{"id":3386,"date":"2017-11-22T20:34:27","date_gmt":"2017-11-22T20:34:27","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3386"},"modified":"2017-11-22T20:34:27","modified_gmt":"2017-11-22T20:34:27","slug":"schrittweise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/schrittweise\/","title":{"rendered":"SCHRITTWEISE"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<p><b><i><span lang=\"EN-US\" style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u201e2017\u201d*, Folge 66, 22. November. \u201cDurchs Land\u201d\/VIII.<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Times New Roman' , serif;\">M\u00fcnchen. Auf dem Kegel des Olympiabergs st\u00fctzen sich die Spazierg\u00e4nger und Jogger aufs Gel\u00e4nder und schauen zu den Bergen. Von den Allg\u00e4uer bis zu den Chiemgauer Alpen schlie\u00dfen sie als Scherenschnitt das Land ab. Dar\u00fcber ein fast makelloser blauer Himmel. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Times New Roman' , serif;\">Es ist warm geworden, die Menschen ziehen die Anoraks aus und schlingen sie um die H\u00fcften. Eine Wohltat ist dieses Wetter nach dem Grau der letzten Tage.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Times New Roman' , serif;\">Auch Hans Krohn atmet auf. Das wird wohl sein letzter Tag in M\u00fcnchen sein, dann ist es auch genug.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Times New Roman' , serif;\">L\u00e4chelnd h\u00e4lt er das Gesicht in die Sonne. Ihm geht es gut, er tut sich gut.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Times New Roman' , serif;\">Alles auf Null, denkt er und grinst. Mit knapp 60 stelle ich endlich nochmal alles auf Null. Das ist so schwer \u2013 und es ist dann doch ganz simpel.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Times New Roman' , serif;\">Am Vormittag ist er bei den Anonymen gewesen. Hat nichts gesagt. Nur in der N\u00e4he der T\u00fcr gesessen und m\u00e4\u00dfig konzentriert zugeh\u00f6rt. Er kannte den Treffpunkt in einer evangelischen Kirche, dort hat er schon vor 30 Auswege aus dem Suff gesucht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Times New Roman' , serif;\">Alles wie damals.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Times New Roman' , serif;\">Die Thermoskannen mit Kaffee und Tee, die um den Tisch geschoben wurden. Die geschmacklosen Tassen aus billigen Erden. Die unappetitlichen Flyer mit ihren neunmalklugen Lebenshilfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Times New Roman' , serif;\">Die Runterbeterei der \u201ezw\u00f6lf Schritte\u201c.<\/span><\/p>\n<p>1. Schritt. Zugeben, dassde ein S\u00e4ufer bist. 2.\/3. Schritt: Gottvertrauen. 4.: Inventur. 5.: \u201eMea Culpa\u201c schreien. 6.: Schon wieder soll\u2019s Gott richten. 7.: Gott anbetteln, er m\u00f6ge helfen. 8.\/9.: Es bei den Menschen wieder gut machen, bei denen man Schei\u00dfe gebaut hat. 10.: Inventur, Inventur, Inventur. 11.: Mit Gott quatschen.<\/p>\n<p>\u201e12. Schritt<br \/>\nNachdem wir durch diese Schritte ein spirituelles Erwachen erlebt hatten, versuchten wir, diese Botschaft an Alkoholiker weiterzugeben und unser t\u00e4gliches Leben nach diesen Grunds\u00e4tzen auszurichten.\u201c<\/p>\n<p>Gott, wie diese Schritte-Gl\u00e4ubigkeit Hans Krohn auf den Sack geht. Er s\u00e4uft \u2013 und da hilft die Fr\u00f6mmelei nicht raus. Er wird die Demut und den Kleinmut nicht wie eine Monstranz vor sich her tragen. Die Lichtpfade zur N\u00fcchternheit sind ihm suspekt.<\/p>\n<p>So oft schon hat er das versemmelt mit dem Trocken-Sein, dass er sich nicht mehr traut.<\/p>\n<p>Ihn h\u00e4lt kein Gott auf den Beinen. Geschissen auf den Typ. Ihn h\u00e4lt aufrecht, dass er leben will.<\/p>\n<p>Warum er dann am Vormittag in den kleinen nach ungutem Schwei\u00df riechenden Raum gegangen ist?<\/p>\n<p>Er wollte nur zuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Es sind immer die gleichen Geschichten, die erz\u00e4hlt werden. Die Geschichten der anderen armen Schweine und seine eigene.<\/p>\n<p>Aufgewacht und keine Ahnung, was in der letzten Nacht abgelaufen ist.<\/p>\n<p>Aufgewacht und zuerst einmal was getrunken. Wegen der Zitterei und so.<\/p>\n<p>Aufgewacht und an den Strick gedacht.<\/p>\n<p>Aufgewacht und nicht mehr hochgekommen. Zum K\u00fchlschrank gekrochen. Leer, das dumme Ding. Alkohol gesucht, in der ganzen Wohnung. Mit letzten Kr\u00e4ften und der letzten Penunze Alk beim Discounter geholt.<\/p>\n<p>Aufgewacht, in einem Graben oder auf einer Bank.<\/p>\n<p>So haben sie es auch heute wieder erz\u00e4hlt. Und Hans Krohn war ganz zufrieden. Dass er da sa\u00df und nur noch ein klein bisschen zitterte. Dass er aufgewacht war und ganz n\u00fcchtern Angst vor seinen Erinnerungen an den Vater gehabt hatte. Dass er aufrecht aus der AA-Versammlung gehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Er steigt guter Dinge vom Olympiaberg, verl\u00e4sst den Park, quert den Leonrodplatz, schlendert ein St\u00fcck weiter in Richtung Hotel, biegt \u2013 ohne zu wissen, warum \u2013 in die Fasaneriestra\u00dfe ein. Wie fremdgeseuert ist er, als er das Br\u00fcnner Eck\u201c betritt.<\/p>\n<p>Hans Krohn bestellt Kaffee und Marillenkn\u00f6del. Er f\u00fchlt sich zuhause.<\/p>\n<p>Warum das denn, zum Teufel?<\/p>\n<p>Er sieht sich um. Er kennt sich aus. Hans Krohn erinnert sich.<\/p>\n<p>Hier hat er vor 30 Jahren auch gehockt und geglaubt, dass nun herrliche Zeiten anbrechen w\u00fcrden.<\/p>\n<p><b><i>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/i><\/b><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 66, 22. November. \u201cDurchs Land\u201d\/VIII. &nbsp; M\u00fcnchen. Auf dem Kegel des Olympiabergs st\u00fctzen sich die Spazierg\u00e4nger und Jogger aufs Gel\u00e4nder und schauen zu den Bergen. Von den Allg\u00e4uer bis zu den Chiemgauer Alpen schlie\u00dfen sie als Scherenschnitt das Land ab. Dar\u00fcber ein fast makelloser blauer Himmel. Es ist warm geworden, die Menschen ziehen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3299,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[881,4],"tags":[898],"class_list":["post-3386","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-d2017","category-journal","tag-898","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3386","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3386"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3386\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3387,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3386\/revisions\/3387"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3299"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3386"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3386"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3386"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}