{"id":3365,"date":"2017-11-14T13:04:53","date_gmt":"2017-11-14T13:04:53","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3365"},"modified":"2017-11-14T13:04:53","modified_gmt":"2017-11-14T13:04:53","slug":"mom-dad-darling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/mom-dad-darling\/","title":{"rendered":"MOM, DAD, DARLING"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 58, 14. November. Morgens eine Sichel des Mondes am klaren dunkelblauen Himmel; dann wird es schmutzig-wei\u00df da oben und dicker Nebel legt sich zwischen die B\u00e4ume.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Letzte Notizen vor der gro\u00dfen Reise. Am Stammtisch johlen sie und k\u00fcmmern sich nicht um den Hanse. Er ist f\u00fcr sie schon ein Fremder.<\/p>\n<p>Recht so. Das gef\u00e4llt ihm. Er liest, was er mal geschrieben hat:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Vater, oder:<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Die verpassten Gelegenheiten des Redens.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Als der Vater beschied, meine Fotos seien schei\u00dfe, hatte ich es nicht leicht.<\/em><\/p>\n<p><em>Als ich erkannte, dass der Vater Probleme mit meiner Schei\u00dfe hatte, habe ich versucht, das weg zu leben. Ich wollte ihm beweisen, dass\u2026 Ja, was eigentlich?<\/em><\/p>\n<p><em>Als ich erkannte, dass er nicht Recht hatte, habe ich mich zur\u00fcck gezogen. Ich habe versucht, Mitleid mit ihm zu haben, auch das haben wir vermasselt.<\/em><\/p>\n<p><em>Als er gestorben ist<\/em><\/p>\n<p><em>War ich nicht dabei.<\/em><\/p>\n<p><em>Sein Tod<\/em><\/p>\n<p><em>Ist mir nicht nah.<\/em><\/p>\n<p><em>Sein Tod<\/em><\/p>\n<p><em>Erreicht mich nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Er war kurios.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Trauer hat mich<\/em><\/p>\n<p><em>Zerrissen, als er lebte.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Er schien ein Edler \u2013 war er aber nicht. Er war ein falscher Entwurf.<\/em><\/p>\n<p><em>Wahrscheinlich hat er es gewusst. <\/em><\/p>\n<p><em>Bevor er selbst verletzt wurde, hat er um sich gebissen.<\/em><\/p>\n<p><em>Im letzten Telefonat vor seinem Tod hat er gesagt,<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDeine Fotos machen keinen Sinn, <\/em><\/p>\n<p><em>Du musst umlernen, mein Sohn.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Krohn hat damals eingeh\u00e4ngt.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Wir haben miteinander geredet, wie wir es verdient haben.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Die Mutter, oder:<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Die K\u00e4lte vor dem Tod.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eBald man kann schwimmen\u201c, sage ich.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eUnfug\u201c, erwidert sie. \u201eDu hast das Schwimmen nie gemocht.\u201c Sie l\u00e4chelt. Wie immer, wenn sie durch mich durch schaut \u2013 und ich wei\u00df, dass sie es tut.<\/em><\/p>\n<p><em>Mutter, ich kann Dir mein Denken\u00a0 nicht mehr erz\u00e4hlen. Weil ich ins Nichts rede. Tot bist Du, Asche in einer Urne.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich rede mit Dir. Immerdar. Dein Sterben habe ich nicht ertragen. Entschuldigung, Mutter-<\/em><\/p>\n<p><em>Du fehlst in meinen kleinen Leben.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Mutter,<\/em><\/p>\n<p><em>wer Du warst, wissen wir wom\u00f6glich nicht. Du warst mal kurz beschickert am Kuhdammm, da war ich ein kleiner Junge und konnte es nicht begreifen. Du hattest endlich mal Deinen Mann nicht an der Hacke, ihn und seine boshafte Eifersucht \u2013 die Kerle auf dem Ku\u2019damm haben Dir hinter her geschaut. Da haste Dir eben einen gezwitschert.