{"id":3359,"date":"2017-11-13T20:18:31","date_gmt":"2017-11-13T20:18:31","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3359"},"modified":"2017-11-13T20:18:31","modified_gmt":"2017-11-13T20:18:31","slug":"servus-martl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/servus-martl\/","title":{"rendered":"SERVUS, MARTL"},"content":{"rendered":"<p><b><i><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u201e2017\u201d*, Folge 55, 11. November. Bald schneit es bis ins Tal.<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Zum Lesen hat sich Krohn vom Stammtisch weg gesetzt. Er notiert, merkt nicht, wie die Zeit vergeht. Das Bier wird schal. Krohn bestellt ein neues.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Vor dem Wirtshaus geht der Tag zur Neige. Es wird grau drau\u00dfen, die Schw\u00e4rze kommt. Der Nachbar-Bauer rangiert seinen Traktor in die Scheune. Neue G\u00e4ste kommen, auf der Ofenbank sitzen sie Arsch an Arsch. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Die Touristen, die am Vortag auch schon da waren, haben Braten mit Kn\u00f6deln und wissen sich nichts zu sagen. Ihnen schmeckt es nicht, aber es s\u00e4ttigt \u2013 und man muss nicht reden, wenn man isst. Gut so.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u201eSog amol, Hanse\u201c, fragt einer von dr\u00fcben, \u201eschreibscht an Roman?\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Krohn l\u00e4chelt den Bauern an und sch\u00fcttelt leicht den Kopf.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u201eNachad herst jetz auf und hockscht Di her. Varz\u00e4hl amol wos vo den Berlin. Is schee do?\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Die Mannsbilder am Stammtisch haben endlich ein Thema. Da brauchen sie den Krohn nicht, wenn sie er\u00f6rtern wollen, ob Berlin eine sch\u00f6ne oder eine Schei\u00df-Stadt ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Es ist nat\u00fcrlich kein Ort, an dem man leben will.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Krohn geht fr\u00fch in sein Zimmer. Er hat einiges vor am n\u00e4chsten Tag.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Ohne Fr\u00fchst\u00fcck marschiert er hoch zum Teufelst\u00e4ttkopf. Gut hat Hans Krohn es getroffen mit dem Wetter. Eine laue Sp\u00e4therbst-Sonne prickelt auf der Haut.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Hans Krohn setzt sich vor den moosigen zugemauerten H\u00f6hleneingang. Er denkt an Martl, ihm ist, als ob sie miteinander reden w\u00fcrden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Zefix, Martl, sagt der Hanse, den Schmarrn h\u00e4ttest Du auch sein lassen k\u00f6nnen, h\u00e4ttest halt was gesagt, dann w\u00e4ren wir erst einmal in die Welt und h\u00e4tten dort nach den Frauen gesehen, Du bist ja gar kein Typ f\u00fcr die \u201eWeiber\u201c gewesen, Du hast die \u201eFrauen\u201c geliebt, Du warst ein edlerer Ritter als Athos, Porthos und Aramis, Martl, Du Arsch, warum hast Du nie was gesagt, immer den harten Hund spielen, das hast Du gekonnt, echt, das war Kacke.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Fuck, Martl, sagt der Hanse, l\u00e4sst mich allein mit dem ganzen Kram, aus war\u2019s mit unserem Spa\u00df, aus war\u2019s mit dem Harakiri-Klettern und dem Lachen \u00fcbers Risiko, aus war\u2019s mit der Freude auf den n\u00e4chsten unsinnigen Tag, und aus war es mit den Steilp\u00e4ssen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Mei Martl, sagt der Hanse, wei\u00dft noch, wie wir dem ganzen Dorf die Arschkarte gezeigt haben, wenn sie uns zu sehr auf die Eier gegangen sind, haben wir am hellichten Tag Bier bis zum Abwinken gekauft und auf dem Platz vorm B\u00e4cker auf die Bank gehockt, dort haben wir das Penner-Spiel gespielt und alle haben sich mordsm\u00e4\u00dfig aufgeregt, uns ist es gut gegangen dabei, weil wir wussten, dass wir besser waren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Wei\u00dft Martl, sagt der Hanse, es war nicht in Ordnung, dass ich den ganzen Dreck danach allein f\u00fcr mich gehabt habe, das Verheiratet-Sein, das Nicht-mehr-saufen-K\u00f6nnen, die neumodische Zeit mit den Handys und den Computern und den Pornos zum Schweine-F\u00fcttern, ich h\u00e4tte gern mit Dir dr\u00fcber geredet und die Anderen von Zeit zu Zeit ausgelacht, aber Du hast Dich ja verzupft, feiger Hund, Du.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Jetzt ist es wurscht. Jetzt machen wir einen Frieden. Mach\u2019s gut Martl. Das sagt inwendig der Hanse und wird ganz ruhig.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Gut so. Nun kann er runter zum Friedhof.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Die Eltern liegen sch\u00f6n. Die alten Weiber im Dorf schw\u00e4rmen von dieser Grabreihe. Da kann man wunderbar \u00fcbers Tal und das kleine schmiegsame Dorf hin\u00fcber zur sanften ersten Kette der Voralpen sehen. Das ist ein friedliches Panorama. Im Winter h\u00f6rt man das Kreischen skifahrender und rodelnder Kinder und man h\u00f6rt die Menschen, die auf der Terrasse der Talstation Jause machen, im Rest des Jahres l\u00e4uten die K\u00fche mit ihren Glocken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Sch\u00f6n hier, arg sch\u00f6n.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Hans Krohn blickt auf das Grab \u2013 jemand hat den Blumenschmuck unl\u00e4ngst erneuert \u2013 und hadert mit seiner Wut.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b><i>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/i><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 55, 11. November. Bald schneit es bis ins Tal. \u00a0 Zum Lesen hat sich Krohn vom Stammtisch weg gesetzt. Er notiert, merkt nicht, wie die Zeit vergeht. Das Bier wird schal. Krohn bestellt ein neues. Vor dem Wirtshaus geht der Tag zur Neige. Es wird grau drau\u00dfen, die Schw\u00e4rze kommt. 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