{"id":3267,"date":"2017-11-07T17:54:45","date_gmt":"2017-11-07T17:54:45","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3267"},"modified":"2017-11-07T17:54:45","modified_gmt":"2017-11-07T17:54:45","slug":"jagerhass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/jagerhass\/","title":{"rendered":"JAGERHASS"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201eD 2017\u201c*, Folge 38. 25. Oktober. Es regiert der F\u00f6hn.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es nennt sich hier oben Feigenkopf, Hennenkopf, Brunnenkopf, Klammspitze. Es hat Auerh\u00e4hne, und die J\u00e4ger haben zwischen Brunnenkopf und P\u00fcrschling \u2013 was mag das f\u00fcr eine Strecke sein? Naja, gutding f\u00fcnf Kilometer auf dem Grat \u2013 an die hundert St\u00fcck Gams gez\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die scheinen sich noch keine Sorgen wegen eines n\u00e4chsten Winters zu machen. Sie stehen in den Bergflanken und weiden gem\u00e4chlich die kargen Schrofen ab. Dohlen spielen sich an den Gipfelkreuzen mit dem Wind. Der F\u00f6hn zaust das Alpen-Leinkraut, die verdorrten Moospolster des Mannsschildes, die letzten Aufrechten unter den Schusternagerln. Sanft geht der Wind den Latschen an die W\u00e4sche, heute ist es ein charmanter F\u00f6hn. Ein paar Meisen f\u00fchlen sich im Hochwald so wohl, dass sie mit dem Tirilieren gar nicht mehr aufh\u00f6ren m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Hans Krohn \u2013 das tut er manchmal, wenn er allein ist und sich gut f\u00fchlt \u2013 spricht mit sich: \u201eWas f\u00fcr ein sch\u00f6ner Morgen. Tanzt\u2019s nur, Ihr Dohlen, bald kommt der Schnee, dann wird\u2019s wild hier heroben.\u201c<\/p>\n<p>Er lacht vor sich hin.<\/p>\n<p>Nein, er hat keinen Sparren locker. Er hat sich nur angew\u00f6hnt, gro\u00dfe Schweigsamkeit durch Monologe wegzureden. Er war ja lang genug auf sich gestellt. Da hat er eben mit sich beredet, was anstand. Ist das schlimm? Doch wohl nicht, oder?<\/p>\n<p>Eben.<\/p>\n<p>Niemand ist an diesem Vormittag unterwegs, au\u00dfer den Gemsen, dem Berg-Gefl\u00fcgel und Hans Krohn. Der Mann in seinem nagelneuen Outfit nimmt die Gipfel mit einer Behendigkeit, die er seit Jahren an sich vermisst hat.<\/p>\n<p>\u201eIhr k\u00f6nnt fliegen, Ihr Dohlen. Aber ich bin befl\u00fcgelt.\u201c<\/p>\n<p>Er hat einen Auftrag. Jemand will, dass er Arbeit abliefert. Ein ganzes Buch darf er fotografieren. Die Mark Brandenburg \u2013 helle Seiten und dunkle Ecken eines vergessenen Deutschland. Der Verleger hat gemeint, das sei ein wunderbares Thema, weil der Fontane bald rauf und runter gefeiert werde. Da solle er, Krohn, doch seinen Heimvorteil ausnutzen. \u201eNichts wie los! Knips das verdammte Brandenburg \u2013 und vergiss die braune Brut nicht.\u201c<\/p>\n<p>Krohn k\u00f6nnte immer noch juchzen. So wie es die Mannsbilder hier im G\u00e4u tun, wenn es ihnen zu hei\u00df wird unterm Gamsbart.<\/p>\n<p>Aber er geh\u00f6rt nicht mehr hierher. Das Juchzen verbietet sich.<\/p>\n<p>Es war einmal seine Heimat. Ist aber lang her. Nun hat er keine Gef\u00fchle mehr \u00fcbrig \u2013 erstaunt erlebt sich Hans Krohn, wie er ohne Emotionen durch seine Vergangenheit steigt. Er hat nicht gez\u00e4hlt, wie oft er \u00fcber diesen Grat geklettert ist. In sengender Sonne, im Gewitter, bei Schneetreiben, an belanglosen Tagen. Mit Freunden, mit Begleiterinnen. Stumm und plappernd. Niedergeschlagen, hochgestimmt, gar nicht irgendwie und irgendwer.<\/p>\n<p>Er muss hier nicht auf seine F\u00fc\u00dfe achten, sie finden den richtigen Tritt von allein, er hat rechts die Zugspitze und links die Felsk\u00f6pfe \u00fcber sich im Blick. Manchmal sieht er hinunter ins Lindertal und zum Schloss \u2013 und er f\u00fchlt sich sehr gro\u00df.<\/p>\n<p>Gegen Mittag erreicht er den P\u00fcrschling. Die Wirtschaft ist offen. Drei J\u00e4ger mustern Krohn argw\u00f6hnisch \u2013 ein Wanderer zu dieser Jahreszeit ist verd\u00e4chtig. Dann stecken sie wieder die K\u00f6pfe zusammen. Sie schimpfen auf die verreckten Mountain Biker, die sich einen Schei\u00df um die Jagd k\u00fcmmern. Mittlerweile fahren die schon abends zum P\u00fcrschling hinauf. Mit ihren Stirnlampen und ihrem Getue machen sie einem das Wild ganz narrisch. Drauf brennen sollte man ihnen eins.