{"id":3431,"date":"2017-12-10T09:20:06","date_gmt":"2017-12-10T09:20:06","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3431"},"modified":"2017-12-10T09:20:22","modified_gmt":"2017-12-10T09:20:22","slug":"kleine-flucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/kleine-flucht\/","title":{"rendered":"KLEINE FLUCHT"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 83, 9. Dezember. \u201cDurchs Land\u201d\/XXIV.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Steinbach. Kalt ist der Wald. Hinter F\u00f6rtschendorf ist Hans Krohn nach rechts auf einen frisch verschneiten Weg bergan gebogen. Er hat die Spuren selbst gesetzt, bis zu den Waden reichte der Schnee. Nach einem Kilometer passierte Krohn ein einzelnes Geh\u00f6ft, danach kam bis Steinbach nichts mehr. Ein Hochstand, eine Jagdh\u00fctte am Rand einer Lichtung \u2013 mehr war da nicht.<\/p>\n<p>Ein m\u00fchsames Stapfen war\u2019s. Es schneite wieder, der stramme Wind trieb das Wetter in Richtung Osten. Schon jetzt, am fr\u00fchen Nachmittag, graute der Th\u00fcringer Wald.<\/p>\n<p>Krohn kennt die Gegend. Hier hat er Zuflucht gesucht, wenn es ihm in seiner Beziehung zu eng geworden ist. Er ist mit dem Intercity nach Kronach gefahren, umgestiegen in eine Regionalbahn, weiter bis ans Gebirge, dann hat er sich durch die W\u00e4lder treiben lassen. Abends fand er einen billigen Gasthof, a\u00df Fleisch und Kl\u00f6\u00dfe, trank dazu Bier, sp\u00e4ter auf dem Zimmer Wein aus dem Rucksack. Am n\u00e4chsten Morgen wanderte er weiter, ohne Ziel und ohne Plan f\u00fcr die kommenden Tage.<\/p>\n<p>Wenn er sich wieder gewappnet f\u00fcr sein Leben f\u00fchlte, ist Hans Krohn zur\u00fcck gefahren.<\/p>\n<p>Seine Frau hat nie Fragen gestellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er stelzt also durch den Neuschnee, vor ihm wachsen die Schemen der ersten Geb\u00e4ude aus dem Grau. Wiegand-Glas, da will Krohn schnell vorbei, die Hallen, die Container-Burgen und LKW-Bataillone haben ihm immer schon Unbehagen gemacht.<\/p>\n<p>Er passiert den Bahnhof, biegt auf die Hauptstra\u00dfe. Noch ein paar hundert Meter, dort m\u00fcsste dann linkerhand ein Hotel sein. Ein Mann schiebt den Schnee vor der Einfahrt seines Hauses auf die Stra\u00dfe. Ein Auto f\u00e4hrt westw\u00e4rts, der Matsch spritzt gegen Krohns Schuhe. In der B\u00e4ckerei r\u00fcckt ein Frau Christstollen in der Auslage zurecht.<\/p>\n<p>Hans Krohn ist angekommen.<\/p>\n<p>Das Hotel gibt es nicht mehr.<\/p>\n<p>Er ist bedr\u00fcckt. Steht minutenlang vor einem frisch get\u00fcnchten Haus, in dem eine Physiotherapeutin praktiziert.<\/p>\n<p>Eine alte Dame schlurft des Wegs.<\/p>\n<p>\u201eWas suchen\u2019S denn?\u201c<\/p>\n<p>Hier sei doch mal\u2026<\/p>\n<p>Ach das Hotel. Schon lang gibt es das nicht mehr. Hat sich nicht rentiert. Ist ja nichts los, da heroben in Steinbach.<\/p>\n<p>Krohn nickt. Er dreht um. Wird einen Kaffee in der B\u00e4ckerei trinken und eine andere Bleibe finden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>xxx<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch der Vater hat sich Auszeiten genommen. War auf einmal, unangemeldet, weg.<\/p>\n<p>Die Mutter hat weiter gemacht, als sei nichts los.<\/p>\n<p>Wenn Hans sie fragte, was sei, hat sie gesagt:<\/p>\n<p>\u201eNichts. Dein Vater hat Termine.\u201c<\/p>\n<p>Hans hat sich nichts gedacht dabei. Wie auch?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 83, 9. Dezember. \u201cDurchs Land\u201d\/XXIV. &nbsp; Steinbach. Kalt ist der Wald. Hinter F\u00f6rtschendorf ist Hans Krohn nach rechts auf einen frisch verschneiten Weg bergan gebogen. 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