<\/em><\/p>\n<p><em>Du hast mal an einem Muttertag geklagt. Da war ich zw\u00f6lf und stand vor der Szenerie. Du hast Deinen Mann angeschrien. Wg. Seiner Lieblosigkeit und Eigensucht. Es war ein astreiner Burn Out.<\/em><\/p>\n<p><em>Am n\u00e4chsten Tag taten alle, als sei nichts passiert.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Mutter,<\/em><\/p>\n<p><em>nun bist Du tot, und es hei\u00dft, dass die Zeit Wunden heilt. Tut sie aber nicht. Ich trickse mich nur aus und versuche, nicht an Dich zu denken.<\/em><\/p>\n<p><em>Manchmal widerf\u00e4hrt mir was \u2013 und ich rede mit Dir. Es ist doch so, dass nur Du meine Animalit\u00e4t verstehen konntest. Du hast verstanden, was meinen K\u00f6rper treibt, Du hast meine Ersch\u00f6pfungen okay gehei\u00dfen \u2013 und Du hast toleriert, wie quer mein Denken (das hast Du nicht verstanden) ist.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Wir haben geredet, und Du und ich wussten, dass Du sterben w\u00fcrdest. \u201eSchei\u00dfe\u201c hast Du gesagt, das Wort war nicht Deines.<\/em><\/p>\n<p><em>Schei\u00dfe.<\/em><\/p>\n<p><em>Schei\u00dfeschei\u00dfeschei\u00dfe.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Die Ehe, oder:<\/em><\/p>\n<p><em>Falsch gewickelt.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Ehe war nicht gut. Die Frau wollte Wohlleben und Berechenbarkeit. Der Mann war nicht berechenbar. Die Frau wollte eine eheliche Wirtschaftlichkeit. So war sie. <\/em><\/p>\n<p><em>Der Mann wollte die Ehe gut f\u00fchren. Dazu war er nicht gemacht.<\/em><\/p>\n<p><em>Das Streicheln wurde unk\u00f6rperlich. Die K\u00f6rper der Eheleute verloren sich.<\/em><\/p>\n<p><em>Sie waren nicht mehr neugierig aufeinander. Sie begannen, sich furchtbar aneinander zu\u00a0 gew\u00f6hnen.<\/em><\/p>\n<p><em>Da gab es ein Aquarium. Das verreckte irgendwann.<\/em><\/p>\n<p><em>Da gab es ein Babyphone.<\/em><\/p>\n<p><em>Da gab es wieder ein Babyphone<\/em><\/p>\n<p><em>Da gab es ein zu waschendes Auto.<\/em><\/p>\n<p><em>Er wusch.<\/em><\/p>\n<p><em>Silberfarbenes Auto ohne Wert. Aber es musste gepflegt werden. Man hatte es\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Zum Gutpreis erstanden.<\/em><\/p>\n<p><em>Er schrubbelte \u00fcber den Schaum. Da stand der Nachbar \u2013 ein ausgewiesener Spie\u00dfer &#8211; hinter ihm<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eNa\u201c, sagte der verdammte Nachbar mit dem fetten Nacken.<\/em><\/p>\n<p><em>Und dann meinte er- man war in Franken.<\/em><\/p>\n<p><em>(Da muss man mal was erkl\u00e4ren. Der Franke ist ein schwerg\u00e4ngig-denkender Mensch. Wenn der Bauer Schorsch, das war Krohns Nachbar, den Hans beim Umgraben des Kartoffel-Grunds sah, meinte er: \u201eGell. Du grabst um:\u201c)<\/em><\/p>\n<p><em>Der Nachbar mit dem Stiernacken sagte also:<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eGell; Du wascht des Auto?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Der Nachbar hatte T\u00fccke-Augen.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eGell, Du wascht Dein Wagn?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Krohn zuckte zusammen.<\/em><\/p>\n<p><em>So war sie, die Ehe.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zeit, aufs Zimmer zu gehen. Hans Krohn zahlt in der Wirtschaft des Bergdorfs, in dem er aufgewachsen ist, die Rechnung, w\u00fcnscht allseits einen guten Abend und ist weg.<\/p>\n<p>H\u00f6chste Zeit.<\/p>\n<p>Zu gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland.<\/em><\/strong><strong><em> Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 58, 14. November. 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