{"id":3427,"date":"2017-12-09T20:34:09","date_gmt":"2017-12-09T20:34:09","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3427"},"modified":"2017-12-09T20:34:09","modified_gmt":"2017-12-09T20:34:09","slug":"arsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/arsch\/","title":{"rendered":"ARSCH"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 82, 8. Dezember. \u201cDurchs Land\u201d\/XXIII.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kronach. An der Bundesstra\u00dfe steht immer noch der Wurst-Imbiss. Hans Krohn, der eigentlich kein Fleisch isst, kauft sich eine Th\u00fcringer im Br\u00f6tchen. Man sagt, es gebe keine bessere Bratwurst auf der Welt.<\/p>\n<p>Ja, sie schmeckt immer noch so wie fr\u00fcher.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>xxx<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Fr\u00fcher \u2013 das war, als sie den Vater im Krankenhaus besuchen mussten, weil der von einem der besten Arsch-Doktoren des Landes operiert wurde.<\/p>\n<p>Irgendein Krebs oder sowas.<\/p>\n<p>Der Arzt war hoff\u00e4rtig. Ein hagerer gro\u00dfer Mann mit hohen Wangenknochen und leblosen Augen. Er kam aus Oberbayern und sprach einen derben Dialekt mit Krohn senior. Nichts Elegantes hatte dieser Mann im Anzug.<\/p>\n<p>Der Vater hatte seine Frau und den Sohn im Krankenzimmer empfangen und unruhig gewirkt. So kannte Hans Krohn ihn gar nicht. Sein Vater lie\u00df sich nicht gehen, er trug eine\u00a0 Hose mit B\u00fcgelfalten und ein teures Sakko. Sa\u00df auf der Bettkante, die F\u00fc\u00dfe in den italienischen Slippern baumelten \u00fcber dem Linoleumboden. Sebastian Krohn m\u00fchte sich um Haltung, aber er hatte den Boden verloren.<\/p>\n<p>Der \u201eHerr Professor\u201c stand nun vor ihm und l\u00e4chelte ohne Freundlichkeit. \u201eDann packma\u2018s morgen\u201c, erkl\u00e4rte er. \u201eSoll i nomoi erz\u00e4hln, was gmacht wead?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, das brauchen\u2019S nicht\u201c antwortete Sebastian Krohn, er hatte eine gepresste Stimme. \u201eWir haben es ja durchgesprochen. Ich m\u00f6chte nur um eines bitten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, is scho guat. Wos denn?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGehen\u2019S pfleglich mit meinem Hintern um, wenn ich sch\u00f6n bitten d\u00fcrft\u2018.\u201c Sebastian Krohn versuchte sich im Humor des Offiziers und Gentlemanns.<\/p>\n<p>\u201eWie moana\u2019s des? I vasteh Eahna net.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlso, mit Verlaub, bei der Untersuchung gestern habe ich mich wie auf der Schlachtbank gef\u00fchlt.\u201c<\/p>\n<p>Die Augen des Professors waren grau.<\/p>\n<p>\u201eSie san a Sensibla, gell. Jetz sog i Eahna was: Morgen sp\u00fcrn Sie glei gar nix. Und stelln\u2019s Eahna guat mit mia. Morgen bin i da Chef. Des wissen\u2019s scho.\u201c<\/p>\n<p>Es war das erste Mal, dass Hans Krohn sah, dass sein Vater Angst hatte. Er schwitzte stark, obwohl es im Zimmer gar nicht so warm war.<\/p>\n<p>Hans Krohn war gerade in die Oberschule gekommen, er musste also zehn sein, vielleicht elf.<\/p>\n<p>Ihm war ganz schlecht im Bauch, als er die Angst des Vaters sah.<\/p>\n<p>Und er bekam erst wieder richtig Luft, als seine Mutter seinen Vater in die Arme nahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>xxx<\/strong><\/p>\n<p>Die W\u00fcrste an der Bundesstra\u00dfe schmecken noch wie fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Das Pflaster in der Innenstadt ist immer noch grau und unbehaust.<\/p>\n<p>Die H\u00e4user weisen immer noch ab.<\/p>\n<p>Kronach ist immer noch das kleine Biedermeier unter der trutzigen Festung Rosenberg.<\/p>\n<p>Eine Stadt mit T\u00fcrken zweiter und Nazis erster Klasse.<\/p>\n<p>Eine Stadt, die den ber\u00fchmten Arsch-Doktor geehrt hat \u00a0&#8211; und in der die Leut\u2018 einen zersetzenden Neid auf den Mediziner hatten, weil er die dicke Kohle in den Staaten und in den Emiraten gemacht hat. Jetzt ist er im Ausstand und geht allen am Arsch vorbei.<\/p>\n<p>Die Stadt, vor der schon der smarte Herr Guttenberg weggelaufen ist, nachdem er in seiner Doktorarbeit sauber beschissen hatte.<\/p>\n<p>Die urdeutsche Stadt, die nicht mal mehr einen Intercity-Halt hat.<\/p>\n<p>Echt: Jetzt ist sie wirklich am Arsch der Welt.<\/p>\n<p>Hans Krohn sucht sich ein grausliges G\u00e4nsehaut-Hotel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201e2017\u201d*, Folge 82, 8. Dezember. \u201cDurchs Land\u201d\/XXIII. &nbsp; Kronach. An der Bundesstra\u00dfe steht immer noch der Wurst-Imbiss. Hans Krohn, der eigentlich kein Fleisch isst, kauft sich eine Th\u00fcringer im Br\u00f6tchen. Man sagt, es gebe keine bessere Bratwurst auf der Welt. 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