{"id":3246,"date":"2017-10-22T11:56:21","date_gmt":"2017-10-22T11:56:21","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3246"},"modified":"2017-10-22T11:56:21","modified_gmt":"2017-10-22T11:56:21","slug":"aus-der-spur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/aus-der-spur\/","title":{"rendered":"AUS DER SPUR"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 29, 16. Oktober. Es ist ein warmer Herbst.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Charly passt seinen Freund am Empfang ab. \u201eKomm mit in mein B\u00fcro. Wir m\u00fcssen reden.\u201c<\/p>\n<p>Auf der Treppe begegnen sie ein paar M\u00e4nnern, die Kisten und Computer aus dem Haus tragen. Was das denn bedeute, fragt Eddy. Nicht hier, antwortet Charly und hastet den Gang entlang. Eddy folgt ihm, sie sind im B\u00fcro des Chefs, der schlie\u00dft die T\u00fcr. Er schwitzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eHat Deine Freundin was damit zu tun?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMit was? Was meinst Du?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie sagen, wir haben krumme Dinger in der DDR gedreht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas? Nochmal!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir haben da Technologie r\u00fcber gefahren, die eigentlich geheim sein sollte. So Elektronik-Sachen. Kann man wohl auch f\u00fcrs Milit\u00e4r nutzen. Sieht nicht gut aus f\u00fcr uns.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie das? Wir haben doch gar nichts gewusst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber wir stehen in den Akten. Ich blicke da auch nicht durch. Aber es sieht wohl so aus, als w\u00e4ren wir Komplizen, so \u2018ne Art Spione.\u201c<\/p>\n<p>Eddy ist baff.<\/p>\n<p>\u201eIch habe alles durchgecheckt. Den Namen von jedem, der mit den Gesch\u00e4ften zu tun hatte\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd?\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd? Du fragst da noch? Und?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas regste Dich denn so auf.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEddy, Du bist der Einzige bei uns mit Ost-Kontakten. Bist Du Dir sicher, was Deine Freundin angeht?\u201c<\/p>\n<p>Eddy schweigt. Wie soll er sich noch irgendeiner Sache sicher sein?<\/p>\n<p>\u201eSiehste! Kann doch sein, dass die mit Dir doppeltes Spiel gespielt hat. Wann hast Du sie zuletzt gesehen?\u201c<\/p>\n<p>Seit der Wende nicht, sagt Eddy, der blass geworden ist. Sie sei verschwunden. Kein Zeichen, kein Anruf, keine Nachricht.<\/p>\n<p>\u201eSiehste\u201c, sagt Charly wieder \u2013 ohne Genugtuung. M\u00fcde klingt er. \u201eEddy, die machen uns die H\u00f6lle hei\u00df. Diese Schei\u00df-Politik kann uns den Hals brechen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd? Was haste vor, was machen wir jetzt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlso, zuerst mal k\u00fcmmern uns die ganzen Frauen-Geschichten einen Schei\u00dfdreck. Vergiss\u2018 die Dame. Wir m\u00fcssen jetzt auf uns aufpassen. Wir machen erst einmal weiter, als ob nichts w\u00e4re. Die werden sich schon melden \u2013 und dann sehen wir weiter. Mal was Anderes: Wie l\u00e4uft es bei Dir zuhause? Wei\u00df Deine Frau von der Sache?\u201c<\/p>\n<p>Ja, aber es sei ihr ziemlich egal. Alles beim Alten zuhause. Man rede nur das N\u00f6tigste und lasse sich in Ruhe. Sei besser so.<\/p>\n<p>\u201eDas ist dann doch okay. Wenigstens da gibt\u2019s keinen \u00c4rger.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Freunde sehen sich an. Charly ist alt geworden, denkt Eddy. Fett und fahl im Gesicht. Abgekaute Fingern\u00e4gel, die Anz\u00fcge waren auch mal besser geschnitten. In seinem B\u00fcro riecht es nach Schwei\u00df und billigen Rauchwaren. Auf dem Tisch stapeln sich die Vorg\u00e4nge \u2013 fr\u00fcher hat Eddy den B\u00fcrokram ratzfatz aufger\u00e4umt. Wenn er abends die Firma verlie\u00df, sah das B\u00fcro wie geleckt aus, und es roch nach teurem Herrenduft.<\/p>\n<p><em>Wahrscheinlich bin ich auch so von der Rolle<\/em>, denkt Eddy. <em>Rasieren h\u00e4tte ich mich m\u00fcssen, ein frisches Hemd w\u00e4re auch gut. Wahrscheinlich d\u00fcnstet unter den Achseln der Alkohol aus, ich saufe zuviel, ich denke zu oft an Mandy, ach, Mandy, ich werde meine Arbeit verlieren, wir werden im Gef\u00e4ngnis landen, ich will nicht mehr nach Sch\u00f6neberg zur Frau und in die Wohnung mit dem Fernseher, ich will eigentlich nichts mehr, es ist sehr anstrengend, es ist\u2019s nicht wert, Mandy, Mandy. Mandy.<\/em><\/p>\n<p>Er h\u00f6rt Charly tief durchatmen. <em>Wie ein Walross<\/em>, denkt Eddy, <em>wie das Walross vom Hamburger Zoo. Warum denke ich jetzt an dieses Walross, ich war doch nie im Hamburger Zoo, ich bin echt ganz sch\u00f6n von der Rolle, mich kann man den Hasen geben, ich habe keinen Bock mehr, aber Charly geht es genauso beschissen, was hatten wir f\u00fcr tolle Zeiten \u2013 und jetzt? Ein heilloses Durcheinander. Mandy. Ach, diese verfickte Wiedervereinigung. Wie kriegen wir das wieder auf die Reihe?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Charly also schnauft durch. Er versucht sich an dem L\u00e4cheln, mit dem er schon Dutzende M\u00e4dels ins Bett bekommen hat.<\/p>\n<p>\u201ePasst schon, Eddy, wird schon wieder. Danach lachen wir dr\u00fcber. \u00dcber alles.\u201c<\/p>\n<p>Das L\u00e4cheln misslingt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 29, 16. Oktober. 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