{"id":3369,"date":"2017-11-16T11:39:59","date_gmt":"2017-11-16T11:39:59","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3369"},"modified":"2017-11-16T11:39:59","modified_gmt":"2017-11-16T11:39:59","slug":"doch-kein-held","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/doch-kein-held\/","title":{"rendered":"DOCH KEIN HELD"},"content":{"rendered":"<p><b><i><span lang=\"EN-US\" style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u201e2017\u201d*, Folge 60, 16. November. \u201cDurchs Land\u201d\/II.<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><b><i><span lang=\"EN-US\" style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><em>P\u00e4hl. 20 Hansel treffen sich, um zu jammern. Bei der Winterversammlung der Waldbesitzervereinigung (WBV) Weilheim in P\u00e4hl kommen den Forstmenschen schier die Tr\u00e4nen. Sie sind schon arg in Not. Und wer ist schuld?<\/em><\/p>\n<p><em>Die K\u00e4fer und das Wetter.<\/em><\/p>\n<p><em>Das ganze Jahr \u00fcber haben sich die K\u00e4fer durch die W\u00e4lder der Region genagt, dann fiel am 1. August ein Gewittersturm \u00fcbers Land her. Es gab m\u00e4chtig viel Windbruch. Die Gegend sei zwar nicht so stark betroffen gewesen wie der Landkreis Starnberg oder die Gegend um Passau, dies n\u00fctze den hiesigen Waldbesitzern aber wenig, denn \u201edas ganze Holz kommt auf den Markt und dr\u00fcckt den Preis\u201c. F\u00f6rster Luitpold Schneider lamentiert weiter: \u201eDas Jahr ging mit dem K\u00e4fer los, das Wetter hat uns den Rest gegeben. Und eine Besserung sehe ich nicht. Die Viecher sind immer noch da \u2013 und Wetter gibt\u2019s immer.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Sebastian Krohn schon ein bekannter Architekt war, bekam er Besuch von einem Verleger. Der hie\u00df Jochen Ebing und war ein imposanter Zeitgenosse. Fast zwei Meter gro\u00df. Blonde dichte Haare, die glatt bis zu den Schulterbl\u00e4ttern fielen. Blaue Augen, ein strahlendes L\u00e4cheln, Kaschmirpullover, Jeans, Turnschuhe, eine englische dunkelblaue Cabanjacke mit Goldkn\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Ebing fuhr im Jaguar E-Type vor, hatte f\u00fcr Frau Krohn einen riesigen Blumenstrau\u00df mitgebracht und f\u00fcr Hans die Erstausgabe eines Oskar-Maria-Graf-Romans (er hatte mit Krohn junior einmal am Telefon \u00fcber dessen Lekt\u00fcre-Vorlieben gesprochen und sich den Graf gemerkt).<\/p>\n<p>Dieser Ebing besa\u00df einen feinen Verlag und wollte ein Buch \u00fcber Sebastian Krohn machen. Nun, da es zwischen dem Autor und Krohn nicht ganz rund lief, schaltete er sich als Vermittler ein.<\/p>\n<p>Er lachte viel und brachte gro\u00dfe Heiterkeit in das Vorzeige-Haus des Architekten. Kuchen nahm er gern, aber bei Kaffee winkte er ab. Sebastian Krohn holte Wei\u00dfwein aus dem Keller. Ebing fragte Hans Krohn, der den F\u00fchrerschein seit einem halbem Jahr hatte, ob er ihn nicht nach M\u00fcnchen chauffieren wolle.<\/p>\n<p>Nach M\u00fcnchen? In dem Jaguar?<\/p>\n<p>Ja, sicher. Er k\u00f6nne doch jetzt fahren, oder.<\/p>\n<p>Klar habe er den F\u00fchrerschein, versicherte Hans Krohn aufgeregt. Er halte sich bereit.<\/p>\n<p>Der Vater wollte den Sohn aus dem Haus schicken, doch Ebing winkte ab. Der junge Mann k\u00f6nne durchaus bleiben, das sei mehr als okay.<\/p>\n<p>Hans setzte sich in eine Ecke und h\u00f6rte zu.<\/p>\n<p>So hatte er seinen Vater noch nie erlebt. Er hatte eine weiche Stimme und immer ein Ja f\u00fcr seinen Gast. Er fand Ebing klasse \u2013 zumindest wiederholte er das so oft, dass es peinlich wurde. Ebing, der den Wein schnell und freudig trank, winkte ab. Ihm waren Lobhudeleien l\u00e4stig.<\/p>\n<p>Krohn senior hielt sich mit dem Alkohol zur\u00fcck. Eine Weile zumindest \u2013 dann wurde Ebing sehr lustig, und Sebastian Krohn zog beim Saufen nach.<\/p>\n<p>\u201eSagen Sie, Krohn, was ist das Problem mit meinem Autor? Das ist ein sensibler Mann \u2013 ich kann mir nicht erkl\u00e4ren, warum Sie mit dem nicht klar kommen.