{"id":3373,"date":"2017-11-18T19:19:23","date_gmt":"2017-11-18T19:19:23","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3373"},"modified":"2017-11-18T20:31:32","modified_gmt":"2017-11-18T20:31:32","slug":"helden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/helden\/","title":{"rendered":"KINDHEIT"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 62, 18. November. \u201cDurchs Land\u201d\/IV.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>M\u00fcnchen. Schwer, der Himmel. Unter eine dunkelgraue Decke \u00a0haben sich helle Quellwolken geschoben, es windet in der kalten Stadt. Leichter Regen ist angesagt, sp\u00e4ter wird es ein bisserl schneien.<\/em><\/p>\n<p><em>Hans Krohn steht in der Zugspitzstra\u00dfe und denkt frierend an die Heldenverehrung im Lande.<\/em><\/p>\n<p><em>Hier ist im Haus Nummer sechs Franz Beckenbauer, Sohn eines Postsekret\u00e4rs, aufgewachsen. Ein \u00fcberschaubares Leben ist das gewesen. <\/em><\/p>\n<p><em>Nur dass der Franz anders gewesen ist als seine Altersgenossen. Der hat\u2019s mit dem Fu\u00dfball gehabt. Mutter Antonie flickte klaglos die Hosen, wenn sich der Franz vergessen hatte und in der Schulkleidung zum Kicken hinrei\u00dfen lie\u00df. <\/em><\/p>\n<p><em>Er war immer schon der Beste am Ball.<\/em><\/p>\n<p><em>Und wurde zu einer \u201eLichtfigur\u201c. Libero. Weltmeister. Jedermanns Liebling. L\u00e4chelnder G\u00fcnstling der G\u00f6tter. Pr\u00e4sident und Botschafter, der Mann der Frauen, der Macher des \u201eSommerm\u00e4rchens\u201c, der Immer-Gewinner. <\/em><\/p>\n<p><em>Der Gr\u00f6\u00dfte.<\/em><\/p>\n<p><em>Es ist noch nicht so lang her, da sagte Franz Beckenbauer: \u201eAlle Sonntage der Welt sind in mir vereint. Wenn man so ein Leben hat in seinen ersten 70 Jahren, angefangen aus dem Nichts kommend und dann durch den Fu\u00dfball die Kurve nach oben zu kriegen&#8230;Und der Fu\u00dfball ist dabei auch noch gesellschaftsf\u00e4hig geworden und hat heute einen Stellenwert, dass sich die h\u00f6chsten Politiker damit besch\u00e4ftigen. Und da war ich dabei. Ist das Leben nicht wunderbar?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Das war mal. Hans Krohn fr\u00f6stelt. Soweit er wei\u00df, ist Beckenbauer zur Zeit in S\u00fcdafrika und hat Angst vor dem, was noch kommt. Er soll geschmiert und getrickst und geschummelt und mit Dollar-Millionen Schmu gemacht haben. Fahnder sind hinter ihm her. Die Journalisten, die ihm mal die Stiefel geleckt haben, jagen ihn.<\/em><\/p>\n<p><em>Des \u201eKaiser\u201c Mutter ist gestorben, sein Sohn auch. Das Herz macht nicht mehr so recht mit, zum zweiten Mal muss er operiert werden. Man munkelt,er sei dick geworden und menschenscheu.<\/em><\/p>\n<p><em>Das Denkmal wird gest\u00fcrzt, die Legende zu Lebzeiten zerfieselt.<\/em><\/p>\n<p><em>Nichts Neues im Lande.<\/em><\/p>\n<p><em>Hans Krohn tapert gedankenverloren von der Zugspitzstra\u00dfe in Richtung des Gr\u00fcnwalder Stadions. Er kauft an einem Kiosk die \u201eBild\u201c, betritt ein Caf\u00e9 und schl\u00e4gt, nachdem er Apfelstrudel und Tee bestellt hat, die Zeitung auf.<\/em><\/p>\n<p><em>Seite 7:<\/em><\/p>\n<p><em>Boris Becker wird in zwei Tagen 50. Schon jetzt hat er ein gro\u00dfes Interview gegeben. \u201eLebens-Bilanz \u2013 \u201eMein Name ist Herr Becker\u201c.