{"id":3371,"date":"2017-11-17T10:34:02","date_gmt":"2017-11-17T10:34:02","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3371"},"modified":"2017-11-17T10:34:02","modified_gmt":"2017-11-17T10:34:02","slug":"red-sag-was","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/red-sag-was\/","title":{"rendered":"RED! SAG WAS!"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 61, 17. November. \u201cDurchs Land\u201d\/III.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Wolfratshausen. In der B\u00e4ckerei reden sie dr\u00fcber, dass \u201eHubert und Staller\u201c kommende Woche zum 100.en Mal im Fernsehen ermitteln werden. Die Leut\u2018 sind sich nicht ganz sicher. Schadet das dem sch\u00f6nen Wolfratshausen, weil die Bullen ziemlich deppert sind und das Verbrechen plump durchs Voralpenland wabert? Oder soll man sich geschmeichelt f\u00fchlen, weil der Ort Schauplatz einer der wenigen intelligenten deutschen TV-Produktionen ist?<\/em><\/p>\n<p><em>Ach was! \u201eHubert und Staller\u201c ist geil. Das Land k\u00f6nnte so sch\u00f6n schr\u00e4g sein\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eWagen 3, bitte kommen!\u201c \u2013 \u201eSo ein Schmarrn. Da hamma genau einen Wagen \u2013 aba samma Wagen 3.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIsses eigentlich \u2018nZufall, dass Sie immer grad vor Ort sind, wenn\u2019s \u2018n Toten gibt?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIch will keinen Artikel mehr lesen, in dem die W\u00f6rter ,Polizei\u2018 und ,ahnungslos\u2018 gleichzeitig vorkommen!\u201c \u2013 \u201eChef, des is aber der Artikel von gestern, da hamma des noch net gewusst.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eKleiner Tipp: Des Schwarze, des san de Buchstabn.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eFrau Kramer, wir stecken unter keiner Decke, mit niemandem. Und \u00fcberhaupt: Der Saft is beschlagnahmt.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Weitermachen, Wolfratshausen. Ende.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Alkohol vertrug Sebastian Krohn schon seit Jahren nicht mehr. Jeden Nachmittag um drei fuhr er in die Wirtschaft und trank dort bis um sieben Uhr abends Wei\u00dfbier. Dann stieg er in seinen Porsche und kurvte heimzu.<\/p>\n<p>Bis ihn eines Abends die Polizei abpasste. Dann war der Lappen weg. Und ein Stammtischbruder musste den Krohn nach Hause chauffieren. Fahrpreis: zwei Bier.<\/p>\n<p>Manchmal \u2013 alle zwei Monate vielleicht \u2013 ging es am Stammtisch au\u00dferplanm\u00e4\u00dfig hoch her. Jemand wurde begraben, ein besoffener Bauer hatte zuviel Geld im Hosensack, man feierte einen Feiertag. Freibier gab\u2019s und Schnaps.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrte bei Sebastian Krohn zu Granatenr\u00e4uschen. Er verletzte sich bisweilen, geriet in eine belanglose Rauferei, kam erst um Mitternacht nach Hause und war danach krank.<\/p>\n<p>Der Alkohol machte ihn nun platt.<\/p>\n<p>Einmal stie\u00df Sebastian Krohn die wuchtige, im 17.en Jahrhundert gebaute und beschnitzte, eichene Eingangst\u00fcr der Villa auf und taumelte ins Wohnzimmer. Er plumpste in einen Sessel und r\u00fclpste in Richtung des Fernsehers.<\/p>\n<p>Fragte seinen Sohn, der zu Besuch war, was er denn da so interessant f\u00e4nde.<\/p>\n<p>Ein Krimi, sagte Hans. Die Mutter und er s\u00e4hen sich einen Krimi an.<\/p>\n<p>Der alte Krohn schnaufte. Er habe das nie verstanden: diese Vorliebe seiner Frau f\u00fcr Krimis. Was fand sie nur an diesem Derrick? Das sei doch kein Mann.