{"id":3321,"date":"2017-11-10T20:35:43","date_gmt":"2017-11-10T20:35:43","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3321"},"modified":"2017-11-10T20:35:43","modified_gmt":"2017-11-10T20:35:43","slug":"am-stammtisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/am-stammtisch\/","title":{"rendered":"AM STAMMTISCH"},"content":{"rendered":"<p><b><i>\u201e2017\u201d*, Folge 43, 30. Oktober. Deutschland arbeitet nicht an diesem Montag \u2013 schuld ist Luther. Br\u00fcckentag. Morgen mehr.<\/i><\/b><\/p>\n<p><b><i>\u00a0<\/i><\/b><\/p>\n<p>Der Max, der dicke dumme Max, hockt unterm Foto mit Krohns Vater. Das ist sepia-stichig und beschriftet mit \u201eDie B\u00e4rtigen\u201c. Das war sehr lustig damals \u2013 zumindest die Akteure fanden es witzig. Sie haben sich allesamt Vollb\u00e4rte wachsen lassen und dann vor der Wirtschaft posiert wie auf einem Mannschaftsbild.<\/p>\n<p>Die B\u00e4rtigen sind jetzt tot, allesamt; da hat der Krebs gew\u00fctet, die Herzen haben nicht mehr mitgetan, bei Einem hat sich die Leber verabschiedet. Dement sind auch welche geworden.<\/p>\n<p>Das waren die nat\u00fcrlichen Todesursachen f\u00fcr eine Bande von Saufbolden.<\/p>\n<p>Nun sitzt der Max unterm Foto und wird den B\u00e4rtigen in B\u00e4lde in die Jagdgr\u00fcnde folgen. Er hat ein rundes, rotes, gedunsenes Gesicht. Sein Leib quillt aus den Kleidern. Den Tirolerhut mit dem zerzausten Gamsbart setzt er in der Wirtschaft nicht ab. Ab und zu schnupft er eine Prise und s\u00e4ubert die Nase nicht besonders sorgf\u00e4ltig.<\/p>\n<p>Der Max ist der j\u00fcngere Bruder vom Martl gewesen. Es gab da noch Franz, den \u00c4ltesten, der den Hof \u00fcbernommen hat. Der duldete die Br\u00fcder in den Gesindezimmern \u2013 so musste er ihnen kein Erbe auszahlen &#8211; und behandelte sie schlecht.<\/p>\n<p>Martl hat seine Familie wegen der Tumbheit und der Geldgier gehasst; der Max lacht gutm\u00fctig, wenn jemand stichelt, er sei eine arme Sau, weil er vom Franz wie das mindeste Vieh behandelt wird.<\/p>\n<p>Max ist nicht besonders gescheit. Bis vor Kurzem hat ihn morgens der Bus von der Werkstatt f\u00fcr Behinderte geholt und abends wieder abgeliefert. Er hat Brotzeitbretter durch die Hobelmaschine gelassen, manchmal baute er Vogelh\u00e4userl oder er nagelte Blumenk\u00e4sten zusammen. Gr\u00fcnes Fichtenholz, 40, 60 und 80 Zentimeter. Bodenbrett, zwei lange f\u00fcr die Seiten, kurze an den Stirnenden, zehn N\u00e4gel. Fertig.<\/p>\n<p>Blumenk\u00e4sten. Vogelh\u00e4userl. Brotzeitbrettl. Um halb zehn war Fr\u00fchst\u00fcckspause, Mittagessen gab\u2019s um zw\u00f6lf, bis halb zwei hatten sie Pause. Um vier fuhr der Bus den Max heim. Ein Berufsleben lang.<\/p>\n<p>Jetzt erz\u00e4hlt er gern und wichtig, er sei Rentner. Vom Bruder bekommt er jeden Tag ein Geld f\u00fcr vier Halbe. Das reicht f\u00fcr einen Nachmittag und eine Wohligkeit im Leben.<\/p>\n<p>Wenn Leute wie der Hans Krohn aufkreuzen, ist das ein Fest. Die geben immer ein paar Halbe aus. Das macht einen Fetzen-Rausch. Da st\u00f6rt es den Max auch nicht, wenn die Schw\u00e4gerin keift.<\/p>\n<p>\u201eDu warscht doch der beschte Freind vom Martl\u201c, brummelt der Max.