{"id":3367,"date":"2017-11-15T12:55:20","date_gmt":"2017-11-15T12:55:20","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3367"},"modified":"2017-11-15T12:55:20","modified_gmt":"2017-11-15T12:55:20","slug":"bauen-und-blenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/bauen-und-blenden\/","title":{"rendered":"BAUEN UND BLENDEN"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 59, 15. November. \u201cDurchs Land\u201d\/I.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Murnau, kalt ist es im Land der \u201eBlauen Reiter\u201c und glei\u00dfender Sonnenschein. Auf dem Laber kein Mensch, beschwingter Abstieg. Im Tal, in Oberau, sind sie vergn\u00fcgt. Denn endlich bekommen sie ihre Urnenwiese. Da wird das Sterben erschwinglicher.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Toten werden es nicht mehr ganz so ger\u00e4umig haben. Bislang haben Urnengr\u00e4ber zwischen zwei und acht Toten eine Heimstatt gegeben. Das wird anders. \u201eDie Urnenwiese fasst bis zu 120 Aschenbeh\u00e4lter\u201c, sagt Rathaus-Verwaltungsleiter Robert Zankel. <\/em><\/p>\n<p><em>Daf\u00fcr ist\u2019s auch vergleichsweise billig: 15 Jahre auf der Urnenwiese kosten 460 Euro, w\u00e4hrend beispielsweise ein normales Einzelgrab f\u00fcr Erwachsene auf 510 Euro kommt, ein Doppelgrab auf 870, und ein Familiengrab mit drei Pl\u00e4tzen kostet 1230 Euro.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>H\u00e4user hat Krohns Vater gebaut. Ach was, H\u00e4user! Er ist als H\u00e4user-K\u00fcnstler aufgetreten. Das Haar war immer ein wenig zu lang \u2013 also wirbelte es ungeb\u00e4ndigt auf Vaters Kopf. Das mochte der gern, er sah dann aus wie Beethoven light.<\/p>\n<p>Feine H\u00e4nde hat er gehabt. D\u00fcnne Beine. Eine unauff\u00e4llige Erscheinung war er. Bewegte sich nicht linkisch und nicht m\u00e4nnlich, er war einfach da und als Mann nicht wichtig.<\/p>\n<p>Nur sein Gesicht hatte etwas Eindringliches. Es konnten nicht die verkniffenen Lippen sein; die Nase war spitz und zu schmal; die Ohren standen ab und waren zu gro\u00df (aber Vater konnte mit ihnen wackeln). Als er 40 und 50 war, hatte Krohn sen. feiste Backen \u2013 dann bekam er es mit dem Magen und die Sauferei tat das Restliche, er wurde hager und ausgemergelt, mit 65 hatte er Backenknochen wie eine Mumie.<\/p>\n<p>Es waren die Augen, an die man sich erinnerte. Sebastian Krohn hatte gr\u00fcne Augen. Sie schienen tr\u00e4ge, doch sie waren scheu\u00dflich flink. Der Mann sah nicht geradeaus in die Welt, er hatte meist den Kopf ein wenig gesenkt und blickte von unten auf das, was ihn interessierte.<\/p>\n<p>Dazu hob er die Brauen. Das sah gef\u00e4hrlich aus und war es auch.<\/p>\n<p>Sebastian Krohn lauerte. Er beobachtete die Menschen und speicherte die Schw\u00e4chen. Wenn die Leute arglos waren, schnappte er sie sich.<\/p>\n<p>Er war kein guter Mensch. Lachen klang bei ihm b\u00f6se und begleitete das Missgeschick Anderer. \u00dcber sich selbst lachte Sebastian Krohn nie.<\/p>\n<p>Er war zerfressen von dem Ehrgeiz, zu den Besseren zu geh\u00f6ren. Es hatte ihm nicht gereicht, dass er mit seinen d\u00fcrftigen Schulabschl\u00fcssen eine Stelle als Zeichner erk\u00e4mpft hatte.<\/p>\n<p>Er war 23, als er beschloss, dass er besser war.<\/p>\n<p>Holte das Abi nach. Studierte. Heiratete Eve. Baute das erste Haus, alpenl\u00e4ndisch, mit vielen Erkern und einem Rundum-Balkon, von dem sp\u00e4ter die Geranien h\u00e4ngen sollten. Ein Haus wie zehntausende andere.