{"id":3317,"date":"2017-11-09T20:27:51","date_gmt":"2017-11-09T20:27:51","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3317"},"modified":"2017-11-09T20:27:51","modified_gmt":"2017-11-09T20:27:51","slug":"die-schwarze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/die-schwarze\/","title":{"rendered":"DIE SCHWARZE"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201eD 2017\u201c*, Folge 41. 28. Oktober. Eint\u00f6nig, endlos, unerfreulich \u2013 Herbst.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Abend war nicht spektakul\u00e4r, und doch hat er sich eingefr\u00e4st in Hans Krohns Erinnerung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Martl und er kamen an diesem Samstag vom Klettern zur\u00fcck. Sie waren von der Sonne ausged\u00f6rrt und hatten schrundige Finger. Die Terrasse vor der Bergh\u00fctte war gut besucht, die meisten der Menschen dort w\u00fcrden auf der H\u00fctte \u00fcbernachten.<\/p>\n<p>Was den Martl und den Hanse nicht weiter st\u00f6rte. Sie logierten nicht in den Schlafr\u00e4umen sondern in der Werkstatt, wo ihre Matten ausgerollt waren. Das war billiger und angenehmer \u2013 und so konnten sie auch nach der Sperrstunde so lange wach bleiben, wie sie wollten. Sie mussten nicht auf andere Bergsteiger achten, waren ihre eigenen Herren.<\/p>\n<p>Hans und Martl brachten die Klettersachen zu den Schlafs\u00e4cken, zogen sich frische T-Shirts an und enterten die Terrasse.<\/p>\n<p>Es war der Monat der langen Abende. Die W\u00e4nde der Kreuzspitzgruppe auf der anderen Talseite standen noch in der letzten Sonne, als die Bergsteiger auf der P\u00fcrschlingh\u00fctte das Nachtmahl hinter sich hatten und eine satte Ruhe \u00fcber die Menschen kam. Die Gespr\u00e4che wurden leise und ohne Hast gef\u00fchrt. Manchmal schwiegen die Leute auch nur und fanden es richtig so.<\/p>\n<p>Martl und Hans Krohn hatten die Hauswand im R\u00fccken und sahen den Frauen zu. Eine Gruppe aus D\u00fcsseldorf hatte einen Tisch belegt und lie\u00df es sich gut gehen. Junge Frauen waren es \u2013 und wenn sie lachten, h\u00f6rte es sich gut an.<\/p>\n<p>\u201eDo gangat wos\u201c, sagte der Martl. Er sprach gern recht derb-bairisch, wenn er nicht von jedermann verstanden werden wollte.<\/p>\n<p>Da ginge etwas, da k\u00f6nnte man sich durchaus Chancen ausrechnen als Mann.<\/p>\n<p>\u201eJa, do gangat wos\u201c, wiederholte der Hanse. \u201eMogst wettn?\u201c<\/p>\n<p>Nein, meinte der Martl. Man habe es so gem\u00fctlich, mit einer Wette w\u00fcrde der Abend nur recht anstrengend werden. Er habe keinen sportlichen Ehrgeiz, er wolle in Ruhe seine Gaudi haben, da w\u00fcrden die Frauen nur st\u00f6ren, wenn eine her ginge, sp\u00e4ter am Abend, ja, dann w\u00fcrde er nicht Nein sagen, aber sich jetzt partout um einen Aufriss anstrengen \u2013 nein, bitte nicht.<\/p>\n<p>\u201eHast Recht\u201c, sagte Krohn.<\/p>\n<p>Prost.<\/p>\n<p>Sie redeten nicht viel. Sahen es grau werden in den Bergen, am Himmel gingen die Sterne auf, der Mond stand kurz vor der Rundung. Sie brauchten auch gegen Mitternacht keinen Pullover und freuten sich, dass es leer geworden war auf der Terrasse.<\/p>\n<p>Nur die Damen feierten noch, zumindest der harte Kern machte keine Anstalten, ins Bettenlager zu wechseln.<\/p>\n<p>Die Eine mit den schwarzen Haaren, sagte der Martl, \u201edas ist eine Hex\u2018. Eine ganz Rassige ist das. Die v\u00f6gelt Dir \u2018s Hirn ausm Sch\u00e4del.