{"id":3388,"date":"2017-11-24T09:58:42","date_gmt":"2017-11-24T09:58:42","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3388"},"modified":"2017-11-24T10:00:35","modified_gmt":"2017-11-24T10:00:35","slug":"deja-vu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/deja-vu\/","title":{"rendered":"D\u00c9J\u00c0-VU"},"content":{"rendered":"<p><b><i><span lang=\"EN-US\">\u201e2017\u201d*, Folge 67, 23. November. \u201cDurchs Land\u201d\/IX.<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">M\u00fcnchen. Passiert ja nicht aller Tage, so etwas:<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Du bist auf einmal nicht mehr Herr Deiner Gedanken. Wirst \u00fcberrannt von Erinnerungen. D\u00e9j\u00e0-vu, d\u00e8j\u00e0-vu, d\u00e9j\u00e0-vu. Du erinnerst Dich, aber Du kannst nichts festhalten. <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Es ist wie das Wort, das einem \u201eauf der Zunge liegt\u201c (so sagt man wohl, oder nicht?).<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Hans Krohn sitzt unter einer historischen Fotografie aus dem k.u.k. Br\u00fcnn an einem blonden melaminharzbeschichteten Tisch und kennt sich nicht aus. Die Marillenkn\u00f6del und der Kaffee werden kalt, weil er in tiefes ergebnisloses Nachdenken versinkt.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Was ist ihm hier so vertraut?<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Was sucht er hier im \u201eBr\u00fcnner Eck\u201c?<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Warum kann er sich nichts anderes vorstellen als hier zu sitzen? Warum geh\u00f6rt er hierher, an diesem Nachmittag, nach diesem Spaziergang, w\u00e4hrend er sich doch an die jungen Jahre seines Vaters erinnern wollte?<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Jetzt hockt er im \u201eBr\u00fcnner Eck\u201c und \u00fcberl\u00e4sst sich dem, was da kommt.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Im Fernsehen spielen sie Eishockey. Kometa Br\u00fcnn gegen Dynamo Pardubice. Zwei M\u00e4nner am Tresen lassen das Match nicht aus den Augen. <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Der dicke Wirt studiert den \u201eBlesk\u201c. Seine Frau, eine blasse schlanke Sch\u00f6nheit, zapft Bier, wienert Gl\u00e4ser und hat sehr traurige Augen. Das Blondhaar hat sie zum z\u00fcchtigen Pferdeschanz geb\u00fcndelt. Sehr m\u00fcde sieht sie aus, ohne gro\u00dfe Hoffnung, uninteressiert an ihrem Mann, den G\u00e4sten, dem Fernsehen. Sie hat allenfalls noch Hinwendung an die bauchigen Pilsner-Gl\u00e4ser.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">An einem Tisch in der Ecke sitzen zwei alte M\u00fcnchnerinnen, s\u00fcffeln Lik\u00f6r und schimpfen auf die Lebkuchen-Preise beim Lidl. Die Rede kommt auf eine Nachbarin, die sich \u2013 keiner wei\u00df, wie \u2013 das \u00dcberwintern auf Mallorca leisten kann. Die Lik\u00f6r-Damen platzen vor Neid.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Der Daddelautomat wird von einem Kerl im Blaumann gef\u00fcttert und fiept. Mehr! Mehr!<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Br\u00fcnn kassiert ein Tor, f\u00fchrt nur noch mit 3:1. Die M\u00e4nner am Tresen seufzen, der Wirt schaut von seiner Zeitung auf und sagt ins Leere: \u201eMachen sie wieder Schei\u00df. Sie machen immer Schei\u00df. Man kann nicht hingucken.\u201c <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Drau\u00dfen d\u00e4mmert es. Krohn schiebt die Spitzengardine zur Seite und blickt auf die Fasaneriestra\u00dfe. Sie ist schmal und zugeparkt. Hier fahren nur Autos von Anrainern, die Passanten beeilen sich, nach Hause zu kommen. Es ist keine Stra\u00dfe, in der sich die Menschen wohl f\u00fchlen.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Auch er hat sich nicht wohl gef\u00fchlt, seinerzeit.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Seinerzeit.