{"id":3269,"date":"2017-11-07T17:59:13","date_gmt":"2017-11-07T17:59:13","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3269"},"modified":"2017-11-07T17:59:13","modified_gmt":"2017-11-07T17:59:13","slug":"die-hohle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/die-hohle\/","title":{"rendered":"DIE H\u00d6HLE"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201eD 2017\u201c*, Folge 39. 26. Oktober. Der F\u00f6hn ist zusammen gebrochen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ist kein gro\u00dfes Ding, den Teufelst\u00e4ttkopf zu besteigen. Knapp unterm Gipfel wird\u2019s ein bisschen felsig, doch Krohn muss nicht mal die H\u00e4nde zu Hilfe nehmen.<\/p>\n<p>Dann sitzt er oben und wundert sich \u00fcber den Schwermut, der ihm unerwartet in die Seele gekrochen ist. Es war doch alles okay, der Tag ist gelungen, die Zuversicht hatte ihn fast \u00fcberm\u00fctig gestimmt.<\/p>\n<p>Und dann:<\/p>\n<p>Schritt f\u00fcr Schritt:<\/p>\n<p>Die Courage ging fl\u00f6ten.<\/p>\n<p>Machte vager Verzagtheit Platz.<\/p>\n<p>Krohn war besorgt, beunruhigt, heimgesucht.<\/p>\n<p>Er wusste nicht, was das war. Er murmelte \u201eSchei\u00dfe!\u201c und wusste nicht, warum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum er nicht auf dem gleichen Weg absteigt, wie er gekommen ist? Was ihn auf den zugewachsenen J\u00e4gersteig f\u00fchrt, den kaum jemand betritt, weil der steile Fels hier so br\u00fcchig ist?<\/p>\n<p>Er k\u00f6nnte es nicht erkl\u00e4ren. Er tut es einfach. Noch ein zager Schritt und noch einer. Nach einer Weile quert er eine k\u00fchne Flanke und denkt, nun wird die Angelegenheit pikant, echt gef\u00e4hrlich ist das jetzt.<\/p>\n<p>Hans Krohn sieht nach unten. Fast senkrecht ist der Berg, unter den Schuhen hat Krohn 40, 50 Meter Luft. Er gibt sich M\u00fche, schnell zu einem sicheren Stand zu kommen. Schnaufend bedenkt er seine Situation.<\/p>\n<p>Er kennt diesen Steig nicht. Vielleicht sollte er absteigen \u2013 bis zu dem Pfad, den die Bergsteiger benutzen. Langsam klettert er in die Tiefe. Er muss sich sehr konzentrieren, ist froh, als er endlich auf vertrautem Terrain ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann wei\u00df er es:<\/p>\n<p>Warum ihm \u00fcbel ist, was seinen Magen umst\u00fclpt. Woher der Kleinmut kommt, die Furcht, das Herzjagen.<\/p>\n<p>Dann wei\u00df er es.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann steht er vor der H\u00f6hle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer es nicht wei\u00df, wird nicht erkennen, dass hier eine H\u00f6hle im Berg ist. Vor einem Vierteljahrhundert haben die Bergwachtler alles doppelt zugemauert, mittlerweile ist alles verwachsen und sieht aus wie der Fels ringsum.<\/p>\n<p>Aber hier ist es.<\/p>\n<p>Hans Krohn kratzt am Moos, ja, da sind die Mauersteine.<\/p>\n<p>Er untersucht den Boden. Kaum Spuren von Menschen \u2013 und die wenigen sind ziemlich alt. Der verschlossene H\u00f6hleneingang wird bald \u00fcberhaupt nicht mehr auszumachen sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Krohn erinnert sich. Er war noch nicht mal 20, als die Freunde von der Bergwacht fragten, ob er bei der Aktion am Teufelst\u00e4ttkopf helfen wolle.<\/p>\n<p>Logisch, hat er gesagt und gedacht, das werde schon eine z\u00fcnftige Gaudi werden. Tags\u00fcber einen Sack Zement auf den Berg schleppen, eine kleine Mauer bauen \u2013 und abends auf dem P\u00fcrschling die Sau raus lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Part eins lief nach Plan. Sie schufteten sich mit den Ziegeln, dem Zement, dem Sand und dem Wasser ab. Das Bauen war keine Kunst, aber grauslig hei\u00df war es an dem Tag, so kamen alle rechtschaffen ins Schwitzen. Man redete nicht viel bei der Arbeit. Danach stieg man ab zum P\u00fcrschling. Der Wirt wartete schon. Es gab Freibier, und der Wirt fragte: \u201eWas is jetzt? Gibt\u2019s an Geist?\u201c<\/p>\n<p>Konnte man nicht sagen. Da m\u00fcsste man schon um Mitternacht nachsehen, sagte einer.<\/p>\n<p>Nein das wollten sie nicht. Um Mitternacht wollten sie feiern. Z\u00fcnftig, wie es sich geh\u00f6rt-<\/p>\n<p>Fein, freute sich Hans Krohn. Er b\u00fcffelte gerade f\u00fcrs Abitur und konnte Abwechslung gut gebrauchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch Hans Krohn war zu sensibel f\u00fcr den H\u00fcttenabend nach dem Mauerbau. Denn die Spezl malten sich nun gen\u00fcsslich aus, warum sich der Martl da oben ins Maul geschossen hatte. Wie er das alles gemacht hatte. Wie es wohl gestunken haben muss.<\/p>\n<p>Und solche Sachen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201cD2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eD 2017\u201c*, Folge 39. 26. Oktober. Der F\u00f6hn ist zusammen gebrochen. &nbsp; Ist kein gro\u00dfes Ding, den Teufelst\u00e4ttkopf zu besteigen. Knapp unterm Gipfel wird\u2019s ein bisschen felsig, doch Krohn muss nicht mal die H\u00e4nde zu Hilfe nehmen. Dann sitzt er oben und wundert sich \u00fcber den Schwermut, der ihm unerwartet in die Seele gekrochen ist. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3130,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[881,4],"tags":[898],"class_list":["post-3269","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-d2017","category-journal","tag-898","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3269","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3269"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3269\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3270,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3269\/revisions\/3270"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3130"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3269"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3269"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3269"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}