<\/p>\n<p>Sebastian Krohn schien Kraft f\u00fcr sieben Leben zu haben. Eve hielt ihm den R\u00fccken frei, brachte en passant den Sohn zur Welt, was Sebastian zur Kenntnis nahm, mehr Zeit hatte er f\u00fcr dieses Ereignis nun wirklich nicht, er musste ein neues Haus bauen, einen neuen wichtigen Kontakt kn\u00fcpfen, sich mit einem reichen G\u00f6nner besaufen.<\/p>\n<p>Krohn sen. stand morgens um sechs auf, da hatte er verquollene Augen. Um zehn, wenn er sich zu den ersten Terminen mit Gesch\u00e4ftspartnern traf, sah er frisch und verwegen aus.<\/p>\n<p>Er konnte erz\u00e4hlen wie ein alter Bergf\u00fchrer. Mit den Frauen war Krohn charmant und verstand sich aufs Zuh\u00f6ren. Er ging fremd, sicherlich, aber das passierte ihm eben aus Langeweile.<\/p>\n<p>Vor allem \u00fcberzeugte er alle, dass er der Beste war. Wer, wenn nicht er, h\u00e4tte die Geb\u00e4ude so genial ins Alpenland stellen k\u00f6nnen. Das erkl\u00e4rte Krohn den Politikern, mit denen er zechte. Er diktierte es den Journalisten in die Bl\u00f6cke und schenkte ihnen nach dem Interview Montblanc-Stifte. Und der Kundschaft vermittelte er, was es f\u00fcr ein Geschenk war, wenn man sich von Sebastian Krohn ein Haus bauen lassen durfte.<\/p>\n<p>Mit 30 wurde Krohn dick. Mit 35 fuhr er einen teuren BMW. Er bekam Preise, das Fernsehen drehte einen Film \u00fcber seine progressive Gestaltung alpenl\u00e4ndischer Wohnr\u00e4ume.<\/p>\n<p>Einen Yachtclub auf Stelzen setzte er an den Starnberger See (damit war er auch in der M\u00fcnchner Schickeria angelangt).<\/p>\n<p>Im Salzburger Land bestellte eine Stadt bei Krohn die Orangerie f\u00fcr ihr neues Congress-Zentrum. Er entwarf einen Quader aus Granit und Glas \u2013 alle fanden es grandios.<\/p>\n<p>In einem Tiroler Seitental entkernte er einen Tourismus-geilen Ort. Nach den Arbeiten konnte sich kein Einheimischer mehr das Wohnen im Dorf leisten, aber aus Wien zogen die Reichen zu.<\/p>\n<p>Weil es sich gut schickte, richtete Krohn den Innenraum einer romanischen Kirche ein.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen \u00d6l-Scheich r\u00e4umte er eine mittelalterliche Burg aus. Hernach sah sie von au\u00dfen immer noch trutzig aus, drin aber hatte der Fu\u00dfboden (L\u00e4rche, tabakgrau, retro, 1-Stab, natur-ge\u00f6lt) eine Heizung, die indirekte Beleuchtung machte eine warme gastliche Stimmung, die K\u00fcche kostete soviel wie Krohns gelber Porsche. Als die Burg fertig war, gastierte Krohn ein halbes Jahr beim Scheich. Danach baute er sich selbst ein Haus ins Voralpenland, das \u201cSch\u00f6ner Wohnen\u201d mit einer Acht-Seiten-Reportage w\u00fcrdigte.<\/p>\n<p>F\u00fcrs Foto musste Hans, gerade aufs Gymnasium gewechselt, einen Anzug tragen und l\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Er sah seinen Vater nicht oft. An diesem Nachmittag \u2013 der Schreiber hatte einen Fotografen und dessen Assistenten dabei \u2013 war Krohn sen. mit seinem Sohn so nett und aufmerksam, wie der es noch nie erlebt hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 59, 15. November. \u201cDurchs Land\u201d\/I. \u00a0 Murnau, kalt ist es im Land der \u201eBlauen Reiter\u201c und glei\u00dfender Sonnenschein. Auf dem Laber kein Mensch, beschwingter Abstieg. Im Tal, in Oberau, sind sie vergn\u00fcgt. Denn endlich bekommen sie ihre Urnenwiese. Da wird das Sterben erschwinglicher. Die Toten werden es nicht mehr ganz so ger\u00e4umig haben. 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