{"id":3250,"date":"2017-10-25T13:18:55","date_gmt":"2017-10-25T13:18:55","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3250"},"modified":"2017-10-25T13:18:55","modified_gmt":"2017-10-25T13:18:55","slug":"leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/leben\/","title":{"rendered":"LEBEN"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">\u00a0<\/span><b><i>\u201e2017\u201d*, Folge 31, 18. Oktober. Goldener Herbst.\u00a0<\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Gut \u00fcber die 50 \u2013 er tr\u00e4gt ein verknittertes graues Sakko und eine taubenblaue Hose, die geb\u00fcgelt werden m\u00fcsste. Der rechte Arm wird von einer braunen Aktentasche aus Leder nach unten gezogen. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Tasche hat er immer noch \u2013 die Frau, die sie ihm geschenkt hat, ist dem Mann schon vor Langem weg geschieden worden.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Von da an war er allein mit seinem eint\u00f6nigen Leben. Seit Jahren steht er um f\u00fcnf an der Haltestelle \u2013 auch am Samstag-\u00a0 und nimmt den fr\u00fchen Bus zum Amt. Dort steigt er mit schweren Schritten in den zweiten Stock, latscht \u00fcber den nach Desinfektion riechenden Gang, an der Herrentoilette vorbei, am Damen-WC vorbei, dann \u00f6ffnet er die T\u00fcr, auf der sein Name und der seines Kollegen stehen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Mann gie\u00dft die Blumen, \u00f6ffnet die Fenster, br\u00fcht Wasser auf und gie\u00dft es zum Kaffeepulver in seiner Tasse. Auf der steht \u201eGr\u00fc\u00dfe aus Grafenau\u201c, der Kollege hat sie nach einem Urlaub im Bayerischen Wald mitgebracht. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Mann wird eines der Stullenpakete auswickeln (das andere hat er f\u00fcr die Mittagspause vorbereitet) und Vollkornbrot, belegt mit Scheibenk\u00e4se und Original-Salami, essen. Es wird ihm nicht schmecken und nicht unangenehm sein. Irgendwann wird er bemerken, dass er das Radio noch nicht eingeschaltet hat.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Antenne Brandenburg. Sehr aufgedrehte Menschen erz\u00e4hlen, was f\u00fcr ein sch\u00f6ner Tag ist. Die Musik ist modern, aber noch ertr\u00e4glich. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Mann wird einen zweiten Kaffee zubereiten, mit einem K\u00fcchentuch \u00fcber seinen sauberen Schreibtisch wischen, die Aktentasche in einen toten Winkel hinter dem Aktenschrank lehnen. Er wird einen Seufzer tun und die Vorg\u00e4nge ordnen, die er an diesem Tag erledigen muss.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Und obwohl er in diesem Augenblick \u2013 wie er so einsam in der Beh\u00f6rde hockt und sich an die Arbeit macht \u2013 den Eindruck eines abgrundtief traurigen Mannes macht, wird das doch der beste Moment seines Tages sein. Es ist ruhig, das B\u00fcro geh\u00f6rt ihm, er hat das Gef\u00fchl, gebraucht zu werden, kein alberner Mitarbeiterl\u00e4sst ihn sp\u00fcren, dass f\u00fcr ihn das Rennen gelaufen ist. Er wird meinen, dass er am Leben ist.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Deswegen f\u00e4hrt der Herr in dem alten Sakko jeden Morgen um f\u00fcnf zur Arbeit. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Auch am Samstag. Das waren die Highlights der Woche. Das Radio lief die ganze Zeit, in der Mittagspause ging der Mann in eine Pinte und trank zwei Bier. Nachmittags h\u00f6rte er Bundesliga im Radio. Danach packte er seine Siebensachen in die Aktentasche und marschierte zu Fu\u00df nach Sch\u00f6neberg zur\u00fcck. Er trank hier ein Bier und da ein Bier, er kaufte Wein im Supermarkt, er kochte sich etwas und machte es sich vor dem Fernseher gem\u00fctlich. Meist schlief er im Sessel ein.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Sonntags hatte er frei. Erst montags um halb f\u00fcnf rasierte er sich wieder.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Das ist von Eddy geblieben.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><b><i>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/i><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u201e2017\u201d*, Folge 31, 18. Oktober. 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