{"id":3438,"date":"2017-12-12T20:13:37","date_gmt":"2017-12-12T20:13:37","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3438"},"modified":"2017-12-12T20:16:01","modified_gmt":"2017-12-12T20:16:01","slug":"laasdorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/laasdorf\/","title":{"rendered":"LAASDORF"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 86, 12. Dezember. \u201cDurchs Land\u201d\/XXVII.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Laasdorf. Das Rad stellt er am Gasthof ab \u2013 es ist noch nicht Mittag, ge\u00f6ffnet wird um zw\u00f6lf \u2013 und schlendert durch den Ort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Morgens ist Krohn aufgestanden und in den Fr\u00fchst\u00fccksraum geschluft. Die Wirtin hat ihn angestrahlt. \u201cIst keiner da, wir sind f\u00fcr uns.\u201d Sie nannte ihn \u201cSchatz\u201d und brachte Piccolo. Sie hat ihm einen Schmatz aufs Ohr gegeben und es gern gehabt, als er ihr in den Schritt griff.<\/p>\n<p>\u201cMagst nicht noch bleiben? Musst auch nicht zahlen.\u201d<\/p>\n<p>Krohn nickte.<\/p>\n<p>Sie m\u00fcsse arbeiten, aber gegen acht sei Zapfenstreich. \u201cDu kannst machen, was Du willst. Ruh\u2019 Dich doch aus.\u201d Sie zwinkerte wie eine Verschw\u00f6rerin.<\/p>\n<p>Er wollte nicht ausruhen. Fragte, ob sie ein Rad h\u00e4tte. Sie lieh ihm ihres.<\/p>\n<p>Also fuhr er nach Laasdorf. War ja nicht so weit. Die Felder trugen Schnee, die W\u00e4lder waren dunkel und abweisend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er stapft die Stra\u00dfe zum Waldrand hoch (hier hat der Stasi-Mann mit seinem Kampfhund gelebt, hier ist auch der Junge aufgewachsen, der sp\u00e4ter fast Profi-Radler geworden w\u00e4re). Krohn l\u00e4sst sich wieder zur\u00fcck nach unten in den Ort treiben (die Kirche haben sie renoviert, sie sieht h\u00fcbsch aus, die T\u00fcr ist verschlossen). Im Eichicht riecht es nach Mittagessen (hier hat er bei Privat gewohnt und sich anfangs gef\u00fchlt wie ein Au\u00dferirdischer).<\/p>\n<p>Das Gewerbe hat den kleinen Ort fest im Griff.<\/p>\n<p>Damals gab es noch nicht mal einen Kramladen, gerade mal eine verrottende LPG<\/p>\n<p>Jetzt Beton, Baumaschinen, Optik, Reha, Ger\u00fcstbau, Brandschutz. Und ein Bauernmarkt.<\/p>\n<p>Oberhalb im Norden die Autobahn, die damals licht befahren worden ist. Heute stauen sich, wenn\u2019s bl\u00f6d kommt, die Autos bis zum Tunnel bei Jena.<\/p>\n<p>Damals?<\/p>\n<p>Die Mauer war gerade in sich zusammen gebrochen, da verschlug es Hans Krohn in die Region. Er fotografierte eine Geschichte in Jena, kam in Laasdorf unter, ging am ersten Abend in die einzige Gastst\u00e4tte an der Br\u00fccke \u00fcber die Roda.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner waren misstrauisch, aber das legte sich. Man soff bis nach Mitternacht, dann schmiss der Wirt die Kerle raus. Sie traten auf die vom Vollmond beschienene Stra\u00dfe. Gingen auf die Br\u00fccke und brunzten durchs Gel\u00e4nder ins Wasser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Krohn steht jetzt auch wieder dort und kann sich genau an seine Eingebung erinnern:<\/p>\n<p>Auf einmal war er nicht mehr betrunken, er dachte ganz klar. Die sind wie ich, dachte er, sie pissen gelb, wir reden eine Sprache, wir m\u00f6gen Fleisch und Kl\u00f6\u00dfe und Fu\u00dfball, wir v\u00f6geln missionarisch\u2026<\/p>\n<p>Und doch sind wir 40 Jahre fremd.<\/p>\n<p>Was ist das geil!<\/p>\n<p>Er war in die untergehende DDR gezogen und hatte versucht, das Anders-Sein zu fotografieren. Es war die beste Zeit f\u00fcr ihn gewesen. Preise hatte er bekommen, die Welt stand ihm offen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Recherche war er auf die Chronik eines Pfaffen aus dem 19. Jahrhundert gesto\u00dfen. Der hatte sich wie niemand vor und nach ihm f\u00fcr das Kaff interessiert.