<p>Das sagt er jedes Jahr.<\/p>\n<p>Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache: \u201eIch bin \u00fcberzeugt: Wenn sich auch im kommenden Jahr jeder f\u00fcr etwas einsetzt, das f\u00fcr ihn in diesem Land besonders liebens- oder lebenswert ist, dann wird es uns allen noch besser gehen.\u201c<\/p>\n<p>Das sagt sie jedes Jahr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und dann geht bei den Kindern eben das n\u00e4chste Jahr ins Land.<\/p>\n<p>Ende Januar hat Reni Geburtstag. Von ihrem Mann bekommt sie ein Smartphone, f\u00fcr das die Familie zusammengelegt hat. Oder Bling-Bling-Klamotten, f\u00fcr die sie einen Tick zu erwachsen ist. Oder ein Wellness-Wochenende in einem teuren Schuppen. Alle wissen, dass sie es sich nicht leisten k\u00f6nnen, aber Reni freut sich tierisch und erkl\u00e4rt: \u201eEs kann nur besser werden.\u201c<\/p>\n<p>Alle zwei Wochen wird Elly ihre Tochter besuchen. Reni sitzt dann im Wohnzimmer und spielt mit dem Baby, das allein auf die Welt kommen musste, ohne seinen Zwilling, weil der schon im Bauch der Mama gestorben ist.<\/p>\n<p>Die Geburt war qualvoll. Reni erz\u00e4hlt oft davon. Als ob das Reden den Schmerz n\u00e4hme. Wenn sie \u00fcber die schlimme Geburt spricht, m\u00fcht sie sich ums Hochdeutsche.<\/p>\n<p>\u201eDrei Tage, nachdem ich f\u00e4llig gewesen w\u00e4re, wurden die \u00c4rzte nerv\u00f6s und leiteten die Wehen ein. Mike zog sich noch den Kittel an, aber als er zur\u00fcckkam, war ich schon im OP. Als ich aufwachte, stand er mit Mama weinend am Bett. War nur ein Baby da \u2013 und so winzig.\u201c<\/p>\n<p>Dass sie bei der Geburt wegen des hohen Blutverlusts fast selbst gestorben w\u00e4re, erw\u00e4hnt Reni nicht. Wer will das schon wissen?<\/p>\n<p>Opas Todestag j\u00e4hrt sich im Juni. Der Schmerz trifft Reni genau so \u00fcberw\u00e4ltigend wie in jedem Jahr. Ihre Mutter ist genauso heillos durch den Wind wie alle Jahre. Da kann auch Mike nur noch helfen, indem er sich mit den Kindern besch\u00e4ftigt. \u201eDit wird schon\u201c, murmelt er. Reni vergr\u00e4bt sich in Erinnerungen. Der Opa war ein wilder Hund im Wedding. Erfolgreicher Boxer mit gutem Punch. Einer, der sich durchs Leben gek\u00e4mpft hat. Manchmal nicht ganz sauber, aber das konnte man ihm nicht \u00fcbelnehmen.<\/p>\n<p>Mit Tochter Reni wurde Max erst richtig herzlich, als sie schon eine junge Frau war. Dann aber waren sie unzertrennlich.<\/p>\n<p>Verdammter Krebs! Im Hals hatte es der Opa.<\/p>\n<p>Diese Qu\u00e4lerei, die nicht zu enden schien. Der Tod als Erl\u00f6sung. Dieses Gef\u00fchl, der Boden unter den F\u00fc\u00dfen sei weg.<\/p>\n<p>Jetzt ist die Trauer wieder da. Dazu das K\u00fcmmern um die Familie, die Geldsorgen, die Angst vor der Zukunft.<\/p>\n<p>Ende Juni hat Mike Geburtstag, 48 wird er. Reni schenkt ihm eine Hollywoodschaukel, Sonderangebot vom Bauhaus. Oder eine Sause mit den Kumpels. Oder was f\u00fcrs Auto. So richtig fr\u00f6hlich ist Mike an diesem Tag nicht.<\/p>\n<p>Dabei war er mal ein \u201eMax inne Sonne\u201c.<\/p>\n<p>Aber seit sie ihm die Arbeit genommen haben, ist auch sein Froh-Sein weg.<\/p>\n<p>Am Anfang hat er f\u00fcr die Bewerbungen noch teure Mappen gekauft. Aber er bekam nur ganz selten Antworten, und wenn, dann Absagen. Jetzt bewirbt er sich per E-Mail.<\/p>\n<p>Verk\u00e4ufer f\u00fcr wei\u00dfe Ware hat er gelernt. Er kennt sich aus mit den Besonderheiten von Waschmaschinen und Geschirrsp\u00fclern, hat in renommierten Fachm\u00e4rkten gute Provisionen bekommen. Bis man ihn nicht mehr brauchte.<\/p>\n<p>Hat sich als Kneipier in Steglitz versucht. \u201eFitzefatze\u201c hie\u00df die winzige Pinte. Lief anfangs gut, aber er konnte nicht so recht umgehen \u201emit den vielen Psychopathen, die da abhingen\u201c.