\u201c<\/p>\n<p>Krohn \u2013 auch er schon recht hin\u00fcber \u2013 erw\u00e4rmte sich mehr f\u00fcr eine kurzhaarige Br\u00fcnette. Mit der Schwarzen konnte er nicht so viel anfangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie auch immer \u2013 man fand sich zusammen, D\u00fcsseldorf und die Einheimischen. Die Burschen lie\u00dfen die Muskeln ein bisschen h\u00fcpfen, und die Madl kicherten beif\u00e4llig. Die Buben erz\u00e4hlten von \u00dcberh\u00e4ngen und Lebensgefahr, sie berichteten von schmerzenden Armen und blutenden Fingern \u2013 die Madl sagten \u201elass mal sehen\u201c und h\u00e4ngten sich bei den Burschen ein. Der Martl fl\u00fcsterte der Schwarzen etwas ins Ohr, sie nickte \u2013 und weg waren sie in der Nacht.<\/p>\n<p>\u201eWas soll das werden?\u201c, fragte eine der Sitzen-Gebliebenen.<\/p>\n<p>Der Martl zeige ihrer Freundin das Sternenzelt, erkl\u00e4rte Hans Krohn. Die Frau aus D\u00fcsseldorf sch\u00fcrzte die Lippen und glaubte kein Wort.<\/p>\n<p>\u201eSternenzelt. Mir kannste viel erz\u00e4hlen.\u201c<\/p>\n<p>Aber, bittesch\u00f6n, sollten die Beiden doch Astronomie betreiben. Auf der Terrasse w\u00fcrde man deswegen nicht versauern. Der Wirt hatte gesagt, man solle das Verkonsumierte aufschreiben, das lie\u00df man sich nicht zweimal sagen.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Runde, bitte.<\/p>\n<p>Prost.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen wachte Hans Krohn allein in der Werkstatt auf. Keine Spur vom Martl. Den ganzen Tag sah man ihn nicht. Der Wirt meinte, der Martl sei mit der Schwarzhaarigen ins Tal.<\/p>\n<p>Abends trudelten die anderen D\u00fcsseldorferinnen und ihr neuer Bergf\u00fchrer Hans Krohn im Dorf ein. Sie lie\u00dfen den Ausflug in der \u201eSonne\u201c ausklingen. Dort hie\u00df es, der Martl und seine resche Begleitung seien wohl noch ins \u201eMaxim\u201c gefahren. Mit dem Taxi, nicht mit der Karre vom Martl.<\/p>\n<p>Das war seltsam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Montag drauf reisten die D\u00fcsseldorferinnen ab, ohne dass Hans noch einmal mit ihnen geredet hatte.<\/p>\n<p>Abends ging er in die Wirtschaft. Alle da. Der Martl fehlte.<\/p>\n<p>Am Dienstag war Training. Kein Martl. Bei seinem Bruder, der den elterlichen Hof \u00fcbernommen hatte, wusste man nichts \u00fcber den Martl \u2013 aber das war nicht bemerkenswert, der Martl ging ihnen am Arsch vorbei.<\/p>\n<p>Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag.<\/p>\n<p>Nicht da.<\/p>\n<p>Am Sonntag fehlte Martl auch beim Heimspiel. Man begann, sich Geschichten auszudenken.<\/p>\n<p>Keine machte Sinn.<\/p>\n<p>Au\u00dfer einer:<\/p>\n<p>Er war wohl mit den D\u00fcsseldorferinnen gefahren. Das Dorf war ohnehin seine Heimat nicht. Also hatte er sich aus dem Staub gemacht.<\/p>\n<p>Sei\u2019s drum. Ein Verlust war er eh nicht. Jemand r\u00fcckte als rechter Verteidiger nach. Die Weiber-Wette legte Hans Krohn auf Eis. Er musste jetzt allein ins \u201eMaxim\u201c und dort Rabatz machen.<\/p>\n<p>Einfach war das nicht.<\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>*\u201cD2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eD 2017\u201c*, Folge 41. 28. Oktober. Eint\u00f6nig, endlos, unerfreulich \u2013 Herbst. &nbsp; Der Abend war nicht spektakul\u00e4r, und doch hat er sich eingefr\u00e4st in Hans Krohns Erinnerung. &nbsp; Martl und er kamen an diesem Samstag vom Klettern zur\u00fcck. Sie waren von der Sonne ausged\u00f6rrt und hatten schrundige Finger. 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