{"id":3443,"date":"2017-12-14T20:46:51","date_gmt":"2017-12-14T20:46:51","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3443"},"modified":"2017-12-14T20:46:51","modified_gmt":"2017-12-14T20:46:51","slug":"mutter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/mutter\/","title":{"rendered":"MUTTER"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 88, 14. Dezember. \u201cDurchs Land\u201d\/XXIX<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dornburg. Manchmal hilft nur Flucht. Es ist sch\u00f6n gewesen, mit der Wirtin. Sie hatte kleine Wirbel im kurzen Haar. Sommersprossen auf den Br\u00fcsten.<\/p>\n<p>Wenn sie erregt wurde, hat sie mit den Fingern seine Ohrl\u00e4ppchen gerubbelt.<\/p>\n<p>Das war wirklich sehr hilfreich.<\/p>\n<p>Geborgenheit. Neben ihr einschlafen, in tiefer Nacht aufwachen, nach ihrem K\u00f6rper tasten, beruhigt wieder in die Nacht sinken. Reden. Zuh\u00f6ren. Sorgen tauschen. Sich fallen lassen. Vertrauen. Unvermittelt l\u00e4cheln. Den Morgen m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Er war erschrocken \u00fcber seine Verletztheit, die er so lange ertragen hat.<\/p>\n<p>Da hat er schnell das B\u00fcndel geschn\u00fcrt und sich aus dem Staub gemacht.<\/p>\n<p>D\u00fcstere, nasse Stra\u00dfe. Jedes Auto ein Feind. Ein Himmel, der nicht in den Tag fand.<\/p>\n<p>Zweifel. Kleine Verzweiflung. Kilometerweise wuchs die Entfernung zum gesch\u00fctzten Raum.<\/p>\n<p>Er ist weiter gegangen. Durch und durch klamm ist er gewesen.<\/p>\n<p>Nun hat er den Marsch f\u00fcr heute hinter sich. Im Zimmer trocknen die Wandersachen, Krohn spricht mit einem neuen Bekannten, der lange Haare hat und sehr leise redet. Der nicht will, dass ein Dritter h\u00f6rt, was da beredet wird.<\/p>\n<p>Der Mann hat Angst. Er hat in Krohn einen Fremden ausgemacht, der vielleicht helfen kann. Ob er Kontakt zu Zeitungsleuten habe?<\/p>\n<p>Krohn nickt.<\/p>\n<p>\u201cDann habe ich eine Geschichte f\u00fcr Dich. Warte, ich hole die Sachen. Bin gleich wieder da.\u201d<\/p>\n<p>Er verschwindet und stiehlt sich eine Viertelstunde sp\u00e4ter wieder in den Gastraum. Schiebt ein B\u00fcndel Kopien \u00fcber den Tisch.<\/p>\n<p>\u201cDu wirst sehen, was ich meine. Es ist ein Skandal, aber keiner will dr\u00fcber reden. \u00dcbrigens, wenn Du was nicht verstehst, frag\u2019 mich. Achja: \u201cTV\u201d, das ist die Abk\u00fcrzung f\u00fcr Tatverd\u00e4chtiger.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201eDer TV 02 trat zweimal gegen die Gittert\u00fcr des Besucherzugangs zum RK\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eTschuldigung\u201c, sagt Krohn und deutet auf das K\u00fcrzel. \u201eRK \u2013 das hei\u00dft\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eRevierkommissariat\u201c, erkl\u00e4rt der Langhaarige.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201e\u2026wodurch der Schlie\u00dfmechanismus besch\u00e4digt wurde. Nun begab sich der TV 01 zum Eingang des Besucherbereiches und forderte \u00fcber die Gegensprechanlage weiterhin seinen F\u00fchrerschein.<\/em><\/p>\n<p><em>Bei der folgenden langwierigen R\u00fccksprache der Beamten mit dem erregten und w\u00fctenden TV 01 in der Dienststelle bedrohte er verbal die Polizeibeamten mit dem Tode und \u00e4u\u00dferte Drohungen zum Nachteil ihrer Angeh\u00f6rigen. Aufgrund der polizeilichen Erfahrungen mit dem TV 01 und dessen Familie ist von einer Ernsthaftigkeit der get\u00e4tigten \u00c4u\u00dferungen auszugehen.