<\/p>\n<p>\u201eJa, und wennst einen anredest, kommt er Dir auch noch bl\u00f6d. Ich hab\u2018 letzte Woche einen im Langen Tal abgepasst. \u201aSie\u2018, hab\u2018 ich gesagt, ,k\u00f6nnen\u2019s nicht auf dem Weg bleiben, m\u00fcssen Sie da die Abk\u00fcrzung nehmen?\u2018 Ganz freundlich hab\u2018 ich es gesagt. Da ist der mir gleich gschnappig geworden. Ja, er muss die Abk\u00fcrzung nehmen. Warum? Weil\u2019s schneller geht. Und recht dreckig gelacht hat er.\u201c<\/p>\n<p>Grimmiges Schweigen. Dann kichert ein Kollege leise, b\u00f6sartig, weibisch in sich hinein. Die beiden Anderen sehen ihn fragend an.<\/p>\n<p>\u201eAber braucht\u2019s net glauben, dass es allweil so geht. I bin \u2013 is aa no koan Monat her \u2013 unten am Gatter, wo de Ro\u00df steh\u2019n. Da kimmt so a Minkana in seim Jeep daher. Ein sauteurer Jeep is des gwen. Hint\u2018 \u00fcbern Forstweg is er auffi. ,Sie, do derfn\u2019s fei ned fahrn\u2018, hab i gsagt. Freili derf er fahrn, hat er gmoant. Weil, er hod do a Jagdh\u00fcttn, deswegn derf er de Forststra\u00df nutzn. Wahrscheinli hod er Recht ghabt. Er oiso: Gatter auf, eini mitm Jeep auf d\u2018 Ro\u00dfalm. Fahrt zu seina H\u00fcttn. Sp\u00e4ter bin i no amoi vorbei und hab gmoant, des is gfahrli, dass er sein Karrn \u00fcber Nacht da steh losst. Do passiert scho nix, sagt er.\u201c<\/p>\n<p>Der Erz\u00e4hler kichert wieder. Wie eine zahnlose Hex\u00b4 h\u00f6rt er sich an.<\/p>\n<p>Der M\u00fcnchner hat sich n\u00e4mlich am n\u00e4chsten Morgen krawuttisch \u00e4rgern m\u00fcssen. Sein sch\u00f6ner Jeep \u2013 eigentlich war es kein Jeep, sondern ein f\u00fcr Outdoor aufgemotzer Luxus-SUV \u2013 war total im Arsch. \u00dcber Nacht haben es ihm die R\u00f6sser sauber besorgt. Spiegel abgerissen, Fronthaube verbeult, Fenster zerkratzt. Der ganze Dreck der Ammergauer auf dem sch\u00f6nen M\u00fcnchner Lack.<\/p>\n<p>Hehehe! Da lachen sie sich aber nun scheckig. Man sollte eben wissen, dass die gelangweilten Viecher im Herbst \u00fcber alles herfallen, was ihnen vor die Hufe kommt. Die bespringen, wenn es sich anbietet, sogar einen unschuldigen Wagen aus der Stadt.<\/p>\n<p>Hehehe!<\/p>\n<p>Sie sind ungut, die drei J\u00e4ger aus dem Werdenfels. Hans Krohn l\u00e4sst den Rest Kaffee stehen und macht, dass er nach drau\u00dfen kommt. Hier hat er nichts zu suchen.<\/p>\n<p>Vielleicht noch ein Abstecher auf den Teufelst\u00e4ttkopf, bevor er wieder ins Tal marschiert? Er war schon so lange nicht mehr da oben. Hans Krohn steigt in den Fu\u00dfspuren steil nach oben zu den Felsen. Mit jedem Schritt wird er \u00e4ngstlicher. Er wei\u00df nicht, was es ist.<\/p>\n<p>Etwas legt sich ihm aufs Gem\u00fct. Der F\u00f6hn jagt \u00fcber den Bergkamm, die Sonne scheint, die Dohlen spielen sich, und \u00fcberall steht die Gams und hat es gut.<\/p>\n<p>Aber Hans Krohn schn\u00fcrt es die Brust ein.<\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>*\u201cD2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eD 2017\u201c*, Folge 38. 25. Oktober. Es regiert der F\u00f6hn. &nbsp; Es nennt sich hier oben Feigenkopf, Hennenkopf, Brunnenkopf, Klammspitze. Es hat Auerh\u00e4hne, und die J\u00e4ger haben zwischen Brunnenkopf und P\u00fcrschling \u2013 was mag das f\u00fcr eine Strecke sein? Naja, gutding f\u00fcnf Kilometer auf dem Grat \u2013 an die hundert St\u00fcck Gams gez\u00e4hlt. Die scheinen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1442,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[881,4],"tags":[898],"class_list":["post-3267","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-d2017","category-journal","tag-898","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3267","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3267"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3267\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3268,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3267\/revisions\/3268"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1442"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3267"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3267"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3267"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}