{"id":3235,"date":"2017-10-16T18:34:15","date_gmt":"2017-10-16T18:34:15","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3235"},"modified":"2017-10-16T18:34:15","modified_gmt":"2017-10-16T18:34:15","slug":"zusammen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/zusammen\/","title":{"rendered":"ZUSAMMEN"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 24, 11. Oktober. Der Hollywood-Mogul Harvey Weinstein wird ge\u00e4chtet. Weil er immer regen Verkehr auf seiner Besetzungscouch betrieb, <\/em><\/strong><strong><em>trennt sich auch Ehefrau Georgina Chapman von dem 65-J\u00e4hrigen. Sp\u00e4ter fliegt er bei allen Filmern raus und kriegt keinen Platz mehr in den schicken Restaurants der Stadt. Jetzt wird das Schwein geschlachtet. Mal sehen, wann Trump etwas twittert.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Donnerstag. Immer donnerstags um halb elf Uhr:<\/p>\n<p>Sie wollen sich nicht beherrschen. Reden nicht viel. Zerren an Rei\u00dfverschl\u00fcssen, nesteln an Kn\u00f6pfen, rei\u00dfen den Rock nach oben, ziehen den Slip hinunter zu den Fesseln, packen das Geschlecht des Anderen aus, knien sich vor die Scham, stellen sich rittlings an den Hintern, legen sich mit gespreizten Beinen auf den Esstisch.<\/p>\n<p>Sie nehmen sich keine Zeit. Es muss sein. Sie schwitzen und keuchen und machen es schnell, laut, W\u00f6rter-los.<\/p>\n<p>Wenn es getan ist, sind sie verkeilt, ersch\u00f6pft, erschlafft.<\/p>\n<p>Sie liegen dann auf der Couch oder im Bett. Ineinander geschmiegt, langsam finden sie die Sprache wieder.<\/p>\n<p>Reden \u00fcber ihre Liebe und das Begehren, schw\u00f6ren sich Dinge. Sie haben jetzt Zeit, gen\u00fcsslich erz\u00e4hlen sie sich Kleinigkeiten, breiten das Leben der letzten sieben Tage vor dem Anderen aus.<\/p>\n<p>Mittag ist es nun. Er steht im Bademantel am Herd und richtet die feinen Sachen aus dem KadeWe an. Oder er kocht. Er ist wie ein eifrig spielender Junge bei der Sache, ger\u00fchrt sieht sie ihm zu.<\/p>\n<p>Gegessen wird im Bett. Es gibt Wein aus Frankreich, wei\u00dfen. Er serviert ab, das Geschirr stapelt sich in der Sp\u00fcle. Er sagt, irgendwie m\u00fcsse man das doch hin bekommen, die Sache mit der Sp\u00fclmaschine. Anfangs lacht sie ihn aus, in der DDR sp\u00fcle fast jeder mit der Hand, es gebe zwar Klarsp\u00fcler im Laden, aber sie kenne niemanden, der die Maschine dazu hat. Nach einem Jahr hat er Mandy so weit: Sie legt ihm den Genex-Katalog vor, man bestellt eine West-Maschine, von da an muss er sich nicht mehr die H\u00e4nde schmutzig machen. W\u00e4re doch nicht n\u00f6tig gewesen, sagt sie. Das sagt sie immer: Bei Dessous und guten Weinen, bei Pralinen und Schmuck, als er sich am Wartburg beteiligt\u2026<\/p>\n<p>\u201eW\u00e4re echt nicht n\u00f6tig, Schatz.\u201c<\/p>\n<p>Nachmittags machen sie Liebe. Langsam und ohne Hast. Sie lassen sich vieles einfallen.<\/p>\n<p>Es wird Abend. Rotwein und Knabberei, dazu Fernsehen. Um zehn \u00f6ffnet sie die Wohnungst\u00fcr einen Spalt und lugt auf den Gang.<\/p>\n<p>\u201eDu kannst. Mach\u2019s gut, mein Schatz. Ich freu\u2018 mich auf Dich.\u201c<\/p>\n<p>Durchs schwarze Berlin zum Alex. Friedrichstra\u00dfe. \u201eTr\u00e4nenpalast\u201c. Grenzw\u00e4chter und ermattete Grenzg\u00e4nger.<\/p>\n<p>Gegen Mitternacht: BRD.<\/p>\n<p>Lichter. Buntes Treiben. Aufgekratzte Nachtschw\u00e4rmer. Eddy hat einen langsamen Schritt. Alles Schei\u00dfe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manchmal treffen sie sich in fremden Wohnungen. Die geh\u00f6ren Freunden, die Urlaub machen, sagt Mandy. Manchmal nehmen sie auch den Wartburg und fahren in eine Datsche am M\u00fcggelsee. Dort k\u00f6nnen sie laut sein, nie sind Nachbarn zu sehen. Fu\u00dfg\u00e4nger gibt es auch nicht. Es ist das Ende der Welt. Sie kommen in die H\u00fctte, und es m\u00fcffelt gebraucht. Sie lieben sich einen Tag lang, dann ist es heimelig und riecht nach Sex.<\/p>\n<p>An diesen Tagen trinkt sie nicht und f\u00e4hrt ihn im Wartburg nach Mitte. Ein paar Blocks vom \u201eTr\u00e4nenpalast\u201c entfernt l\u00e4sst sie ihn aussteigen.<\/p>\n<p>Alles Schei\u00dfe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie geh\u00f6rt zum Reisekader. Wenn sie zum \u00dcbersetzen muss, fliegt er nach. Er hat eben etwas zu recherchieren \u2013 Ost-Business. Abends dr\u00fcckt er sich in ihr Hotelzimmer und verl\u00e4sst es vor dem hellen Tag. W\u00e4hrend sie arbeitet, geht er spazieren.<\/p>\n<p>Das ist Schei\u00dfe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie ist ein Erk\u00e4ltungstyp. Wenn es sie erwischt, dann pflegt er sie. R\u00e4umt die Wohnung auf. Kocht Tee. Legt Wickel um die Waden. Sorgt daf\u00fcr, dass sie einschl\u00e4ft. Setzt sich in den Sessel, von dem aus er das Bett im Blick hat und guckt DDR-Fernsehen. Um zehn sieht er nach, ob sie gut zugedeckt ist und f\u00e4hrt zur\u00fcck in den Westen.<\/p>\n<p>Sex hat er nicht gehabt. Aber das Gef\u00fchl, dass es ein guter Tag gewesen ist. So normal. So zusammen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manchmal sagt er, er werde sie raus holen. Sie antwortet nicht. Also wird er wieder stumm.<\/p>\n<p>Alles Schei\u00dfe.<\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 24, 11. Oktober. Der Hollywood-Mogul Harvey Weinstein wird ge\u00e4chtet. 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