<\/em><\/p>\n<p><em>Becker \u2013 er ist schwerf\u00e4llig geworden und hat eine ungesunde Durchblutung, nach mannigfachen Operationen an Becken und Beinen humpelt er und schluckt viel zu viele Schmerztabletten. Er hat keine Kohle mehr und Abermillionen Schulden.<\/em><\/p>\n<p><em>Boris Becker wird gerade allenthalben enteiert. Er sagt:<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDas ist Rufmord, das ist versuchter Totschlag. Es geht darum, einen Mann und sein Lebenswerk kaputt zu machen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Hans Krohn legt das Blatt beiseite. Er blickt auf den Wettersteinplatz. <\/em><\/p>\n<p><em>Wirklich. Leichter Schneefall.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein abweisender Tag. Gemacht f\u00fcr tr\u00fcbe Gedanken.<\/em><\/p>\n<p><em>Legenden, denkt Krohn. Legenden haben\u2019s gar nicht so leicht bei uns. Helden mit einer kurzen Halbwertzeit sind sie.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Vater klingt jetzt gar nicht betrunken. Eine leise Stimme hat er. Das ist keine friedliche Erz\u00e4hlung eines netten Opas aus seinen jungen Jahren, das ist eine Abrechnung. Sebastian Krohn ist im Zwist mit seinem Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eKindheit! Du wei\u00dft doch gar nicht, wovon Du sprichst.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ich habe Dir Deine Kindheit bezahlt. Deine Mutter und ich haben daf\u00fcr gesorgt, dass Du das bekommen hast, was wir nicht kannten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Glaubst Du, Deine Mutter hat eine Kindheit gehabt? Ja, sicher, ein paar Jahre ist sie in ihrem Riesengebirge gesch\u00fctzt gewesen. Da ist sie Ski gelaufen und hat Heidelbeeren gepfl\u00fcckt. Aber dann ist auch f\u00fcr sie das alles zu Ende gewesen. Du wirst sie nicht klagen h\u00f6ren \u2013 \u00fcber Vertreibung und Hunger und kein Vater und solche Sachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Man jammert nicht \u2013 so haben wir es gelernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">So hat es unsere Generation erlebt. Kindheit war nicht vorgesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wir waren f\u00fcnf. Meine Mutter und vier Kinder. Sie hat mit ihrem Mann vier Kinder gezeugt, das w\u00e4re noch weiter gegangen. Aber \u201943 ist er nicht mehr aus dem Krieg gekommen. Und dann war sie allein mit den Kindern. Ist von D\u00fcsseldorf in den S\u00fcden gegangen, wir sind in einem kleinen Dorf im Allg\u00e4u aufgewachsen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ich habe die Nazis gemocht. Bei denen war ich gut aufgehoben als Pimpf. Es gab oft was zu essen, ich f\u00fchlte mich akzeptiert und habe auch dran geglaubt, dass der Hitler den Krieg doch noch gewinnen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ich war klein und hungrig, verstehst Du?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Nein, Du verstehst nicht. Ihr urteilt doch alle \u00fcber etwas, das man nicht verstehen kann, wenn man es nicht erlebt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Du kennst keinen Hunger. Du wei\u00dft nicht, wie es ist, wenn man als Junge mit ansieht, wie die Mutter verr\u00fcckt wird. Sie war da pl\u00f6tzlich ohne Mann in dem fremden Bauernkaff, mit vier Kindern an der Sch\u00fcrze. Sie hat getrunken, wenn sie etwas bekommen hat. Sie hat angefangen, mit sich Gespr\u00e4che zu f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">F\u00fcr uns war es