<\/em><\/p>\n<p><em>W\u00f6rtlich drohte der Syrer den Beamten:<\/em><\/p>\n<p><em>,Wenn ich\u00a0 meinen F\u00fchrerschein nicht wieder bekomme, kann hier keiner mehr nachts ruhig schlafen. Sperrt mich doch ein, ich habe nichts zu verlieren. Ich jage jedem einzelnen von euch Bullen eine Kugel in den Kopf. Euch treffe ich privat! Ich mache euch das Leben zur H\u00f6lle. Dann bin ich eben der Cop-Killer. Ich hole alle meine Leute zusammen. Ihr habt mein Leben gefickt, jetzt machen wir euch fertig.\u2018<\/em><\/p>\n<p><em>Der Syrer zeigte in die Richtung der Beamten und sagte weiterhin:<\/em><\/p>\n<p><em>,Euch alle mache ich fertig. Ich merke mir eure Gesichter. Der Kollege, welcher mir meinen F\u00fchrerschein genommen hat und mir \u00fcber den Fu\u00df gefahren ist, bekommt eine Kugel. Ich zerst\u00f6re sein Leben. Ich wei\u00df ganz genau, wo er wohnt. Seine Frau la\u00df ich ficken, jeden Tag von meinen Leuten. Der wird in seinem Leben nicht mehr froh. Die Tochter schicke ich auf den Strich anschaffen. Ich kill den! Ich nehme eine Kugel und knall den ab.\u2018\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Woher er das Protokoll habe, will Krohn von seinem neuen Bekannten wissen.<\/em><\/p>\n<p><em>Das habe die Polizei \u00fcber die lokale Zeitung an die \u00d6ffentlichkeit gespielt. <\/em><\/p>\n<p><em>\u201eWarte, da habe ich noch was. Hier:\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Er fischt einen Artikel aus dem Material. Da steht in der \u201eMitteldeutschen Zeitung\u201c:<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eWohlgemerkt: Trotz alledem gab es keine Festnahme und die Migrantentruppe marschierte unbehelligt wieder nach Hause. Es grenzt an ein Wunder, dass der Syrer den F\u00fchrschein nicht zur\u00fcckbekommen hat. Dieser Vorfall dokumentiert eindrucksvoll die Zukunft Deutschlands mit wachsenden muslimischen Kontr\u00e4rgesellschaften, die das Gewaltmonopol des Staates infrage stellen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und? Was ist aus der Geschichte geworden?<\/p>\n<p>Nichts Konkretes. Aber die Syrer k\u00f6nnen sich in den umliegenden Gemeinden nicht mehr blicken lassen. Im Sommer noch seien sie mit ihren Kindern auf dem Spielplatz gewesen, h\u00e4tten dort Picknick gemacht und seien ausgesprochen freundlich gewesen. Jetzt wolle man sie nicht mehr sehen, dort nicht und in den Gesch\u00e4ften nicht und in der Wirtschaft erst recht nicht.<\/p>\n<p>\u201eUnd was soll ich jetzt tun?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWei\u00df ich auch nicht. Steck es doch einfach ein und nimm es mit. Du gehst doch nach Berlin. Vielleicht gibt es da wen, der sich k\u00fcmmern will.\u201c<\/p>\n<p>Krohn nimmt die Papiere an sich. Er trinkt den Kaffee aus und geht aufs Zimmer. Es riecht nach verschwitzter W\u00e4sche, ein Handtuch riecht nach dem Parfum der Wirtin. Krohn ist niedergeschlagen und wird miserabel schlafen.<\/p>\n<p>Die Papiere wird er am n\u00e4chsten Morgen auf dem Resopaltisch vergessen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>xxx<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Traum in Fetzen.<\/p>\n<p>Hans auf der Landstra\u00dfe bei Jena, Schneeregen, eine Horde Lastwagen, die ihn verfolgen. Aus einem F\u00fchrerhaus lacht der Vater, dahinter folgt ein LKW mit der Ex am Steuer. Ein alter Magirus wird von der Wirtin gelenkt, sie ist nackt und l\u00fcstern.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Laster geh\u00f6rt dem Rittmeister von Colomb. Den hat der Feind erwischt, er blutet aus einem Schmiss. Der Stasi-Mann aus Laasdorf mit seinem Kampfhund \u00fcberholt im Wartburg und fotografiert den Wanderer Hans Krohn.