{"id":3399,"date":"2017-11-27T14:21:13","date_gmt":"2017-11-27T14:21:13","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3399"},"modified":"2017-11-27T14:21:13","modified_gmt":"2017-11-27T14:21:13","slug":"falscher-film","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/falscher-film\/","title":{"rendered":"FALSCHER FILM"},"content":{"rendered":"<p><b><i><span lang=\"EN-US\" style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u201e2017\u201d*, Folge 71, 27. November. \u201cDurchs Land\u201d\/XIII.<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">M\u00fcnchen. Den Aufenthalt hat er verl\u00e4ngert. Hans Krohn mag sich jetzt nicht aus der Stadt verdr\u00fccken. Er dreht die Zeit zur\u00fcck und erinnert sich an die Jahre mit der Frau. Das ist unangenehm \u2013 aber nun muss es sein. Zeit zum Aufr\u00e4umen, auch hier.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Er ist in einen kleinen Park in Bogenhausen, unweit der Villa von Thomas Mann, gewandert. Hier hat er oft gesessen \u2013 in den Monaten, bevor die gro\u00dfe Illusion zerborsten ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Wie lange haben sie es miteinander ausgehalten? 18 Jahre? 20? 22?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Egal, es war eine z\u00e4he Zeit, als es zu Ende ging.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Niemand hat es so recht kommen sehen. Der Krohn und seine Frau sind ein gl\u00fcckliches Paar, hat man \u00fcber sie gesagt. Sie waren willkommene G\u00e4ste, weil sie nett waren. Sie behandelten einander h\u00f6flich, nie erlebte man sie streitend.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Ein erfolgreiches Paar. Sie war nicht mehr wegzudenken aus der Chefetage des gro\u00dfen Verlags, in dem sie als Tippse angefangen hatte. Nun stand \u201eAssistentin des Vorstands\u201c auf ihrer Visitenkarte, sie kannte die Geheimnisse des Hauses und begleitete den Chef auf dem Weg ins neue Zeitalter. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Krohn, der Gl\u00fccksritter, trickste sich nach ganz oben. Es gab bessere Fotografen, flei\u00dfigere, Fotografen mit wirklicher, gro\u00dfer Leidenschaft. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Krohn war einer, der sich verkaufen konnte. Er machte den Leuten weis, er sei ein K\u00f6nner. Pr\u00e4sentierte seine Bilder mit wei\u00dfen Handschuhen, weil sie angeblich so wertvoll waren. Stellte \u00fcberdimensionale Abz\u00fcge her \u2013 aus Fotografien wurden so Kunstwerke. Er fotografierte nur mit den teuersten Apparaten. F\u00fchrte Objektive mit sich, die s\u00fcndhaft viel Geld kosteten, die er aber fast nie benutzte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Krohn fuhr einen luxuri\u00f6sen Wagen mit Minibar, Fernseher und einem Science-Fiction-Cockpit. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Er hatte eine Uhrensammlung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Krohn kombinierte Kaschmir (Sakko und Pullover) mit billig (Jeans) und m\u00e4nnlich-herb (englischer Captoe-Derby-Boot, ge\u00f6ltes Boxcalf, rahmengen\u00e4ht, Lammfell innen, Profilsohle, hunderte von Meilen auf dem Tacho) bei wichtigen Terminen. Das machte Eindruck \u2013 er ging dann als wilder Kreativer ohne Furcht vor der weiten Welt durch.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Er spielte allen etwas vor. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Seine gute Laune. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Seine Hingabe an die Arbeit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Seine Sympathie f\u00fcr Andere.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Seine Sicherheit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Das spielte er allen vor \u2013 und sich selbst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Manchmal konnte er sich nicht austricksen. Dann nahm er Rei\u00dfaus. Er kam nicht von einem Termin zur\u00fcck, zog im Hotel die Vorh\u00e4nge zu, trank Bier und sah fern. Es schien kein Morgen mehr zu geben \u2013 aber dann kam der Augenblick, da duschte er, packte die Sachen, zahlte das Zimmer und fuhr zur\u00fcck.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Zu der Frau, die nichts fragte. Sie hatte Angst vor diesem Hans Krohn, mit ihm wollte sie nichts zu tun haben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Auch sie spielte allen etwas vor.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Die Vertrautheit mit Hans Krohn.