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Alles ist wieder da.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Er kann sich selbst sehen.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Jung. Volles Haar. Mit seinen Schritten erobert er die Welt, wie er da aus der Stadt kommt. Ein schmaler junger Mann, der den schweren Fotorucksack leicht schultert und nun \u201cheim\u201d kommt. Er lutscht ein Bonbon, das macht den Atem sympathisch.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u201cHeim\u201d.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Ein Wort, das er bislang nicht verstanden hat.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Sp\u00e4t ist es geworden. Nun wird er noch ein paar Schritte gehen. Dann dreht er den Hausschl\u00fcssel, steigt die knarzende Treppe (fast jede Stufe \u00e4chzt, wenn sie benutzt wird) hoch, im zweiten Stock dreht er den Schl\u00fcssel in der Wohnungst\u00fcr.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Schlie\u00dft die T\u00fcr hinter sich, stellt den Rucksack ab, h\u00e4ngt die Jacke an den Haken. <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Er h\u00f6rt sie rufen.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u201cHans, bist Du\u2019s?\u201d<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Es geht nicht um die W\u00f6rter. Sie will auch keine Antwort. Sie will, dass er zu ihr kommt. Sie ist wie ein V\u00f6gelchen im Nest, das piept, weil es piepen muss.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Er hat eine gro\u00dfe Sehnsucht. Seine Schritte werden leise und zart. Er geht in ihr Wohnzimmer. Der Fernseher l\u00e4uft. \u201cDenver Clan\u201d.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Sie schaltet aus. Braucht kein Fernsehen. Will ihn. Sie tr\u00e4gt einen pastellfarbenen Hausanzug, die Brustwarzen sind steif.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Sie zieht ihn auf die Couch.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Er ist gierig,<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Hans Krohn schiebt die Gardine wieder zu. Er schl\u00e4gt sein Notizbuch auf und schreibt, in Hast und kaum leserlich:<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><i><span lang=\"EN-US\">Es ist Zeit.<\/span><\/i><\/p>\n<p align=\"center\"><i><span lang=\"EN-US\">D\u00e4monen austreiben.<\/span><\/i><\/p>\n<p align=\"center\"><i><span lang=\"EN-US\">Leben neu machen.<\/span><\/i><\/p>\n<p align=\"center\"><i><span lang=\"EN-US\">Reboot!<\/span><\/i><\/p>\n<p align=\"center\"><i><span lang=\"EN-US\">Raus aus dem Leben:<\/span><\/i><\/p>\n<p align=\"center\"><i><span lang=\"EN-US\">Raus, Vater!<\/span><\/i><\/p>\n<p align=\"center\"><i><span lang=\"EN-US\">Raus, Mutter!<\/span><\/i><\/p>\n<p align=\"center\"><i><span lang=\"EN-US\">Raus, Alk!. <\/span><\/i><\/p>\n<p align=\"center\"><i><span lang=\"EN-US\">Raus, Du Frau, mit der ich mich get\u00e4uscht habe.<\/span><\/i><\/p>\n<p align=\"center\"><i><span lang=\"EN-US\">Raus! Raus! Raus!<\/span><\/i><\/p>\n<p align=\"center\"><i><span lang=\"EN-US\">REBOOT!<\/span><\/i><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Hans Krohn legt den Stift weg. Er hat einen Plan. <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">M\u00e4nnliche Miene.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Jetzt wird aufger\u00e4umt!<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Ach, \u00fcbrigens: Jetzt steht\u2019s 3:3. In der Tat bauen sie wieder Schei\u00dfe, die Kameraden in Br\u00fcnn.<\/span><\/p>\n<p><b><i><span lang=\"EN-US\">\u00a0<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><b><i><span lang=\"EN-US\">*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; line-height: 115%; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 67, 23. 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