{"id":3377,"date":"2017-11-19T15:08:48","date_gmt":"2017-11-19T15:08:48","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3377"},"modified":"2017-11-19T15:08:48","modified_gmt":"2017-11-19T15:08:48","slug":"first-kiss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/first-kiss\/","title":{"rendered":"FIRST KISS"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 63, 19. November. \u201cDurchs Land\u201d\/V.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>M\u00fcnchen, Du Sch\u00f6ne:<\/em><\/p>\n<p><em>Die \u201eBayern\u201c haben schon wieder gewonnen. Bald machen die Christkindlm\u00e4rkte auf, dann wird\u2019s noch gem\u00fctlicher in der Stadt. Mitte der Woche wird es nicht mehr regnen, und w\u00e4rmer soll es auch noch mal werden. Im \u201eKultur-Herbst\u201c wei\u00df man gar nicht, wohin man zuerst gehen soll.<\/em><\/p>\n<p><em>M\u00fcnchen, das ist auch der Tierpark Hellabrunn mit seiner neuesten Attraktion:<\/em><\/p>\n<p><em>Dort trippeln die drei putzigen Keiler Robi, Rily und Rembrand Trappeltritt auf Trappeltritt Mama Mathilda hinterher. Ihnen folgen auf den Paarhufen die Pinselohr-Sau Marie mit den Zwillingen Rusty und Ronja. Erzeuger ist der nimmerm\u00fcde Leopold \u2013 dem ist freilich die Nachkommenschaft wurscht. Er sieht sich nach weiteren Amouren auf der Au\u00dfenanlage um.<\/em><\/p>\n<p><em>M\u00fcnchen, diesmal anders. Der neue Armutsbericht ist da.<\/em><\/p>\n<p><em>2011 waren noch 14,7 Prozent der M\u00fcnchner arm \u2013 nun sind es 17,4 Prozent. Als armutsgef\u00e4hrdet gilt, wer \u00fcber weniger als 60 Prozent des mittleren M\u00fcnchner Nettoeinkommens verf\u00fcgt. Die Schwelle liegt in M\u00fcnchen beim Single-Haushalt bei 1350 Euro, bei zwei Personen sind es 2025 Euro. Kommt noch ein Kind unter 14 Jahren hinzu, liegt die Schwelle bei 2430 Euro.<\/em><\/p>\n<p><em>Sechs Prozent der jungen Menschen in M\u00fcnchen verlassen die Schule ohne Abschluss. Bei den ausl\u00e4ndischen Sch\u00fclern sind es sogar 11,2 Prozent. 60 Prozent der Menschen, die von Hartz IV leben, haben keinen Berufsabschluss oder zumindest keinen in Deutschland anerkannten Abschluss.<\/em><\/p>\n<p><em>7300 Menschen haben kein Dach \u00fcber dem Kopf, darunter fast 1600 Kinder. 8200 Haushalte stehen im Wohnungsamt auf der Liste derer, die am dringendsten eine Wohnung brauchen, doch nur 2800 Wohnungen konnten im vergangenen Jahr von der Stadt vergeben werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Martin Glaab,\u00a0Sprecher der Benediktinerabtei St. Bonifaz<\/em><em>, ist am Resignieren: \u201eUnsere Abtei versorgt in der hauseigenen Praxis Obdachlose. Die Bilder, denen unsere \u00c4rzte ausgesetzt sind, sind furchtbar. Offene Wunden geh\u00f6ren zum Alltag. 4700 Menschen wurden 2016 behandelt, vor allem wegen innerer Krankheiten. Die H\u00e4lfte unserer Patienten hat \u00fcberhaupt keine Krankenversicherung und ist obdachlos. Und es wird schlimmer.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als der Vater mit dem Rad auf den D\u00f6rfern die Post ausfuhr, karrten in den St\u00e4dten die Tr\u00fcmmerfrauen noch Schutt von den Grundst\u00fccken, auf denen neuer Wohlstand entstehen w\u00fcrde. Im Allg\u00e4u war man da schon weiter.<\/p>\n<p>Die Bauern feierten zufriedenen Erntedank, ein paar schafften sich neue moderne Maschinen an, in der Kreisstadt machte ein kleines \u201eKaufhaus\u201c auf. Im Sommer kamen mehr und mehr Sommerfrischler.<\/p>\n<p>Post gab es immer \u2013 und wenn Sebastian sich nichts zuschulden kommen lassen w\u00fcrde, w\u00e4re er bald Beamter und k\u00f6nnte die Jahre verplanen.<\/p>\n<p>Er machte sich dar\u00fcber jedoch keine Gedanken. Krohn f\u00fchlte sich pr\u00e4chtig. Morgens verlie\u00df er die Kleinh\u00e4usler-Wohnung, nachdem er den j\u00fcngeren Geschwistern das Fr\u00fchst\u00fcck auf den Tisch gestellt hatte. Er sortierte im Postamt die Briefe und P\u00e4ckchen in die Tasche und radelte los.