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Ihren Glauben an ihn.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Ihr Interesse an dem vermeintlich Gemeinsamen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Das spielte sie allen vor \u2013 nat\u00fcrlich auch sich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Aber \u2013 wenn sie ehrlich war \u2013 sie mochte das alles nicht, wie es war. Hans Krohn gab den K\u00fcnstler \u2013 und was blieb ihr? Ein Mann, auf den sie sich nicht verlassen konnte. Mit ihm konnte sie nicht planen, er wand sich aus jeder Verantwortung. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Ja, wenn sie ehrlich war: Am behaglichsten war ihr, wenn sie nicht an Hans Krohn dachte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Sie hatten es sich respektierlich eingerichtet. Eine F\u00fcnfzimmer-Wohnung in Bogenhausen \u2013 die musste man sich erst einmal leisten k\u00f6nnen. Morgens schien die Sonne auf den \u00f6stlichen Balkon, abends konnten die Krohns auf dem Westbalkon sitzen und den Sonnenuntergang \u00fcber Isar und Englischem Garten genie\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Aber sie fr\u00fchst\u00fcckten aus der Hand und im Stehen. Abends trafen sie sich nur, wenn Freunde eingeladen waren. Ansonsten ging jeder seiner Wege. Sie war viel mit Freunden unterwegs, ging ins Theater oder zu Festen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Hans lief an der Isar, bis er ersch\u00f6pft war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Jahrelang reichte es ihm, wenn er auf Reisen trank. \u201eZuhause\u201c trieb er sich beim Sport in den Schmerz, dann konnte er den Rest ertragen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Dann kamen die Jahre der Sprachlosigkeit. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Sie hasste seine Rituale. Nicht einmal, wenn er seine englischen Ma\u00dfstiefel wichste, konnte sie das bes\u00e4nftigen. Warum musste er schon beim Fr\u00fchst\u00fcck diesen elends-faden Deutschlandfunk h\u00f6ren? Was hatte er davon, dass er sich Simenon-B\u00fccher in Sprachen kaufte, die er nicht verstand? Hatte er nicht schon genug Merian-Originalstiche (schweineteuer waren die!)? Konnte er nicht endlich mal beide H\u00e4nde beim Autofahren ans Steuer legen, musste er immer den Mister L\u00e4ssig raus h\u00e4ngen? Was sollten seine bl\u00f6den Fragen, ob sie ihn liebe (dann musste sie ein Ja l\u00fcgen, obwohl ihr zum Kotzen war)? Glaubte er, dass dieses Sport-Treiben irgendeinem vern\u00fcnftigen Menschen imponieren w\u00fcrde?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Warum waren sie eigentlich zusammen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Ja, sicher dachte sie das. Aber das hatte nichts zu sagen. Deswegen sagte sie auch nichts.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Klamme K\u00e4lte kriecht unter Krohns T-Shirt. Auf der grauen Isar verlieren sich ein paar silberfarbene Sonnenstrahlen. Bl\u00e4tter taumeln ins nasse Gras. Eine Joggerin mit sch\u00f6nem Hintern hat schlechte Laune.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Krohn ist es, als w\u00e4re es gestern.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Am Ende der langen Sprachlosigkeit hat er jeden Nachmittag auf dieser Bank gesessen. Er versuchte zu lesen, ab und zu fischte er aus der Einkaufstasche eine Flasche. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Er erinnert sich, ihm ist, als sei er noch in der Ehe:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Er trank und sah in die B\u00e4ume, die das letzte Laub verloren. Dr\u00fcber ein wandernder Himmel. Er hatte die Wolken gegr\u00fc\u00dft und sich vorgemacht, er sei doch ganz zufrieden in seiner Watte-Welt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Ja, sie und er haben lange durchgehalten. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Wo ihnen doch klar sein musste, dass sie im falschen Film waren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b><i><span lang=\"EN-US\" style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 71, 27. November. \u201cDurchs Land\u201d\/XIII. \u00a0 M\u00fcnchen. Den Aufenthalt hat er verl\u00e4ngert. Hans Krohn mag sich jetzt nicht aus der Stadt verdr\u00fccken. Er dreht die Zeit zur\u00fcck und erinnert sich an die Jahre mit der Frau. Das ist unangenehm \u2013 aber nun muss es sein. Zeit zum Aufr\u00e4umen, auch hier. 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