<\/p>\n<p>Krohn nickt.<\/p>\n<p>Das ist das Signal f\u00fcr alle. Der hat sich doch ins Maul geschossen, der Martl. Das hat man gar nicht kommen sehen. Ob der Hanse wisse, warum sein Spezi sich partout hat umbringen m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Krohn sch\u00fcttelt den Kopf.<\/p>\n<p>Und was f\u00fcr eine M\u00fch\u2018 sich der Martl gemacht habe. Naja, er hat\u2019s halt \u00fcbertrieben. Alles. Mit den Motorr\u00e4dern und den Sportautos. Mit dem Saufen und Feiern. Mit den Weibern.<\/p>\n<p>Oder?<\/p>\n<p>\u201eWennst meinst\u201c, sagt Hans Krohn.<\/p>\n<p>Der Max hockt unterm Foto, trinkt einen Schluck vom Freibier, schaut den Hanse an, der bestellt noch eine Halbe f\u00fcr den Bruder seines ehmals besten Freundes, das Bier findet sich ein, der Max s\u00e4uft es fast auf ex.<\/p>\n<p>Er setzt ab, r\u00fclpst verhalten.<\/p>\n<p>\u201eWoa\u00dft wos?\u201c, murmelt er.<\/p>\n<p>\u201eWos?\u201c<\/p>\n<p>\u201eI hobs oiwei no, des Schachterl.\u201c<\/p>\n<p>Von was f\u00fcr einer Schachtel er rede. Der Max stiert in sein Bier und erz\u00e4hlt. Als der Martl nicht mehr nach Hause kam, hat die Schw\u00e4gerin all seine Sachen ins Max\u2018 Zimmer schaffen lassen. Als er dann tot in der H\u00f6hle gefunden wurde, hat sie sich derma\u00dfen \u00fcber die Begr\u00e4bniskosten aufgeregt, dass sie Martls Zeug ganz vergessen hat.<\/p>\n<p>In der Folgezeit hat Max die Kleidung aufgetragen. War ihm eine Ehre \u2013 und es waren tolle Teile, gekauft f\u00fcr die Disco, nicht f\u00fcr die Behindertenwerkstatt.<\/p>\n<p>Und dann war noch die Kiste mit den Papieren.<\/p>\n<p>\u201eI konn\u2019s ja net lesen.\u201c<\/p>\n<p>Was er nicht lesen k\u00f6nne, fragt Hans Krohn den betrunkenen Max.<\/p>\n<p>Na, die ganzen Zettel und die B\u00fccherl, die der Martl voll geschrieben habe.<\/p>\n<p>\u201eWie meinst das? Voll geschrieben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn der bsuffn war, hot er oiwei gschriebn. Nachad is er am Tisch eigschlafn \u2013 und i hab\u2019n weckn miassn, dass er in sei Fabrik kimmt. Nachad hob i des gseng, de Biachi und de Zettel. Er hot\u2019s schnell verrammt \u2013 aba i hob\u2019s gwusst.\u201c<\/p>\n<p>Hans Krohn w\u00fcrde die Papiere gerne sehen. Das geht in Ordnung, sagt der Max. Der Hans soll am n\u00e4chsten Tag kommen, dann sucht man das Zeug. Er kann es ruhig mitnehmen. Braucht ohnehin niemand \u2013 der Martl schon gar nicht.<\/p>\n<p>Hans Krohn l\u00e4sst sich ein Zimmer im Gasthof geben, in dem er sp\u00e4ter seinen Rausch ausschlafen kann.<\/p>\n<p><b><i>\u00a0<\/i><\/b><\/p>\n<p><b><i>\u00a0<\/i><\/b><\/p>\n<p><b><i>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/i><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 43, 30. Oktober. Deutschland arbeitet nicht an diesem Montag \u2013 schuld ist Luther. Br\u00fcckentag. Morgen mehr. \u00a0 Der Max, der dicke dumme Max, hockt unterm Foto mit Krohns Vater. Das ist sepia-stichig und beschriftet mit \u201eDie B\u00e4rtigen\u201c. Das war sehr lustig damals \u2013 zumindest die Akteure fanden es witzig. 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