{"id":3380,"date":"2017-11-20T19:55:26","date_gmt":"2017-11-20T19:55:26","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3380"},"modified":"2017-11-20T20:08:49","modified_gmt":"2017-11-20T20:08:49","slug":"das-fortkommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/das-fortkommen\/","title":{"rendered":"DAS FORTKOMMEN"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 64, 20. November. \u201cDurchs Land\u201d\/VI.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>M\u00fcnchen. Nebel am Morgen. Blauer Himmel tags\u00fcber, abends ziehen von Osten lockere Wolken auf. Kalt ist es.<\/em><\/p>\n<p><em>Es ist der Tag eines gro\u00dfen Fr\u00f6stelns. In Berlin haben sich gro\u00dfe Parteien nicht \u00fcber gemeinsame Ziele einigen k\u00f6nnen. Die \u201eJamaika-Koalition\u201c von Gr\u00fcnen, FDP und Union ist \u201egeplatzt\u201c, das Land hat noch immer keine Regierung; es sind beunruhigende Nachrichten aus der Hauptstadt.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber schon bald juckt die M\u00fcnchner nicht mehr so recht, was in Berlin passiert. Sie haben ihren eigenen Gespr\u00e4chsstoff.<\/em><\/p>\n<p><em>Die CSU steckt in der Krise. Der Ministerpr\u00e4sident ist angeknockt, viele rechnen damit, dass er in die Knie geht.<\/em><\/p>\n<p><em>Im \u201eDeutschlandfunk\u201c erkl\u00e4rt einer: \u201eSeehofer sei eine ,lame duck\u2018, ein ,walking dead\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Ja, so sagen die Leut\u2018 im Land, jetzt geht es dem Landesvater echt nass nei. Kacke am Dampfen. Misthaufen am Stinken. Seehofer am Fallen. Die dpa meldet:<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eJetzt kommt der CSU-Chef ganz pers\u00f6nlich mit leeren H\u00e4nden zur\u00fcck nach M\u00fcnchen, zur\u00fcck zur Basis, die nach dem verheerenden Ergebnis bei der Bundestagswahl ohnehin seit Wochen in Aufruhr ist. Was bedeutet das Jamaika-Aus f\u00fcr die CSU und f\u00fcr den 68-j\u00e4hrigen pers\u00f6nlich? Das ist zurzeit kaum absehbar. <\/em><\/p>\n<p><em>Zwar kann Seehofer jetzt immerhin betonen, keine falschen Kompromisse eingegangen zu sein. Doch eigentlich steht der 68-j\u00e4hrige vor einem Scherbenhaufen: Um seine Nachfolge als Ministerpr\u00e4sident tobt schon seit Wochen ein erbitterter Machtkampf, inzwischen muss man fast schon von einer Schlammschlacht sprechen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Nun hat Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner ihren Auftritt im Intriganten-Stadl an der Isar gehabt. Sie brachte im Gespr\u00e4ch mit Parteifreunden eine Urwahl des Spitzenkandidaten f\u00fcr die Landtagswahl und sich selber als Bewerberin ins Spiel \u2013 und es geht weiter, das gro\u00dfe Raufen.<\/em><\/p>\n<p><em>Aigner kann sich vorstellen, die Parteimitglieder abstimmen zu lassen, sie w\u00fcrde dann selbst kandidieren. Der Mann, dem das nicht in den Kram passen w\u00fcrde, hei\u00dft Markus S\u00f6der und will Seehofer st\u00fcrzen. Jetzt kommt die Aigner mit einer Urwahl daher und will selbst kandidieren \u2013 nein, das ist gar nicht lustig. Von \u201eVerzweiflung in der Pr\u00e4torianergarde\u201c schreibt die \u201eFAZ\u201c.<\/em><\/p>\n<p><em>Am Wochenende hat\u2019s die ersten Watschn gesetzt. \u201eJetzt sind wir nicht besser als die SPD. Wir zerst\u00f6ren uns selbst\u201c, sagt Oberbayerns Junge-Union-Chef Daniel Artmann, ohne sich aber inhaltlich hinter Aigner zu stellen. Staatskanzleichef Marcel Huber, der sich aus den Partei-K\u00e4mpfen am liebsten raus h\u00e4lt, verlangt mehr \u201eTeamgeist, Respekt und Fairness. Es n\u00fctzt nichts, wenn wir so weiter machen. Da werden schwere Gesch\u00fctze aufgefahren, die zeigen, wie tief die Gr\u00e4ben sind.