<\/p>\n<p>Pscht, machte Frau Krohn. Sie war richtiggehend sauer.<\/p>\n<p>\u201eSchei\u00dfe\u201c, raunzte Krohn. Fragte seinen Sohn, ob er ein Bier mit ihm trinken wollte.<\/p>\n<p>Hans nickte. Sie wechselten hin\u00fcber ins Esszimmer an den vier Meter langen grob gehobelten L\u00e4rchentisch. Hans holte aus der K\u00fcche zwei Flaschen Bier.<\/p>\n<p>Da sa\u00dfen sie nun.<\/p>\n<p>Hans Krohn, ein junger Mann, der gerade Sport getrieben hatte. Frischer Teint, ein offenes Gesicht. Noch kein Plan, was in den n\u00e4chsten Jahren werden w\u00fcrde. Wahrscheinlich w\u00e4re es was mit Fotografie oder Malerei, man w\u00fcrde sehen. Keine gro\u00dfen Sorgen hatte er. Probleme mit M\u00e4dchen auch nicht, er war ein Luftikus, das mochten manche.<\/p>\n<p>Sebastian Krohn, ein verwitterter Trinker, der das Saufen an diesem Tag \u00fcbertrieben hatte. Grau und violett war die Haut, der Mann starrte mit seinen blutunterlaufenen Augen meist auf den Fu\u00dfboden. Es war Jahre her, seit er zum letzten Mal eine Idee in sein Moleskin skizziert hatte. Nun kritzelte er lange Zahlenreihen ins Buch. Das waren die Schulden, die Belastungen, die erhofften Einnahmen, der Jahresabschluss. Es wurden immer mehr Schulden und Zahlungen. Die Einnahmen kamen nicht mehr. Und am Jahresende hatten die Krohns das n\u00e4chste dicke Minus.<\/p>\n<p>An diesem Abend erz\u00e4hlte Sebastian Krohn seinem Sohn von einem Haus, mit dem er die Tiroler Kulturszene verst\u00f6rt hatte. Es war ein Bauhaus-artiger Kasten aus Granit und Glas, der aus einem felsigen Steilhang heraus wuchs und auf Stelzen ins Tal ragte. Im Fels gab es eine Schwimmhalle, die Wohnr\u00e4ume erreichten die Bewohner mit einem Aufzug.<\/p>\n<p>Die Politiker und die Redakteure der lokalen Presse hatten gesch\u00e4umt. In der \u201eNew York Times\u201c hatte jemand geschw\u00e4rmt, dass die Tiroler die Zukunft vorweg n\u00e4hmen. Einen Preis hatte das B\u00fcro Krohn bekommen\u2026<\/p>\n<p>Er h\u00e4tte immer so weiter geprahlt. Es war nicht zu ertragen, das selbstherrliche Geschwurbel. Hans Krohn wollte nur, dass der Betrunkene nicht mehr redete. Er fragte:<\/p>\n<p>\u201eSag\u2018 mal Papa?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu redest nie \u00fcber Deine Kindheit. Hast Du keine gehabt?\u201c<\/p>\n<p>Sebastian Krohn schwieg wirklich. Er dachte angestrengt nach. Im b\u00f6sen Gesicht gewitterte es.<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df nicht, was Du Dir erlaubst. Das geht Dich nix an.\u201c<\/p>\n<p>Schon gut. Hans setzte die Flasche an. Er w\u00fcrde austrinken und gehen. So hatte er es gelernt.<\/p>\n<p>\u201eAber ich werde es Dir sagen.\u201c<\/p>\n<p>Hans stellte die Flasche wieder auf den Tisch.<\/p>\n<p>\u201eOb ich eine Kindheit gehabt habe, willst Du wissen. Das ist eine saudumme Frage, das ist Dir schon klar?<\/p>\n<p>Kindheit!<\/p>\n<p>Da kann ich nur lachen.\u201c<\/p>\n<p>Und Sebastian Krohn sprach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 61, 17. November. \u201cDurchs Land\u201d\/III. &nbsp; Wolfratshausen. In der B\u00e4ckerei reden sie dr\u00fcber, dass \u201eHubert und Staller\u201c kommende Woche zum 100.en Mal im Fernsehen ermitteln werden. Die Leut\u2018 sind sich nicht ganz sicher. Schadet das dem sch\u00f6nen Wolfratshausen, weil die Bullen ziemlich deppert sind und das Verbrechen plump durchs Voralpenland wabert? 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