{"id":3315,"date":"2017-11-09T11:13:08","date_gmt":"2017-11-09T11:13:08","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3315"},"modified":"2017-11-09T11:13:08","modified_gmt":"2017-11-09T11:13:08","slug":"martl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/martl\/","title":{"rendered":"MARTL"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201eD 2017\u201c*, Folge 40. 27. Oktober. Graues Land.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eMartl\u201c.<\/p>\n<p>Er hat es nicht gemocht, wenn sie ihn \u201eMartl\u201c nannten. Aber wie soll sich ein junger Mann in der d\u00f6rflichen Gemeinschaft\u00a0 wehren gegen seinen Rufnamen? Also lie\u00df er es geschehen und h\u00f6rte auf \u201eMartl\u201c.<\/p>\n<p>Sie waren Freunde. Der Martl und Hans Krohn, den sie \u201eHanse\u201c riefen.<\/p>\n<p>Martl war rechter Verteidiger, Hanse Rechtsau\u00dfen mit einem Drang in die Mittelst\u00fcrmer-Position. Martl, ein klobiges Mannsbild, h\u00f6her als einsachtzig, machte seinen Gegenspielern keinen Spa\u00df. Er mochte nicht der gro\u00dfe Techniker sein, aber er stand im Weg. Martl hielt sich nicht mit Feinheiten auf, er m\u00e4hte nieder, haute weg, schlug um, putzte aus.<\/p>\n<p>Hanse wiederum konnte es nicht. \u201eDer Ball ist Dein Feind\u201c, sagte der Martl und lachte sich scheckig. Aber Hans Krohn wollte mitmachen. Er trainierte mehr als die Anderen. Rannte sich die Hacken wund. Er hetzte so \u00fcbers Feld, dass die Gegner irgendwann ersch\u00f6pft von ihm ablie\u00dfen. Und dann durfte er mitspielen. \u201eHanse, laff!\u201c Hans lauf! Der Martl br\u00fcllte es und schlug den Ball nach vorn. Hans Krohn jagte hinterdrein wie ein verbl\u00f6deter Terrier \u2013 er war ja, bei allem Respekt, auch ein eher kleiner Mann -, oft erwischte er den Ball, trieb ihn in Richtung des gegnerischen Strafraums. Und manchmal konnte er nicht anders: Er schoss das Tor, irgendwie.<\/p>\n<p>Sauber, Hanse. Der Martl nahm ihn dann stolz in die Arme. Der Martl stank immer ein bisschen nach Mann, der gerade gev\u00f6gelt hat \u2013 und Hanse sah recht mickrig aus in der Umarmung.<\/p>\n<p>Machte nichts. Nach dem Spiel duschten sie und fuhren in Martls Sportwagen ins Nachbardorf zum Tanztee. Der begann am Sonntagnachmittag um vier und endete f\u00fcr die Freunde in der Nacht zum Montagmorgen. Da umarmten sie sich auch. Sie kotzten, bevor sie ins Cabrio stiegen. Fuhren ins heimische Dorf, wurden nie erwischt. Gingen berauscht in die neue Woche \u2013 der Martl in seiner Fabrik, der Hanse im H\u00f6here-S\u00f6hne-Gymnasium.<\/p>\n<p>Am Freitag traf man sich in der Disco, am Sonntag war Fu\u00dfball. Dann Tanztee.<\/p>\n<p>Sie waren seltsame Freunde.<\/p>\n<p>Au\u00dfenseiter in dem Dorf, in dem jeder wusste, was der Nachbar tat. Hans Krohn lernte f\u00fcrs Abitur und fotografierte alles, was nicht bei drei auf den B\u00e4umen war. Er konnte sogar Latein, hie\u00df es \u2013 und wenn er besoffen war, schrieb er auf den Rechnungsbl\u00f6cken der Bedienung Gedichte.<\/p>\n<p>Der Martl \u2013 blitzgescheit, zynisch, ungeliebt \u2013 arbeitete in der Fabrik. Er sah zum F\u00fcrchten aus mit seinen eckigen Schultern und seiner von Akne verheerten Haut. Aber wenn er die Z\u00e4hne blank machte und lachte, verfielen ihm die M\u00e4dchen. Also nahm er jede, die nicht bei drei\u2026 Nicht die aus dem Dorf, die mieden den Martl wie einen Paria. Aber die Touristinnen waren hin und weg. Er fickte sie, brachte sie in ihre Pension und fuhr weg zum Biertrinken.<\/p>\n<p>Der Martl flog Drachen und fuhr ein Motorrad, das einen Heidenl\u00e4rm machte. Er brach sich beim Sport die Arme und zerlegte die Maschine und sich an einem Felsen. Im Krankenhaus lag er im Streckverband und erkl\u00e4rte, wenn man ihm jetzt nicht bald eine br\u00e4chte, die ihm einen runter holen w\u00fcrde, dann bek\u00e4me er wirklich schlechte Laune.<\/p>\n<p>Martl und Hanse waren nicht gern gesehen. Nicht in der Schule und nicht in der Fabrik. In einigen Kneipen hatten sie Hausverbot, nur im Maxim\u201c durften sie sich alles erlauben, weil sie so lange Geld ausgaben, bis sie keins mehr hatten.<\/p>\n<p>Im Abi-Jahr trieben sie es arg. Hatten eine Wette abgeschlossen: Wer bis nach den Sommerferien mehr Weiber flachlegen w\u00fcrde, bek\u00e4me einen Kasten Karg. Das war das beste Wei\u00dfbier der Umgebung \u2013 klar, es ging da nicht ums Materielle. Doch der Verlierer w\u00fcrde sich seiner Lebtag\u2018 sch\u00e4men m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Sie legten sich m\u00e4chtig ins Zeug. Hanse fensterlte sogar beim H\u00e4userer-Bauern, wo eine fast 50-J\u00e4hrige urlaubte. Martl meinte zwar, Scheintote w\u00fcrden nicht mitgez\u00e4hlt, aber das hatte er nicht n\u00f6tig, er f\u00fchrte sowieso uneinholbar.<\/p>\n<p>Bis zu diesem Abend auf dem P\u00fcrschling.<\/p>\n<p>Ausgemacht hatten sie, dass an diesem Wochenende der Wettbewerb au\u00dfer Kraft gesetzt sei. Der Fu\u00dfballverein hatte spielfrei, Martl und Hans Krohn wollten klettern und saufen und dumm daher reden. Sie wollten unter sich bleiben. Kein Stress mit Weibern, einfach nur Spa\u00df ohne Reue.<\/p>\n<p>Also sagten sie sich auf der H\u00fctte an, brachten am Freitag schon einen vorzeigbaren Rausch mit auf den Berg, setzten sich am Samstag gerade noch meisterbaren Gefahren im Fels aus und kamen gl\u00fccklich und ausgelaugt zur\u00fcck zu H\u00fctte.<\/p>\n<p>Es war der letzte Sonnenuntergang, den die Beiden begossen haben.<\/p>\n<p>Aber wissen taten sie es nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201cD2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eD 2017\u201c*, Folge 40. 27. Oktober. Graues Land. &nbsp; \u201eMartl\u201c. Er hat es nicht gemocht, wenn sie ihn \u201eMartl\u201c nannten. Aber wie soll sich ein junger Mann in der d\u00f6rflichen Gemeinschaft\u00a0 wehren gegen seinen Rufnamen? Also lie\u00df er es geschehen und h\u00f6rte auf \u201eMartl\u201c. Sie waren Freunde. 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