<\/p>\n<p><em>\u201eLaasdorf liegt in dem anmuthigen und fruchtbaren Rodatale, eine Stunde von Roda und eine halbe Stunde von Gr\u00f6ben entfernt. Der Rodaflu\u00df nimmt seinen Lauf durch das Dorf mit der Kirche und der Schule am linken Flu\u00dfufer und das kleine Dorf auf der rechten. Beide Theile sind durch eine Br\u00fccke verbunden, oberhalb deren auch eine Furth durch die Roda f\u00fchrt. Nach Norden f\u00fchrt die Roda-Jenaer Landstra\u00dfe vor\u00fcber (seit 1835) und oberhalb derselben, parallel mit ihr, der hohe Damm der Gera-Weimarer Eisenbahn (seit 1876).\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u00dcber die Anf\u00e4nge steht in der Chronik unter Anderem:<\/p>\n<p><em>\u201eDie eigentlichen Landesherren sind in der \u00e4ltesten Zeit die Dynastien von der Lobdeburg gewesen, welche muthma\u00dflich schon im 11. Jahrhundert aus Franken in der Saalegegend eingezogen sind, urkundlich aber erst 1166 erw\u00e4hnt werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Vor genau 500 Jahren begab sich an einem Dienstag, dass <em>\u201ezweene Menner zu La\u00dfdorf, ein Huff Landes und 16 Scheffel Getreidichs, halb Korn und halb Gersten, ein Scheffel Hafern\u201c <\/em>zugesprochen bekommen haben. Das war ein Big Deal seinerzeit.<\/p>\n<p>Ansonsten: Kein Moos, nix los in dem stinkenden, verdreckten, Inzucht-geplagten 200-Seelen-Nest.<\/p>\n<p>20 Jahre nach dem verbrieften Big Deal sp\u00e4ter ging es in Saalfeld zur Sache. Coole Sache, es ging um die Sauferei, letztendlich.<\/p>\n<p><em>\u201eSonnabend nach Nicolai Schied zwischen der Stadt Roda und La\u00dfdorf \u00fcber Bierbrauen, M\u00e4lzen, Schenken und Handwerksbetrieb. Sollen vier Scheffel f\u00fcr ihre Haushaltung brauen, auch zu ihren Hochzeiten ein Hochzeitsbier machen, doch dasselbe nicht verpfennigen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dann hat man die Kirche umgepflanzt. Die alte wurde von der <em>\u201eaufgeschwollenen Rode, so nahe vorbeiflie\u00dft, durch eine Fluth hinweggerissen. Daher man dann die Kirche auf die H\u00f6he des Dorfes erbauen m\u00fcssen (vielleicht die Fluth von 1433, welche auch das Kloster in Roda verderbte).\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ja, die Kirche! Das Schmuckst\u00fcck. Selbst in der DDR waren sie in Ma\u00dfen stolz auf ihr Gotteshaus. Kurzer Auszug aus der Pfaffenchronik:<\/p>\n<p><em>Auf dem Thurm befinden sich zwei Glocken. Die gr\u00f6\u00dfere derselben hat die Aufschrift: Ach Gott lass unseren Glockenschall zum Besten dienen \u00fcberall; die kleinere: Meine T\u00f6ne rufen zu des Tempels Stufen. Sie sind 1855 von Carl Friedrich Ulrich in Apolda gegossen. Auf dem Thurm befindet sich auch eine Uhr, die zum ersten Mal 1625 erw\u00e4hnt wird.<\/em><\/p>\n<p><em>1879 gr\u00f6\u00dfere Reparatur an der Orgel f\u00fcr 642 Mark ausgef\u00fchrt von den Gebr\u00fcdern Poppe in Roda.<\/em><\/p>\n<p>1672 lie\u00df Herzog Ernst der Fromme von Gotha die Schulen des Landes inspizieren. Aus La\u00dfdorf wurde folgender Bericht erstattet: <em>Ein elendes dachloses H\u00e4uslein ist allhier zur Schul, so zwar der Schulmeister nicht bewohnt, weil er sein eigen H\u00e4uslein hat.<\/em> Der brave Mann bekam <em>au\u00dfer dem Schulgelde, welches w\u00f6chentlich pro Kind 3 Pfennige betrug, aus jedem Haus ein viertel Korn und aus der Kirche zwei Viertel. Grundst\u00fccke geh\u00f6rten damals nicht zur Stelle, au\u00dfer einem kleinen G\u00e4rtlein am Schulhause. Die Accidentien bestanden aus 5 Groschen beim Begr\u00e4bnisse eines Erwachsenen, 1 Groschen eines Kindes und der Mahlzeit.