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Zeit ist es, dass der Chef aus Berlin zur\u00fcck kommt. Sonst ger\u00e4t die Sache in Bayern aus dem Ruder.<\/em><\/p>\n<p><em>In der \u201eS\u00fcddeutschen\u201c vom Wochenende beschreiben \u201eExperten\u201c in einer Mischung aus Grusel und Ekel:<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDas Drama strebt seinem H\u00f6hepunkt entgegen. F\u00fcr den letzten Akt treten die Helden bald auf die offene B\u00fchne. Wer hat die besseren Nerven? Wer kann mehr Schmerz erdulden? und, nicht unwichtig bei der CSU: Wer schl\u00e4gt tiefer? Am Ende steht ein Moment der Stille. Das CSU-Orakel schreibt: ,Keine Sorge das ist die Ruhe vor dem gro\u00dfen Sturm.\u2018\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Nachmittags \u2013 blauer Himmel, Menschen mit M\u00fctzen \u2013 besucht Krohn seinen Verleger. Der ist entt\u00e4uscht, dass die Visite nicht zum Gelage wird. Man redet \u00fcber Fontane, Caspar David Friedrich und das \u00f6ffentliche Verrotten von Politiker-Gesichtern.<\/em><\/p>\n<p><em>Als Krohn den Verlag verl\u00e4sst, d\u00e4mmert der Tag weg. Ein bl\u00f6der Tag, denkt Krohn und ist bedr\u00fcckt, obwohl doch alles l\u00e4uft bei ihm.<\/em><\/p>\n<p><em>Im Hotel Fortsetzung der Gedanken \u00fcber den Vater.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSissi\u201c. \u201eIch denke oft an Piroschka\u201c. \u201eDie Deutschmeister\u201c. \u201eDes Teufels General\u201c. \u201eSchwedenm\u00e4del\u201c.<\/p>\n<p>Lieselotte Pulver. James Dean. Romy Schneider. Curd J\u00fcrgens. Cary Grant. Marilyn Monroe.<\/p>\n<p>Eve beschloss: Du gehst mit! Und Sebastian Krohn entdeckte das Kino. Er sa\u00df mit ihr in der letzten Reihe und verga\u00df zu knutschen. Der Hauptfilm begann, und die Welt wurde unermesslich gro\u00df f\u00fcr den jungen Mann aus dem Kaff im Allg\u00e4u. Er war nicht mehr der ungebildete Postbote, der wegen des Kriegsendes nicht mal einen ordentlichen Schulabschluss machen hatte k\u00f6nnen. Nur noch neugierig war er und f\u00fchlte, dass er in diese Welt geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>In die Welt der unerreichbaren Monroe und des rebellierenden James Dean. In die Welt der Scheinwerfer und der scheinbar-Unbek\u00fcmmertheit. Auf die Leinwand, vor die Kamera, in die Zeitung.<\/p>\n<p>Da musste er hin.<\/p>\n<p>Eve lachte ihn nicht aus. Wenn er tagtr\u00e4umte, was er unternehmen m\u00fcsste, um das Brieftr\u00e4ger-Leben hinter sich zu lassen, h\u00f6rte sie ihm l\u00e4chelnd zu und strich \u00fcber seine blonden, immer noch etwas zu langen Haare. Er sah dann ganz besonders aus. Wie einer, der Hunger hat und von gebratenen G\u00e4nsen spricht, die ihm ins Maul fliegen werden.<\/p>\n<p>Sie trafen sich nun regelm\u00e4\u00dfig an den Wochenenden. Wanderten durch die Alpen und \u00fcbernachteten im Schober. Z\u00e4hlten die Pfennige und leisteten sich dann ein Eis. Legten immer etwas f\u00fcrs Kino zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Eve nahm ihn zu ihren Freunden mit. Er lernte Sekret\u00e4rinnen und Skifahrerinnen auf Hochzeiter-Suche kennen, er traf Buchhalter und S\u00f6hne, die bald das Gesch\u00e4ft der V\u00e4ter \u00fcbernehmen w\u00fcrden. Er sah den Erfolgreichen in der Clique aufmerksam zu. Alles registrierte er und bearbeitete sich:<\/p>\n<p>Er zog sich an wie einer, der es zu etwas bringen wollte. Tischmanieren lernte er. Er machte den Fr\u00e4uleins den Hof. Das funktionierte immer besser, denn er hatte jederzeit neuen Gespr\u00e4chsstoff (Krohn las wie ein Verhexter, einmal in der Woche tauschte er einen Armvoll \u201efertiger\u201c B\u00fccher in der Stadtbibliothek gegen neue aus).