{"id":3384,"date":"2017-11-21T22:20:34","date_gmt":"2017-11-21T22:20:34","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3384"},"modified":"2017-11-21T22:20:34","modified_gmt":"2017-11-21T22:20:34","slug":"wunderwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wunderwirtschaft\/","title":{"rendered":"WUNDERWIRTSCHAFT"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 65, 21. November. \u201cDurchs Land\u201d\/VII.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>M\u00fcnchen, ein silbergrauer eint\u00f6nig geschlossener Himmel. Ab und zu spannen die Menschen ihre Regenschirme auf.<\/em><\/p>\n<p><em>In der Nymphenburger Stra\u00dfe 16, Saal A 101 des Strafjustizzentrums, kriegt der Staat Saures.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Nebenklage-Anwalt Mehmet Daimag\u00fcler fordert im NSU-Prozess Lebenslang f\u00fcr Beate Zsch\u00e4pe. Der Mann kann ohne Punkt und Komma reden, er quatscht seine Gegen\u00fcber in den Irrsinn. Der Anwalt vertritt vor dem Oberlandesgericht M\u00fcnchen Angeh\u00f6rige von Abdurahim \u00d6zudogru und Ismail Yasar. Beide M\u00e4nner sind von Zsch\u00e4pes NSU-Komplizen Uwe Mundlos und Uwe B\u00f6hnhardt in N\u00fcrnberg erschossen worden.<\/em><\/p>\n<p><em>Daimag\u00fcler sagt, Zsch\u00e4pe sei ein vollwertiges Mitglied des \u201eNationalsozialistischen Untergrunds\u201c gewesen. Sie war \u201eHerrenmensch\u201c und hat sich als \u201eHerrin \u00fcber Leben und Tod\u00a0aufgespielt\u201c. <\/em><\/p>\n<p><em>Dann nimmt Daimag\u00fcler Polizei, Verfassungsschutz und Bundesanwaltschaft aufs Korn. Sie h\u00e4tten einen \u201emangelnden Aufkl\u00e4rungswillen\u201c Und es gebe einen weiteren \u201eunsichtbaren Angeklagten: den Staat\u201c. <\/em><\/p>\n<p><em>Der Anwalt argumentiert wie seine Kollegin Edith Lunnebach. Sie h\u00e4lt den Ankl\u00e4gern unzureichenden Ermittlungseifer, eine Diskreditierung von NSU-Opfern und deren Angeh\u00f6rigen, Selbstgerechtigkeit und Unversch\u00e4mtheiten gegen\u00fcber den Nebenklage-Anw\u00e4lten vor. <\/em><\/p>\n<p><em>\u201eGro\u00dfe Strafprozesse schreiben doch immer ein St\u00fcck Geschichte\u201c, sagt sie. \u201eIn der R\u00fcckbetrachtung werden Sie sich in der Rolle des Bremsers wiederfinden.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Mehmet Daimag\u00fcler ist der Sohn t\u00fcrkischer Gastarbeiter, hat ein Einser-Abi gebaut. Bei der FDP schaffte er es in den Vorstand, f\u00fcr sein Engagement hat er Wirtschafts- und Juristenpreise bekommen. Ein harter K\u00e4mpfer ist er, mittlerweile elegant ergraut, tr\u00e4gt gerne gut geschneiderte Sakkos in Blaut\u00f6nen. <\/em><\/p>\n<p><em>Nur manchmal, wenn die Kameras ausgeschaltet sind, l\u00e4sst Daimag\u00fcler sich gehen. Dann sieht er aus wie einer, der bald aufgibt.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber er l\u00e4sst sich nicht klein kriegen. Mehmet Daimag\u00fcler hat einen Bestseller geschrieben, mit dem Titel \u201eKein sch\u00f6nes Land in dieser Zeit &#8211; das M\u00e4rchen von der gescheiterten Integration\u201c \u2013 wer mit dieser Erkenntnis durch die Tage gehen will, muss eine Vokabel besonders oft benutzen:<\/em><\/p>\n<p><em>Trotzdem!<\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcber seinen Einsatz in der Nymphenburger Stra\u00dfe hat der Anwalt geschrieben:<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eErschreckender als all das in der Vergangenheit Geschehene ist die Gegenwart im M\u00fcnchner Gerichtssaal: Hier agiert eine Bundesanwaltschaft, die der Frage nach dem Wie mit Apathie oder Destruktion begegnet. Die Bundesanwaltschaft als Ankl\u00e4gerin ist eine politische Institution, denn sie handelt unter Rechts- und Fachaufsicht des Bundesministeriums der Justiz. Die Spitze unseres Staates, vom Justizminister bis zur Bundeskanzlerin, hat volle Aufkl\u00e4rung versprochen. Allerdings tut die Bundesanwaltschaft wenig, um dieses Versprechen