{"id":3319,"date":"2017-11-10T14:19:50","date_gmt":"2017-11-10T14:19:50","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3319"},"modified":"2017-11-10T14:22:09","modified_gmt":"2017-11-10T14:22:09","slug":"retour","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/retour\/","title":{"rendered":"RETOUR"},"content":{"rendered":"<p><b><i>\u201e2017\u201d*, Folge 42, 29. Oktober. Und nochmal Indianer-Sommer. <\/i><\/b><\/p>\n<p><b><i>\u00a0<\/i><\/b><\/p>\n<p>Ihm ist echt \u00fcbel. Vielleicht sollte Krohn einfach in die Latschen kotzen, dann w\u00e4re er das miese Gef\u00fchl los.<\/p>\n<p>Vielleicht auch nicht. Lieber reihert er nicht. Er w\u00fcrgt seinen Magen den Schlund hinunter. Aufstehen mag er nicht, wartet, bis die Knie nicht mehr so wacklig sind.<\/p>\n<p>Hans Krohn sieht auf den Ziegelstein, von dem er das Moos abgekratzt hat. Es ist, als h\u00e4tten sie die H\u00f6hle erst gestern zugemauert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Herbst, nachdem der Martl verschwunden war, stiegen Wanderer auf den Teufelst\u00e4ttkopf und entschieden sich f\u00fcr den kaum begangenen J\u00e4gersteig als R\u00fcckweg. Sie waren noch in Gipfeln\u00e4he, als sie den Gestank bemerkten. Sie stie\u00dfen auf eine Felswand, in der eine \u00d6ffnung notd\u00fcrftig mit Quadersteinen abgedichtet war.<\/p>\n<p>Es waren neugierige Bergsteiger. Und gut ausger\u00fcstet obendrein. Sie pickelten mit dem Felshammer die Granitsteine locker, entfernten sie, leuchteten mit der Stirnlampe in die H\u00f6hle.<\/p>\n<p>Einer musste kotzen.<\/p>\n<p>Drin kr\u00fcmmte sich eine Leiche in den hintersten Winkel der Nische. Daneben rottete ein Rucksack vor sich, daneben lag eine Flinte mit kurzem Lauf.<\/p>\n<p>Es gab noch keine Handys. Einer der Alpinisten \u2013 nicht der, der gekotzt hatte \u2013 hastete zur H\u00fctte und rief die Bergwacht. Die Anderen setzten sich neben den Weg. Die H\u00f6hle d\u00fcnstete in zehn Metern Entfernung aus.<\/p>\n<p>So war es, als der Martl gefunden wurde.<\/p>\n<p>In der Woche drauf \u2013 die Leiche war geborgen worden, der Fundort untersucht, die Autopsie hatte Klarheit gebracht \u2013 schufteten Hans Krohn und die Bergwacht-Spezl, um den Eingang auf Dauer zu verschlie\u00dfen. Niemand sollte mehr daran erinnert werden.<\/p>\n<p>Abends erz\u00e4hlten sie sich auf der H\u00fctte, was der Martl f\u00fcr ein wilder Hund gewesen war und wie er sich ins Maul geschossen hatte.<\/p>\n<p>Krohn hielt das nicht aus. Er trank den Schnaps auf der Terrasse.<\/p>\n<p>Dabei regnete es in Str\u00f6men. Und kalt war\u2019s auch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er flieht vom Berg. Hastet den J\u00e4gersteig entlang, bis der in einen Wanderweg m\u00fcndet. Hans Krohn beginnt zu joggen. Er erreicht die Forststra\u00dfe. Nun rennt er. Der Rucksack wippt unangenehm, doch Krohn will nur noch ins Tal. Noch ein paar Serpentinen, noch das Viehgatter. Der Parkplatz f\u00fcr die Bergwanderer. Rechts die Talstation der Skilifte.<\/p>\n<p>Krohn h\u00f6rt auf zu rennen. Verschwitzt schlappt er am Friedhof vorbei.<\/p>\n<p>Da ist sie wieder, die \u00dcbelkeit.<\/p>\n<p>Soll er rein gehen, soll er den Eltern die Aufwartung machen?<\/p>\n<p>Nein, er war ja auch nicht bei der Beerdigung.<\/p>\n<p>Zehn Stunden sp\u00e4ter sitzt er in der Wirtschaft. Nebenan hocken ein paar M\u00e4nner am Stammtisch. Krohn bestellt einen Kaffee, die Wirtin nimmt es unwillig zur Kenntnis.<\/p>\n<p>Hans Krohn ist immer noch wie bet\u00e4ubt. Erst langsam findet er sich zurecht. Die Leute von nebenan kennt er bis auf einen Jungen. Sind alle in seinem Alter. Und der am Tischende, unter den vergilbten Fotos aus den 1970er \u2013 das ist doch der Max.<\/p>\n<p>Klar ist das der Max.<\/p>\n<p>Er sieht her\u00fcber, fragt durch den Raum:<\/p>\n<p>\u201eHanse?\u201c<\/p>\n<p>Ja, sagt der Hanse, ich bin\u2019s.<\/p>\n<p>\u201eWos hockst denn do drent? Sitz her zu uns. Kennt\u2019s ihn? Des is der Hanse. Mei, wia lang bist Du scho weg? Bist in Berlin, ha? Wia gfoits Dir bei de Prei\u00dfn?\u201c<\/p>\n<p>Hans Krohn siedelt um, die Anderen machen neugierig Platz. Den Kaffee r\u00fchrt Hans nicht an, er bestellt lieber gleich eine Halbe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b><i>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 42, 29. Oktober. 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