<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe Kraft hatte er \u2013 obwohl er so d\u00fcnn war. Waden wie Storchenbeine, eine Brust wie ein Huhn, die Rippen zum Z\u00e4hlen. Aber er war ein schmucker Bursch, weil er mit dem ganzen Gesicht lachen konnte und eine gro\u00dfe Offenheit hatte, die den Einheimischen abging. Die waren verdruckst und misstrauisch gegen alles Neue.<\/p>\n<p>Sebastian Krohn konnte es mit den Frauen. Gelenkig war er wie ein Turner, im Winter spielte er im Eishockeyverein. Er raufte nicht gerne, daf\u00fcr konnte er r\u00fcckw\u00e4rts \u00fcbersetzen, das gelang den meisten Kollegen nicht. Und er hatte ein paar Spr\u00fcnge der Kunstl\u00e4ufer im Repertoire, damit punktete er immer.<\/p>\n<p>Am Sonntag nach dem Spiel traf sich die Landjugend im Eisstadion zum freien Lauf. Sebastian hatte sich gewaschen und die Haare nach hinten frisiert. Er trug jetzt die Jeans und die schwarze Lederjacke, die er sich vom ersten Gesparten gekauft hatte.<\/p>\n<p>So zog er in der untergehenden Sonne seine Kringel aufs Eis und streute ab und zu einen kleinen Sprung ein, immer in Eves N\u00e4he.<\/p>\n<p>Denn Eve, die sollte es sein.<\/p>\n<p>Sie hatte Z\u00f6pfe, r\u00f6tlich-blond, ein paar niedliche Sommersprossen, ganz furchtbar sportlich war sie \u2013 man sagte, sie w\u00fcrde beim Skifahren mal Deutsche Meisterin -, sie lachte die meiste Zeit, and\u00e4chtig h\u00f6rte sie zu, wenn Sebastian etwas sagte.<\/p>\n<p>Und sie mochte wohl, wenn er nah an ihr vorbei fuhr, vielleicht gar noch r\u00fcckw\u00e4rts mit \u00dcbersetzen, und dabei so tat, als sei das die einfachste \u00dcbung von der Welt.<\/p>\n<p>Mehr als seine Spr\u00fcnge vorzuf\u00fchren oder kluge Spr\u00fcche zu klopfen traute er sich freilich nicht.<\/p>\n<p>Die Saison ging zu Ende, bald w\u00fcrde es tauen, und man w\u00fcrde im Eisstadion f\u00fcr lange Zeit die letzten Runden drehen.<\/p>\n<p>Da glitt Eve auf ihn zu und sagte \u2013 ohne Vorwarnung und mit Stimme einer Gesch\u00e4ftsfrau, die einen Handel voran treiben will:<\/p>\n<p>\u201eWenn Du eine Br\u00fccke kannst und aufstehst, ohne dass Du die H\u00e4nde brauchst \u2013 dann kriegst Du einen Kuss von mir.\u201c<\/p>\n<p>Eine Br\u00fccke geht so: Der Turner bewegt sich ins extreme Hohlkreuz. Sehr sacht und unter Schmerzen senkt er den Kopf nach hinten, solange, bis hinter ihm die H\u00e4nde den Boden ber\u00fchren.<\/p>\n<p>Das ist etwas f\u00fcr Schlangenmenschen und nicht f\u00fcr Bauernkl\u00f6fel vom Land.<\/p>\n<p>Dann wieder in den Stand, ohne die Hilfestellung Anderer oder die Zuhilfenahme der H\u00e4nde:<\/p>\n<p>Das ist etwas f\u00fcr K\u00f6rper-K\u00f6nner.<\/p>\n<p>Sebastian Krohn sah Eve in die gr\u00fcnen Augen:<\/p>\n<p>\u201eEcht? Einen Kuss?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa. Versprochen.\u201c<\/p>\n<p>Er hat ihn bekommen, den Kuss. Zuerst, weil es in der \u00d6ffentlichkeit war, einen Schmatz auf die Lippen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, da guckte keiner zu, weil man sich in einen Schuppen verdr\u00fcckt hatte, bekam er einen richtigen Kuss.<\/p>\n<p>Er radelte nach Hause, es war dunkel und eisekalt. Sebastian hatte das Hemd und die Lederjacke offen, er sp\u00fcrte nicht, dass die Riemen des alten Rucksacks in die Schultern schnitten.<\/p>\n<p>Er war im Rausch.<\/p>\n<p>Achso: Getrunken hat er damals nicht. Er mochte kein Bier.<\/p>\n<p>Es war die beste Zeit seines Lebens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 63, 19. November. \u201cDurchs Land\u201d\/V. &nbsp; M\u00fcnchen, Du Sch\u00f6ne: Die \u201eBayern\u201c haben schon wieder gewonnen. Bald machen die Christkindlm\u00e4rkte auf, dann wird\u2019s noch gem\u00fctlicher in der Stadt. Mitte der Woche wird es nicht mehr regnen, und w\u00e4rmer soll es auch noch mal werden. 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