<\/p>\n<p>Noch einmal eine Stelle als Verk\u00e4ufer. Wieder gek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Und jetzt? Nichts mehr. Er h\u00e4lt sich wacker, k\u00fcmmert sich um die Kinder, f\u00fchrt den Hund aus \u2013 aber er ist blass, wiegt zu viel, und Sport geht nicht mehr, wegen der Knie.<\/p>\n<p>Die Sorgen, die lassen sich nicht weglachen. 1365 Euro Hartz IV. Die 80-Quadratmeter-Wohnung in Marienfelde kostet 650 Euro. Haushaltsbudget? \u201eAch was, wir m\u00fcssen generell jeden Monat irgendwas schieben. Haushaltsplan machen wir nicht mehr.\u201c<\/p>\n<p>Von einem Tag auf den anderen ein Mensch zweiter Klasse.<\/p>\n<p>Vor kurzem waren sie im Zoo. Als er da wegen der Erm\u00e4\u00dfigung seinen Hartz-IV-Ausweis an der Kasse vorlegen h\u00e4tte k\u00f6nnen, hat er es nicht getan. Lieber zahlte er voll.<\/p>\n<p><strong> Bis tief in den September geht Elly bei den Kindern zum Grillen.<\/strong> Bestes Sp\u00e4tsommerwetter in Marienfelde. Man isst Kuchen. Die Enkelin f\u00fchrt ihren Spielplatz vor. Pl\u00f6tzlich ist das Kind weg. Hat sich unter dem Maschendraht durchgeschoben. Mike wird nerv\u00f6s, redet durch den Zaun auf die Tochter ein: \u201eSchatz, komm zur\u00fcck, da ist doch gleich die Stra\u00dfe, jetzt komm doch zur\u00fcck.\u201c Es dauert f\u00fcnf lange Minuten, bis das Kind sich \u00fcberreden l\u00e4sst. Auf der richtigen Seite des Zauns wird sie von Zicke begr\u00fc\u00dft, dem Familienhund, der so langm\u00fctig ist wie sein Herrchen. Max ist auch da, der einj\u00e4hrige Kater.<\/p>\n<p>Das Baby sitzt mit Hertha-Schal im Gras. Ein bisschen unpassend, findet Mike. Wo doch die gute alte Hertha nur noch verliert.<\/p>\n<p>Es ist halb vier Uhr nachmittags. Die Nachbarn packen jetzt den Alkohol aus. Zeit zum Vergessen.<\/p>\n<p>Elly f\u00fchlt sich wie damals in der DDR.<\/p>\n<p>Mal wird Mike nach Hohensch\u00f6nhausen fahren. Oder nach Marzahn oder Lichtenberg oder in den Wedding. Ein Jobangebot. Sechs Tage die Woche, Stundenlohn knapp \u00fcber drei Euro, macht netto rund 800 Euro im Monat. Wo die Dauerkarte f\u00fcr die S-Bahn schon \u00fcber 100 Euro kostet. Ein Witz.<\/p>\n<p>Dann wieder muss er ins Jobcenter. Ein Mann mit m\u00fcdem Gesicht zwischen lauter entmutigten, w\u00fctenden Menschen.<\/p>\n<p>\u201eW\u00fcrde mich nicht wundern, wenn hier mal einer mit \u2019ner Bombe rein marschieren w\u00fcrde.\u201c Mehr sagt Klaus nicht. Aber mit seiner \u00e4u\u00dferen Ruhe wirkt er zwischen all den Aufgebrachten fast ein bisschen unheimlich.<\/p>\n<p>November. Das Baby krabbelt zum ersten Mal. Wie sch\u00f6n! Reni sagt: \u201eEs ist die Familie, es sind die Kinder, das baut uns immer wieder auf. Sonst hilft doch keiner.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und zu Weihnachten werden sie es wieder nach Polen schaffen. Ostsee, Natur, die Kinder bekommen Farbe. Bier und Braten sind billig, die anderen Hotelg\u00e4ste sind nett &#8211; die Armen aus Deutschland machen es sich sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Und werden am ersten Feiertag die Oma in Berlin anrufen und mit ihr eine Runde heulen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, so is dit mit Familie\u201d, sagt Elly und \u00fcbt das Heulen schon mal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 99, 25. Dezember. \u201cBerliner Woche\u201d\/II \u00a0 Elly wacht verkatert auf, kommt aber schnell auf die Beine, als Hans Krohn ihr ein Fr\u00fchst\u00fcck ans Bett bringt. \u201eDu?\u201c, fragt sie. 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