\u00a0 Bei Hochzeiten und Kindtaufen geht der Schulmeister, weil es w\u00e4hret, 1, 2, 3, 4 Tage und schenket auch nichts.<\/em><\/p>\n<p>Dieser brave Mann (es gibt kein b\u00f6ses Zeugnis \u00fcber ihn) trug den Namen Hans Krau\u00dfe. <em>Schulmeister seit 1660, und stirbt 1684, 68 Jahre alt. Er bewohnte sein eigenes Haus und scheint einer seiner Nachkommen Schmied gewesen zu sein. Sein Haus war vielleicht Nr. 11. Nach ihm schlug der Superintendent L\u00f6ber als Nachfolger Christoph Schalden vor, \u201eso ein frommer Mensch und das Schneiderhandwerk zwar gelernet, doch davon gar wenig kann.\u201c Statt seiner aber wurde im October 1684 vom Consistorium Georg Braun veranla\u00dft, \u201eProbe zu singen und soll, wenn er darin bestehen w\u00fcrde, zum Schuldiener bestellt werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>1697 dann der Vorzeige-P\u00e4dagoge des Jahrhunderts. Johann Nicolas Krau\u00df <em>huldigte dem Trunke und hatte in Folge dessen \u00f6fters Streit mit dem Pfarrer, lebte auch in sehr tr\u00fcben Verh\u00e4ltnissen. Darum wollte der Herr Confrater nicht zu schroff gegen ihn sein, sondern vielmehr der Gemeinde zureden, da\u00df sie nicht so hart gegen ihn sein m\u00f6gen, da\u00df er nicht so Hunger leiden d\u00fcrfe.<\/em><\/p>\n<p>Sie haben es nicht leicht gehabt, am Arsch der Welt, mitten in Deutschland.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>xxx<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hans Krohn hat \u00fcber all dies berichtet. Und \u00fcber vieles andere: den letzten Wartburg, den ersten Opel, den unbeugsamen Stasi-Sp\u00e4her, die gebrochen deutschen Demokraten. Er hat Neonazis zu ihren Walpurgis-Feiern begleitet und bekam nach der Ver\u00f6ffentlichung auf die Fresse. Sie wollten ihn raus schmei\u00dfen aus dem Dorf, weil er hinter den Gardinen fotografierte. Das Arbeiten in Lassdorf hat echt weh getan.<\/p>\n<p>Er bekam f\u00fcr seine Reportagen aus der sterbenden DDR ein paar Preise. Und hinterher war er ausgebucht.<\/p>\n<p>Eines Tages traf er einen Chefredakteur in M\u00fcnchen. Man machte beim Italiener im S\u00fcden der Stadt den Tag zum Abend \u201cFr\u00e4ulein Schmittke\u201d, sagte der Chef seiner Sekret\u00e4rin, als sie aufbrachen, \u201cich komm heute nicht mehr ins B\u00fcro. Alles Wichtige morgen, bitte!\u201d Sie hatte wissend geguckt und viel Spa\u00df gew\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Viel Wein, viel Grappa, noch mehr Wein.<\/p>\n<p>Dann fragte der Chefredakteur, einer mit einem seidenen Halstuch und einem messerscharfen Denken.<\/p>\n<p>\u201cSag\u2019 mal, Hans \u2013 was ist das f\u00fcr eine Geschichte mit Deinem Vater?\u201d<\/p>\n<p>Krohn hatte verst\u00e4ndnislos \u00fcber den Tisch geblickt.<\/p>\n<p>Na, meinte der Chefredakteur, die Sache verhalte sich so:<\/p>\n<p>Er, der Chef, habe mit Krohn senior, dem Architektur-Star, ein Interview verabreden wollen. Da habe der gemeint, er mache es gern.<\/p>\n<p>Eine Bedingung:<\/p>\n<p>Er m\u00fcsse den Kontakt mit Krohn junior abbrechen. Keine Auftr\u00e4ge mehr!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Interview mit Senior hat es nie gegeben.<\/p>\n<p>Krohn Junior hat sich nach dem Essen mit dem Chef die Kante gegeben, als w\u00fcrde es kein Morgen geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 86, 12. Dezember. \u201cDurchs Land\u201d\/XXVII. &nbsp; Laasdorf. Das Rad stellt er am Gasthof ab \u2013 es ist noch nicht Mittag, ge\u00f6ffnet wird um zw\u00f6lf \u2013 und schlendert durch den Ort. &nbsp; Morgens ist Krohn aufgestanden und in den Fr\u00fchst\u00fccksraum geschluft. 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