einzul\u00f6sen. <\/em><\/p>\n<p><em>Sie findet es normal, dass ein Neonazi-Zeuge mit einem Anwalt auftaucht, der vom Verfassungsschutz ausgew\u00e4hlt und bezahlt wird. Nicht die Kaltschn\u00e4uzigkeit einer Beate Zsch\u00e4pe macht mich fassungslos, sondern die Dreistigkeit einer Bundesanwaltschaft, die behauptet, der NSU-Komplex sei \u201eausermittelt\u201c. <\/em><\/p>\n<p><em>Das Bundesinnenministerium hat erst vergangenes Jahr zugegeben, dass mehr als 700 offene T\u00f6tungsdelikte einen rechtsradikalen Hintergrund haben k\u00f6nnten. Wieso tritt die Bundesanwaltschaft nicht mit mehr Demut auf? <\/em><\/p>\n<p><em>Ich bekomme viele Schreiben, Mails, Briefe, Anrufe. Manchmal Briefe ohne Briefmarken, unter meiner Wohnungst\u00fcr durchgeschoben. Die einen wollen mir in den Kopf schie\u00dfen, die anderen mich \u00f6ffentlich verbrennen, manche kommen auch ohne Gewaltfantasien aus. Aber was sie alle sagen: Du bist anders, du bist kein Deutscher, du bist T\u00fcrke, du wirst nie zu uns geh\u00f6ren. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich will nicht w\u00fctend sein, aber ich bin es. Ich wei\u00df, ich habe in Deutschland keine Heimat, jedenfalls keine selbstverst\u00e4ndliche wie meine deutschen Freunde, allenfalls eine Heimat bis auf Weiteres. <\/em><\/p>\n<p><em>Auf Polizei und Justiz kann ich im Zweifel nicht z\u00e4hlen. <\/em><\/p>\n<p><em>In Deutschland geboren, eine Eins im Deutsch-Abi? Hat nichts zu bedeuten. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich bin T\u00fcrke, mit einem deutschen Pass.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Als Hans Krohn den Saal verl\u00e4sst, hat er Bauchweh. Zur\u00fcck im Hotel Fortsetzung der Gedanken \u00fcber den Vater. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Kind hatte Sebastian gern f\u00fcr seine Geschwister aus \u00c4sten und Brettchen kleine H\u00e4user oder Krippen oder Kirchen gebaut. Er war da sehr erfinderisch gewesen. Manchmal musste er erkl\u00e4ren, worum es sich handelte \u2013 um einen Bauernhof, einen Stall, einen Brunnen. Aber er erz\u00e4hlte seine Version mit einer solchen Begeisterung, dass die Geschwister die Legende gern \u00fcbernahmen.<\/p>\n<p>Nun kam ihm die Bastelei der fr\u00fchen Jahre zugute. Im Architekturb\u00fcro war Sebastian Krohn nach kurzer Zeit die rechte Hand des Chefs, weil keiner so begeistert und mit Liebe f\u00fcrs Detail die Modelle baute wie er.<\/p>\n<p>Krohn k\u00fcmmerte sich nicht um B\u00fcrozeiten. Wenn die Kollegen morgens kamen, stand er schon am Zeichentisch oder an der Werkbank. Nach Feierabend h\u00e4ngte er noch eine Stunde dran \u2013 danach ging\u2019s zum Training. Sonntags br\u00fctete er, wenn alles in der Kirche war, \u00fcber Entw\u00fcrfen, er s\u00e4gte, feilte, leimte. Nachmittags stand er auf dem Eis, im Sommer machte er mit Eve einen Ausflug.<\/p>\n<p>Er hatte nicht viel Zeit f\u00fcr sie. Er wollte seine Chance im B\u00fcro nicht versieben \u2013 und Eve best\u00e4rkte ihn. Sie k\u00fcmmerte sich bald schon um seine W\u00e4sche, h\u00f6rte l\u00e4chelnd zu, wenn er von seinem neuesten Einfall oder seinem Chef schw\u00e4rmte. Er lag dann auf dem R\u00fccken, hatte den Kopf in ihrem Scho\u00df, sie kraulte ihm die Haare und war sehr froh.<\/p>\n<p>Sie schliefen gern miteinander.<\/p>\n<p>\u201eSie brauchen keine Zeugnisse\u201c, sagte der Chef. \u201eSie haben den Beruf im Blut.\u201c Krohn bezog ein kleines Kabuff \u2013 es war in der Tat winzig, ein Abstellraum ohne Fenster \u2013 direkt neben dem B\u00fcro vom Chef. An allen gr\u00f6\u00dferen Projekten war er beteiligt, zuerst f\u00fchrte er Buch und erledigte die \u00c4mterg\u00e4nge, bald zeichnete er die Entw\u00fcrfe des Chefs ins Reine, und es dauerte nicht lange, bis er zu den Gesch\u00e4ftsessen mitgenommen wurde. Er redete nicht \u2013 au\u00dfer ein Kunde liebte Eishockey und wollte Interna \u00fcber den Verein wissen.