<\/p>\n<p>Er war ein sympathischer Kumpel. Einer, der es mit allen konnte. Zwar mochte Krohn den James Dean aus \u201eDenn sie wissen nicht, was sie tun\u201c, doch er selbst hatte es nicht mit dem Unangepassten.<\/p>\n<p>Manchmal fingen Eves Freunde an, \u00fcber Politik zu diskutieren. Sie redeten sich die K\u00f6pfe hei\u00df, Sebastian sagte kein Wort. Wenn er eine Meinung hatte, behielt er sie sorgsam f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Stille T\u00f6ne. Freundlich, immer freundlich. Hilfsbereit. Ein Zuh\u00f6rer. Eves Freund.<\/p>\n<p>Man mochte Sebastian Krohn.<\/p>\n<p>Er setzte sich selbst geschickt und unvermerkt ins rechte Licht. Anfangs half ihm da der Sport. Sebastian spielte mittlerweile beim Oberligisten F\u00fcssen, und manchmal br\u00fcllten 15000 im Kobelstadion seinen Namen, wenn er sein Tor sch\u00f6n sauber hielt.<\/p>\n<p>Der Sportverein war seine Chance. Es kam der Tag, an dem nach dem Training der Pr\u00e4sident den Torh\u00fcter Krohn abpasste.<\/p>\n<p>\u201eSag\u2018 Basti, Du bist Brieftr\u00e4ger, gell?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, warum?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch hab\u2018 da vielleicht was f\u00fcr Dich. Ein Freund von mir braucht jemanden in seinem B\u00fcro.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df schon, Du hast keine Zeugnisse. Brauchst nicht, f\u00fcrs Erste. Stellst Dich amal bei meinem Freund vor. Dann sieht man weiter.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGut. Danksch\u00f6n.\u201c<\/p>\n<p>Krohn ging zu dem Mann. Es war ein Architekt, mit B\u00fcro am Marktplatz. Sebastian Krohn war ein wenig scheu, wie er da in einem tiefen Gest\u00fchl auf den Chef wartete. Wie ein Sch\u00fclerbub im zu engen Anzug kam er sich vor.<\/p>\n<p>Die Sekret\u00e4rin \u00f6ffnete die T\u00fcr und sagte, der Chef habe jetzt Zeit.<\/p>\n<p>Krohn trat ins weitl\u00e4ufige Zimmer mit dem wuchtigen Schreibtisch und den B\u00fcchern, die aus drei W\u00e4nden wuchsen. Die vierte Wand war eine Fensterfront zum Marktplatz.<\/p>\n<p>Es roch nach Zigarre, in der Mitte des Raums war das Holzmodell eines gro\u00dfen palastartigen Geb\u00e4udes aufgebockt. Auf dem Schreibtisch stand ein Cognacglas, der Herr Architekt bot seinem Besucher auch einen an.<\/p>\n<p>Gerne. Zigarre, nein danke. Der Sport.<\/p>\n<p>Der Herr Architekt nickte wohlwollend. Er hatte einen Bauch, \u00fcber dem die Weste spannte.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine wohle Welt!<\/p>\n<p>Das war\u2019s.<\/p>\n<p>Hierhin wollte Krohn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 64, 20. November. \u201cDurchs Land\u201d\/VI. &nbsp; M\u00fcnchen. Nebel am Morgen. Blauer Himmel tags\u00fcber, abends ziehen von Osten lockere Wolken auf. Kalt ist es. Es ist der Tag eines gro\u00dfen Fr\u00f6stelns. In Berlin haben sich gro\u00dfe Parteien nicht \u00fcber gemeinsame Ziele einigen k\u00f6nnen. 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