\u201c<\/p>\n<p>Keine Frage, erkl\u00e4rte Krohn, der Schreiber sei in Ordnung. Gut vorbereitet, er habe Ahnung von der Materie, er k\u00f6nne formulieren und habe Manieren. Das stehe au\u00dfer Frage, aber\u2026<\/p>\n<p>\u201eAber? Was hei\u00dft ,aber\u2018?\u201c<\/p>\n<p>Er ziehe das Buch zu biographisch auf. Krohn wolle keine Selbstbespiegelung. Ihm gehe es um die Architektur. Um die Philosophie hinter seiner Arbeit. Um eine politisch-gesellschaftliche Einordnung\u2026<\/p>\n<p>\u201eAber Krohn, mit Verlaub, das kann ich den Lesern nicht verkaufen. Die wollen wissen, wer sich diese tollen H\u00e4user ausgedacht hat. Die wollen den Menschen Krohn kennenlernen. Seine Kindheit. Das Elternhaus. Wo er zur Schule ging. Wie er in den Beruf gewachsen ist. Ein bisschen Privates. Krohn, Sie sind eine \u00f6ffentliche Person \u2013 da m\u00fcssen Sie sich auch ein wenig \u00f6ffnen.\u201c<\/p>\n<p>Ebing gefiel sein Wortspiel. Krohn war \u00fcberhaupt nicht am\u00fcsiert. Nein, da habe er seine Grunds\u00e4tze. Er werde nichts \u00fcber den privaten Sebastian Krohn erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>\u201eGut\u201c, sagte Ebing, der ein gelassener Verhandler war. \u201eReden wir heute nicht mehr dr\u00fcber. Ein andermal vielleicht.\u201c<\/p>\n<p>Es werde kein Andermal geben, erkl\u00e4rte der Gastgeber. Ob er nachschenken d\u00fcrfe?<\/p>\n<p>\u201eIch bitte darum.\u201c<\/p>\n<p>Stunden sp\u00e4ter sa\u00df Ebing neben Hans im Jaguar und lachte sich scheckig \u00fcber \u201ediesen Sturkopf, der Ihr Vater ist. Ist der immer so?\u201c<\/p>\n<p>Immer, sagte Hans und schaltete einen Gang hoch. Geil.<\/p>\n<p>\u201eFahren Sie die Karre ruhig aus. Die kann\u2019s brauchen.\u201c<\/p>\n<p>Hans dr\u00fcckte das Gaspedal, und Ebing schlief ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Das Buch hat es dann nicht gegeben. Ebing verlie\u00df drei Monate nach dem Besuch in den Bergen ein Meeting in seinem Verlagshaus vor dem Ende.<\/p>\n<p>Wortlos.<\/p>\n<p>Er sagte seiner Sekret\u00e4rin nicht, wohin er wolle. War einfach weg. Sp\u00e4ter fand die Polizei heraus, er habe einen Flug nach Cassablanca gebucht. Dort wurde er noch in einschl\u00e4gigen Pinten gesichtet.<\/p>\n<p>Dann nichts mehr.<\/p>\n<p>Der Verlag bekam eine neue Spitze. Das waren n\u00fcchterne Geldverdiener. Denen war ein Buch \u00fcber den kauzigen Architekten aus den Bergen zu riskant.<\/p>\n<p>So musste Sebastian Krohn wieder nicht \u00fcber seine Kindheit Bericht erstatten.<\/p>\n<p>War ihm recht.<\/p>\n<p>Er hat nur einmal in seinem Leben \u00fcber diese Zeit geredet. Da war er alt und betrunken und unbeherrscht.<b><i><\/i><\/b><\/p>\n<p><b><i><span lang=\"EN-US\" style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><b><i><span lang=\"EN-US\" style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/span><\/i><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 60, 16. November. \u201cDurchs Land\u201d\/II. \u00a0 P\u00e4hl. 20 Hansel treffen sich, um zu jammern. Bei der Winterversammlung der Waldbesitzervereinigung (WBV) Weilheim in P\u00e4hl kommen den Forstmenschen schier die Tr\u00e4nen. Sie sind schon arg in Not. Und wer ist schuld? Die K\u00e4fer und das Wetter. Das ganze Jahr \u00fcber haben sich die K\u00e4fer durch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":2885,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[881,4],"tags":[898],"class_list":["post-3369","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-d2017","category-journal","tag-898","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3369","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3369"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3369\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3370,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3369\/revisions\/3370"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2885"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}