irgendwie egal, ob dieser Krieg im Gange war oder nicht. Zu den Pimpfen ging ich nicht mehr, weil sich das erledigt hatte. Als man sagte, Deutschland hat kapituliert, habe ich\u2019s nicht kapiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Habe nur gemerkt, dass f\u00fcr uns der Hunger noch schlimmer wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Meine Mutter war im Dorf ganz unten. Mit der wollte niemand etwas zu tun haben. Sie konnte auch nichts bieten, \u00e4rmer als sie \u2013 das ging nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Im Herbst haben wir nach dem Ende der Ernte auf den leeren Feldern nach Kartoffeln gesucht. Der \u00e4ltere Bruder und ich haben manchmal bei den Bauern eine Arbeit bekommen \u2013 da gab es abends etwas zu essen, nichts Besonderes, aber die Mutter hat sich gefreut.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Eines Tages hat sie sich ausgezogen und ist singend nackt \u00fcber die Dorfstra\u00dfe gelaufen. Sie haben sie eingefangen und weg gebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Jetzt mussten mein gro\u00dfer Bruder und ich zusehen, wie wir die J\u00fcngeren \u00fcber die Runden brachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Als die Mutter wieder kam, hat sie nicht mehr mit sich geredet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Mit Anderen auch nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Sie war stumm. Hat noch fast 30 Jahre gelebt, aber gesprochen hat sie fast nie mehr. Manchmal lachte sie \u2013 dabei war gar nichts Lustiges passiert. Manchmal war sie tagelang verschwunden. Wir haben uns dran gew\u00f6hnt. Der \u00e4ltere Bruder ist schon sehr bald von zuhause weg \u2013 sp\u00e4ter ist er in Kanada gelandet. Ich habe als Postbote angefangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wart\u2018 mal, ich habe da ein Foto.\u201c<\/p>\n<p>Sebastian Krohn \u2013 nun war ihm die Trunkenheit anzumerken, weil er sich am B\u00fccherregal festhalten musste \u2013 tastete sich zu seinem Stehpult. Er zog eine kleine Schublade auf, kam mit einer Zigarrenkiste voller Fotos zur\u00fcck. Hans hatte die Aufnahmen noch nie gesehen, der Vater w\u00fcrde sie ihm auch nicht zeigen. Er kramte, fand das Gesuchte und reichte das Bild seinem Sohn.<\/p>\n<p>Da stand der Vater.<\/p>\n<p>In Uniform.<\/p>\n<p>Mit einem Postler-K\u00e4ppi, das er verwegen schr\u00e4g in die Stirn geschoben hatte. Die Tasche hing schwer und voll mit Briefsachen an seiner Schulter.<\/p>\n<p>Das st\u00f6rte den jungen Mann nicht. Er hatte ein schmales asketisches Gesicht, die Haare waren etwas zu lang. Ein markantes Kinn, sinnliche Lippen.<\/p>\n<p>Ein verteufelt gut aussehender hungriger junger Mann.<\/p>\n<p>Der lachte.<\/p>\n<p>Und wie er lachte.<\/p>\n<p>Fr\u00f6hlich.<\/p>\n<p>Neugierig.<\/p>\n<p>Erobernd.<\/p>\n<p>Er war ein junger Held, der hinaus ziehen w\u00fcrde, um zu gewinnen.<\/p>\n<p>Hans Krohn hatte nicht gewusst, dass dieses Lachen in seinem Vater steckte.<\/p>\n<p>Er sch\u00e4mte sich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 62, 18. November. \u201cDurchs Land\u201d\/IV. &nbsp; M\u00fcnchen. Schwer, der Himmel. Unter eine dunkelgraue Decke \u00a0haben sich helle Quellwolken geschoben, es windet in der kalten Stadt. Leichter Regen ist angesagt, sp\u00e4ter wird es ein bisserl schneien. 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