{"id":3232,"date":"2017-10-16T11:12:28","date_gmt":"2017-10-16T11:12:28","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3232"},"modified":"2017-10-16T14:08:51","modified_gmt":"2017-10-16T14:08:51","slug":"grosse-fluchten-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/grosse-fluchten-2\/","title":{"rendered":"GROSSE FLUCHTEN"},"content":{"rendered":"<p><b><i><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u201e2017\u201d*, Folge 23, 10. Oktober. Heiter. Wirklich?<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Zur\u00fcck in Berlin. Es ist eine neue Stadt f\u00fcr Eddy. <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">In Sch\u00f6neberg schieben M\u00fctter Kinderkarren durch den Volkspark, alte M\u00e4nner spielen Schach. Am Kurf\u00fcrstendamm wird es abends licht, und die Menschen haben die Wahl zwischen Espresso, Cappucino oder einem K\u00e4nnchen. Die Kollegen sind ehrgeizig und wollen noch mehr Geld verdienen. \u201eWie war\u2019s in Leipzig?\u201c, fragen sie, und nachdem er erz\u00e4hlt hat, haut Charly seinem Kumpel auf die Schultern und br\u00fcllt: \u201eLet\u2019s go East!\u201c Er habe da Kontakte aufgetan. Man werde jetzt Fahrten ins andere Deutschland machen. Bringe echt viel Kohle. Was denn das f\u00fcr Fahrten seien, will Eddy wissen. Charly kann es nicht genau sagen, so ein Technik-Schei\u00df, gro\u00dfe Lieferungen, dicker Auftrag mit Aussicht auf mehr.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Okay. Eddy ist\u2019s recht. \u201eIch k\u00fcmmer\u2018 mich drum.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Recht so. Charly freut sich wie Bolle.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Neue Stadt. Bislang war f\u00fcr Eddy an der Mauer Ende Gel\u00e4nde. Jetzt lernt er das andere Berlin kennen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Interessant. Grau am Abend. Braunkohle und Zweitakt. In den Kantinen dicke Ger\u00fcche. Kaffe und Gastmahl des Meeres. Jeans aus einem anderen Stoff. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Stra\u00dfen wie Schluchten. H\u00e4user wie Ruinen. M\u00fcde Frauen, die nach der Arbeit f\u00fcr irgendwas Schlange stehen. Dumpfes Biertrinken in verr\u00e4ucherten Pinten. Kinder wie im Westen, Erwachsene mit fahlen Gesichtern. Kurze R\u00f6cke, neugierige M\u00e4dchen, die am Alex Eis lutschen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Mandy, die sich f\u00fcr ihn h\u00fcbsch macht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Berlin: die Stadt, die kaum Platz zum V\u00f6geln hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Aber Mandy ist erfinderisch. Sie hat Freunde, die tags\u00fcber ihre Wohnung zur Verf\u00fcgung stellen. Oft besucht Eddy sie in Lichtenberg \u2013 Zweiraumwohnung, farbenfroh, VEB-M\u00f6bel, neue K\u00fcche, Zentralheizung, Aufzug. Eddy kommt am Vormittag, da sind die Nachbarn auf Arbeit. Wenn er die Wohnung gegen zehn Uhr verl\u00e4sst, begegnet er vielleicht mal jemandem, der den Hund abends nochmal ausf\u00fchrt oder vom Bummeln im Kiez nach Hause kommt. Kann auch sein, dass im Gang Jugendliche knutschen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Alles nicht schlimm.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Aber Mandy sagt, man soll sich nicht t\u00e4uschen. \u201eSie sind \u00fcberall. Wir m\u00fcssen aufpassen. Je weniger wir auffallen, desto besser.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Naja. Eddy tut, was sie sagt. Sie kennt sich schlie\u00dflich aus in ihrer DDR. Eigentlich macht er sich keine gro\u00dfen Gedanken \u00fcber die Stasi.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Er macht sich \u00fcberhaupt keine Gedanken. In der Firma freuen sich die Kollegen, dass er so frisch ist, Mit neuen Ideen, vor allem f\u00fcrs Ost-Business. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Der Umgang mit Viola ist ungebrochen. Und das Zusammenleben mit der Frau l\u00e4sst sich f\u00fcr alle aushalten. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Die Eheleute sind froh, wenn sie ihrer Wege gehen k\u00f6nnen. Urlaub macht Eddy mit der Tochter, nach zwei Wochen reist er zur\u00fcck nach Berlin \u2013 dann \u00fcbernimmt die Frau. Das M\u00e4dchen hat eine unschwere Kindheit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Die Eltern zanken nicht, sie gehen gar nicht mehr miteinander um. Das ist nicht arg f\u00fcr ein Kind. Es wird liebevoll behandelt, Viola bekommt sogar einen kleinen Hund, die Familie ist f\u00fcr sie intakt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Eddy hat eine Bleibe und eine Waschmaschine in West-Berlin. Er geht zum Arbeiten. Er hat sein Fitnessstudio, einmal in der Woche trifft er sich mit Charly beim Squash.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Und dann das Highlight der Woche.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Donnerstag (er k\u00f6nnte nicht sagen, warum es der Donnerstag ist. Mandy hat gemeint, da w\u00fcrde \u201ees\u201c \u2013 was auch immer \u201ees\u201c ist &#8211; am wenigsten auffallen).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Donnerstag f\u00e4hrt er in den Osten. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Er ist ohnehin die meiste Zeit f\u00fcr die Firma unterwegs und spricht das sehr lose mit Charly ab \u2013 also macht sich niemand Gedanken dar\u00fcber, wohin der Eddy jeden Donnerstag verschwindet und warum das Sekretariat dann nur um kurz vor zehn von ihm ein belangloses Telefonat bekommt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Von zehn Uhr an ist er n\u00e4mlich in seinem anderen sch\u00f6nen Leben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Er passiert die Grenzw\u00e4chter an der Friedrichstra\u00dfe. Wenn das Wetter danach ist, geht er zu Fu\u00df zum Alex. Er mag die dicke Luft. Es riecht nach Gleich-ist-Liebemachen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Im Sommer trifft er sich in Mitte mit Mandy zum Bummeln. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Am liebsten aber f\u00e4hrt er gleich weiter. Vom Alex mit der Linie E zum Bahnhof Lichtenberg. Rauf auf die Frankfurter Allee. Der dritte Wohnkasten stadteinw\u00e4rts auf der rechten Seite \u2013 das ist ihrer. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Er klingelt \u2013 zweimal kurz, zweimal lang -, es summt, er dr\u00fcckt die T\u00fcr auf. Nimmt die Treppe, nicht den Aufzug. Vierter Stock. Leerer Gang. Dritte Wohnung links. Die T\u00fcr ist angelehnt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Er ist drin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">Und wie!<\/span><\/p>\n<p><b><i><span style=\"margin: 0px; color: black; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\">\u00a0<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><b><i>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/i><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 23, 10. Oktober. Heiter. Wirklich? \u00a0 Zur\u00fcck in Berlin. Es ist eine neue Stadt f\u00fcr Eddy. &nbsp; In Sch\u00f6neberg schieben M\u00fctter Kinderkarren durch den Volkspark, alte M\u00e4nner spielen Schach. 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