<\/p>\n<p>Dann ist da noch die Mutter. Sie lacht und wirft Kussh\u00e4nde. Auf der Ladefl\u00e4che eines Tatra steht ein Dackel und bellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hans wacht schwei\u00dfnass auf.<\/p>\n<p>Es war ein Tatra 111. Das hat die Mutter auch 50 Jahre nach der Flucht noch gewusst. Da hat sie ihm die Geschichte erz\u00e4hlt. Der Sohn trank Wein, sie hatte sich einen Tee aufgebr\u00fcht und a\u00df Buttergeb\u00e4ck. Sie waren beim Skifahren gewesen, die Mutter hatte immer noch rote Wangen und wollte die Geschichte endlich einmal erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Riesengebirge. Eve war ein fr\u00f6hliches M\u00e4dchen mit frechen Z\u00f6pfen. Immer drau\u00dfen, oft mit dem Opa auf Skiern unterwegs. Sie hat die Winter genossen. Dann hatte die Oma die Baude voll mit Berlinern in der Winterfrische. Eve durfte gratis mit dem primitiven Schlepplift fahren, sie war ein sportliches M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>Die Berliner kamen regelm\u00e4\u00dfig, sie brachten aus der gro\u00dfen Stadt f\u00fcr die Wirtstochter kleine Aufmerksamkeiten mit, abends machten sie sich z\u00fcnftig, mit Gitarre, Akkordeon, Singen und Saufen. Eve hielt sich hinter dem Kachelofen h\u00fcbsch still und sah ganz genau zu. Tags\u00fcber half sie den G\u00e4sten beim Anlegen der Skiern oder f\u00fchrte sie zum Rodeln.<\/p>\n<p>Die Familie hatte alles, was man sich so w\u00fcnschen mag. Es war eine gro\u00dfe Baude, die gutes Geld brachte. Sie hatten Knechte f\u00fcr die Landwirtschaft und Gesinde f\u00fcr die Gastronomie. Um Eve k\u00fcmmerte sich ein Kinderm\u00e4dchen.<\/p>\n<p>Der Krieg schien ganz weit weg. Man mochte gar nicht glauben, was die G\u00e4ste aus Berlin berichteten. Nur der Opa war eines Tages nicht mehr im Haus, den hatte der Hitler geholt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann war der Krieg zu Ende.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und die Oma musste alle Wichtigkeiten auf einen Tatra 111 laden, der sie und die Kinder und die Schr\u00e4nke und den Schmuck hinunter nach Trautenau bringen sollte.<\/p>\n<p>Eve bettelte, man m\u00f6ge \u201cHeiner\u201d, den Dackel mitnehmen. Geht nicht, entschied die Oma, und der Lastwagen setzte sich langsam in Bewegung. \u201cHeiner\u201d rannte hinterher. Rannte und sauste und wetzte auf seinen stummeligen L\u00e4ufen. \u00dcberschlug sich fast. Bellte, bellte, bellte. Wurde heiser, wurde langsamer. Fast bis nach Petzer hielt er mit, dann kollerte er \u00fcber die eigenen Pfoten und blieb liegen.<\/p>\n<p>\u201cHeiner\u201d bellte nun nicht mehr. Er jaulte \u2013 das h\u00f6rte Eve noch, als sie durch Petzer fuhren.<\/p>\n<p>Sie tunkte das Buttergeb\u00e4ck in den Tee \u2013 es war nun in der Tat 50 Jahre her \u2013 und sagte:<\/p>\n<p>\u201cDamals habe ich f\u00fcr lange Zeit das letzte Mal geweint.\u201d<\/p>\n<p>Die Mutter!<\/p>\n<p>Eine, die sich das Weinen verkniff.<\/p>\n<p>Immer.<\/p>\n<p>Eisern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 88, 14. Dezember. \u201cDurchs Land\u201d\/XXIX &nbsp; Dornburg. Manchmal hilft nur Flucht. Es ist sch\u00f6n gewesen, mit der Wirtin. Sie hatte kleine Wirbel im kurzen Haar. Sommersprossen auf den Br\u00fcsten. Wenn sie erregt wurde, hat sie mit den Fingern seine Ohrl\u00e4ppchen gerubbelt. Das war wirklich sehr hilfreich. Geborgenheit. 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