<\/p>\n<p>Das Gehalt wurde aufgestockt. Krohn kam vier Monate nach D\u00fcsseldorf, wo er in einem renommierten B\u00fcro Gro\u00dfstadtluft schnuppern sollte. Er las nur noch Fachliteratur, lernte ganze Bildb\u00e4nde auswendig.<\/p>\n<p>Sebastian Krohn hatte kaum Zeit zum Schlafen in diesem D\u00fcsseldorf. Das MAN-Hochhaus. Die Thomaskirche in M\u00f6rsenbroich. Die Hansaallee 65 mit dem sternf\u00f6rmigen Grundriss und den runden Balkonen. Die Tonhallenstra\u00dfe 10mit der bauchigen Fassade. Das Dommel-Hochhaus und das Horten, Mannesmann und Amerikanisches Generalkonsulat\u2026<\/p>\n<p>Besoffen vor Gucken war Sebastian Krohn. Diese verspielten Fassaden, die n\u00fcchternen k\u00fchnen H\u00e4userfluchten. Lichte Pl\u00e4tze, verspielte Tram-Haltstellen, nostalgische 30er-Jahre Einfamilienh\u00e4user. Bauhaus-Kopien mit viel Glas.<\/p>\n<p>Kr\u00e4ne, Planierraupen, Ger\u00fcste, halbnackte Handwerker, Gaffer an Bauz\u00e4unen, Millionengesch\u00e4fte im B\u00fcro, Zeichnungen auf Millimeterpapier-B\u00f6gen, die so gro\u00df waren wie ein Eishockeytor\u2026<\/p>\n<p>Anfangs haben ihn die D\u00fcsseldorfer noch bel\u00e4chelt, diesen jungen Mann, der immer rote gro\u00dfe Ohren bekam, wenn er eifrig wurde. Einen drolligen Akzent brachte er mit, er konnte das nicht verheimlichen.<\/p>\n<p>Aber schon nach kurzer Zeit nahmen sie den Besuch aus Bayern ernst. Der junge Mann schnappte etwas Neues auf und lie\u00df dann nicht locker, ehe er alles richtig verstanden hatte. Er zeichnete meisterlich, hatte keine Scheu vor der Kundschaft, er konnte seine Ideen verkaufen.<\/p>\n<p>Der Inhaber des B\u00fcros machte sich rar. Krohn hatte ihn bisher nur an seinem ersten Tag kennen gelernt. Der \u00e4ltere Herr mit dem Schnauzbart, dem Schal und dem Anzug mit Weste hatte ihn versch\u00fcchtert.<\/p>\n<p>Die vier Monate waren fast vorbei, als Krohn ins B\u00fcro vom gro\u00dfen Eigenrauch bestellt wurde.<\/p>\n<p>\u201eSo, Sie verlassen uns ja bald, habe ich geh\u00f6rt\u201c, knurrte der gro\u00dfe Eigenrauch und blickte zum Fenster hinaus auf die Rheinwiesen. Er drehte mal leicht nach links, dann wieder leicht nach rechts in seinem Le Corbusier LC7, die F\u00fc\u00dfe hatte er auf einem mit schwarzem Leder bezogenen Hocker abgelegt. \u201eWieder nach Bayern, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, n\u00e4chste Woche muss ich zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p>\u201eA propos ,m\u00fcssen\u2018 \u2013 k\u00f6nnten Sie sich vorstellen, hier zu bleiben?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie meinen\u2019S des?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir haben Sie beobachtet. Guter Mann. Aus Ihnen wird was. Ich w\u00fcrde Sie gerne einstellen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber.\u201c<\/p>\n<p>\u201eW\u00e4re alles geregelt. Ich habe mit meinem Freund in Bayern gesprochen. Er legt Ihnen keine Steine in den Weg. Zeugnisse brauche ich nicht, ich wei\u00df, was Sie k\u00f6nnen. \u00dcber das Geld werden wir uns schon einig. Und einen Eishockeyverein haben wir hier auch. Also, was ist?\u201c<\/p>\n<p>Jetzt waren Sebastian Krohns Ohren puterrot.<\/p>\n<p>\u201eIch sehe schon, das wird was. Gehen Sie zum Herrn Rick, der macht mit Ihnen die ganzen Vertrags-Geschichten. Der wei\u00df sicherlich auch was zum Wohnen f\u00fcr Sie. N\u00e4chste Woche fangen Sie an. Jetzt haben Sie frei \u2013 fahren Sie nach Bayern und holen Ihr Zeug. Ich baue auf Sie.\u201c<\/p>\n<p>Benommen tappte Krohn aus dem B\u00fcro. Das musste er Eve beibiegen. W\u00fcrde nicht ganz einfach. Sie hatte beim letzten Telefonat etwas von \u201eHeiraten\u201c und \u201ewas Kleines\u201c geredet. Er hatte nicht viel Kleingeld gehabt, deswegen war das Gespr\u00e4ch zu schnell zu Ende gewesen.<\/p>\n<p>Doch Krohn ahnte was. Das war jetzt bl\u00f6d.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 65, 21. 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