{"id":3425,"date":"2017-12-09T16:43:43","date_gmt":"2017-12-09T16:43:43","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3425"},"modified":"2017-12-09T16:43:43","modified_gmt":"2017-12-09T16:43:43","slug":"familie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/familie\/","title":{"rendered":"FAMILIE"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 81, 7. Dezember. \u201cDurchs Land\u201d\/XXIII.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Staffelstein. Im \u201edal trullo\u201c z\u00fcngelt ein nettes k\u00fcnstliches Feuerchen im gusseisernen Ofen. Krohn ist der einzige Gast. M\u00fcde, m\u00fcde \u2013 das war ein langer Marsch heute. Nach endlosen Kilometern im verkehrsgeplagten Maintal ist Krohn noch nach rechts abgebogen, auf den Staffelberg gestiegen und hat ins kalte verd\u00e4mmernde Land geguckt. Er war der einzige Mensch auf dem trostlosen Plateau und beeilte sich, in die Stadt zu kommen.<\/p>\n<p>Nun sitzt er, geduscht und mit trockenen, ansprechend riechenden Klamotten, in der Pizzeria und liest das \u201eZeit-Magazin\u201c.<\/p>\n<p>Carl Lagerfeld, 84-j\u00e4hriger magers\u00fcchtiger K\u00fcnstler-Darsteller mit Zopf und Frauen-Gesicht, hat episch breit seine Befindlichkeit offen gelegt. Nat\u00fcrlich hat er auch diesmal nicht vergessen, sich \u00fcber seine Kindheit auszulassen.<\/p>\n<p>\u201eMeine Mutter, das war eine Nummer! Gegen sie bin ich ganz bescheiden. Sie hatte immer recht. Sie war so schlagfertig, gegen sie bin ich richtig langsam. Alle mussten alles f\u00fcr sie tun und sie tat f\u00fcr niemanden etwas. Und hinterher haben wir uns alle auch noch daf\u00fcr bei ihr bedankt.<\/p>\n<p>Der Vater aber war ein lieber Mensch. Ich mache mir heute noch Vorw\u00fcrfe, dass ich nicht lieb genug zu ihm war, weil er ein bisschen langweilig war. Gesch\u00e4fte, Gesch\u00e4fte, er kontrollierte mit seiner Firma Gl\u00fccksklee mehr als 50 Prozent des deutsch-franz\u00f6sischen Kondensmilchmarkts.<\/p>\n<p>Er war ein gro\u00dfz\u00fcgiger Mensch, hat mir Autos geschenkt, alles, was ich wollte. Und er sagte zu mir: ,Bitte mich um alles, was Du willst, aber nicht vor Deiner Mutter.\u2018 Sie hat sich immer \u00fcber ihn lustig gemacht, weil er nicht Nein sagen konnte.<\/p>\n<p>Meiner Mutter geh\u00f6rte ein Haus in Baden-Baden, und als der Vater starb, er war, glaube ich, noch nicht mal richtig unter der Erde, hatte es meine Mutter schon verkauft. Sie hatte gar nichts gegen das Haus, aber sie hatte eine kleine Spielsucht, und wenn man ein Haus in Baden-Baden besa\u00df, durfte man nicht ins Casino. Also weg damit!\u201c<\/p>\n<p>Krohn legt das Magazin zur Seite und l\u00e4chelt.<\/p>\n<p>Er kennt die Geschichte. Der Lagerfeld hat seinen Alten mal besucht, vielleicht sollte der ein Haus f\u00fcr den Modesch\u00f6pfer entwerfen \u2013 und da hat der Gast \u2013 er hatte auch damals einen Pferdeschwanz und war eine fette Schwuchtel \u2013 die Anekdote von der schrulligen Mama zum Besten gegeben.<\/p>\n<p>Krohn senior war sehr zur\u00fcckhaltend an diesem Nachmittag. Das lag vielleicht daran, dass Lagerfeld keinen Alkohol trank und sich auch der Gastgeber mit Kaffee begn\u00fcgen musste. Das passte ihm gar nicht. Zu dieser Zeit \u2013 er war vielleicht 55 \u2013 brauchte Sebastian Krohn nachmittags sein Bier, sonst wurde er ungn\u00e4dig.<\/p>\n<p>Vielleicht war er aber auch deswegen so still, weil ihn Lagerfeld Familiengeschichten in den Bann schlugen.<\/p>\n<p>Hans Krohn erinnert sich immer noch, wie dieser Mensch ohne Punkt und Komma erz\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Als ihn die Mutter \u2013 da war er 30 und Kreativdirektor bei Chlo\u00e9 &#8211; in Paris besuchte. \u201eDa hat sie mich so begr\u00fc\u00dft: ,Schade, dass du dich nicht \u00fcber den Hof gehen siehst, sonst h\u00e4ttest du gesehen, was f\u00fcr einen dicken Po du gekriegt hast.\u2018\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie wollte lesen und Briefe schreiben. Die hatte keine Lust auf Kindergeschw\u00e4tz. Man musste schon etwas Erwachsenes sagen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch war ja auch gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig als Junge, ich durfte zuhause alles, wenn ich nur nicht gest\u00f6rt habe. Das Einzige, was ich gemacht habe, war lesen und Sprachen lernen und zeichnen. Als Kind hatte ich nur einen Wunsch: erwachsen zu sein \u2013 und ernst genommen zu werden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMein Vater war gepflegt und raffiniert. Und meine Eltern hatten so viel Garderobe, dass sie damit locker durch den Krieg kamen.\u201c<\/p>\n<p>Wie lang hat damals dieser fremde Mann monologisiert? Stunden, Stunden!<\/p>\n<p>Dann kam sein Fahrer, er verabschiedete sich mit Handkuss von der Mutter, der gro\u00dfe Wagen rauschte in die Welt.<\/p>\n<p>Und Sebastian Krohn schenkte sich einen Schnaps ein.<\/p>\n<p>Schnaps soff er nur, wenn er nicht mehr denken wollte.<\/p>\n<p><strong>xxx<\/strong><\/p>\n<p>Sebastian Krohn war ein Angeber und einer, der immer was zu sagen hatte. Er schien ohne Zweifel.<\/p>\n<p>Nur auf seine Wurzeln durfte ihn niemand ansprechen.<\/p>\n<p>Er mochte noch soviel \u00fcber sich und seine tollen Taten fabulieren \u2013 nie, nie, nie redete er \u00fcber die Zeit, als keine Eltern da waren.<\/p>\n<p>Kindheit?<\/p>\n<p>Nein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 81, 7. Dezember. \u201cDurchs Land\u201d\/XXIII. &nbsp; Staffelstein. Im \u201edal trullo\u201c z\u00fcngelt ein nettes k\u00fcnstliches Feuerchen im gusseisernen Ofen. Krohn ist der einzige Gast. M\u00fcde, m\u00fcde \u2013 das war ein langer Marsch heute. 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