{"id":3229,"date":"2017-10-14T10:50:22","date_gmt":"2017-10-14T10:50:22","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3229"},"modified":"2017-10-16T10:47:18","modified_gmt":"2017-10-16T10:47:18","slug":"parship-84","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/parship-84\/","title":{"rendered":"PARSHIP &#8217;84"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201e2017\u201d*, Folge 22, 9. Oktober. Heller Himmel. Auf Parship steht: \u201eIch w\u00fcnsche mir<\/em><\/strong><strong><em> einen Partner,.der mit mir in die gleiche Richtung und in einer \u00e4hnlichen Geschwindigkeit w\u00e4chst, mit dem ich den Rest unseres Lebens eine gute und gl\u00fcckliche Beziehung f\u00fchre, mit dem ich gemeinsam gesund alt werden kann und den ich nicht lange \u00fcberlebe.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDarf ich Sie was fragen?\u201c<\/p>\n<p>Die Dame blickt Eddy nachdenklich an. Ja, er solle fragen, meint sie nach einer Pause.<\/p>\n<p>\u201eSind Sie aus Leipzig?\u201c<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelt. Nein, nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p>\u201eWar eine dumme Frage, oder?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNaja, Sie sind aus dem Westen, stimmt\u2019s?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, woran merkt man das?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNicht nur an der Frage. Sie sind aus dem Westen, das sp\u00fcrt man sofort. Und Frauen aus Leipzig werden sie hier nicht treffen. Au\u00dfer\u2026\u201c<\/p>\n<p>Sie redet nicht zu Ende. Eddy \u00fcberlegt, dann begreift er. Ach, das tut ihm Leid, das hat er wirklich nicht bedacht.<\/p>\n<p>Die Dame l\u00e4chelt. Nicht so schlimm, sagt sie. \u201eWir sind im Interhotel, da gehen die Einheimischen nicht hin. Und die Damen\u2026\u201c<\/p>\n<p>Jaja, er hat verstanden.<\/p>\n<p>\u201eAber?\u201c, sagt er und ist schon wieder sprachlos.<\/p>\n<p>\u201eSie wollen wissen, ob ich aus der Deutschen Demokratischen Republik komme. Und wenn ja, was ich dann hier tue.\u201c<\/p>\n<p>Eddy wei\u00df nicht so recht, was er sagen soll. Er streicht mit dem Zeigefinger \u00fcber den Rand des Bierglases (Pilsner Urquell, perfekt gezapft). Durchs Panoramafenster flirren die Lichter Leipzigs, es ist wie der Blick \u00fcber einen See zur gro\u00dfen Stadt am anderen Ufer.<\/p>\n<p>Er l\u00e4chelt ein wenig.<\/p>\n<p>\u201eWas soll ich sagen? Ertappt. Entschuldigung. Ich kenne mich hier nicht aus. Das war doof.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch hei\u00dfe Mandy. Ich bin zum Arbeiten hier. Dolmetsche auf der Messe. Normalerweise wohne ich in Berlin.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch was? Ist ja interessant. Ich lebe auch in Berlin. Entschuldigung, Eddy hei\u00dfe ich. Bin auch auf der Messe.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHaben Sie einen Stand?\u201c<\/p>\n<p>Nein, erkl\u00e4rt Eddy, er sehe sich um. Sein Partner und er wollen expandieren. Als Spedition h\u00e4tten sie angefangen, nun seien sie ein Logistikunternehmen, das in Europa unterwegs sei. Und der Osten werde immer interessanter. Man sp\u00fcre, dass sich da was bewegt. Welche Sprachen sie denn \u00fcbersetze?<\/p>\n<p>Englisch, Franz\u00f6sisch, Russisch. Ja, es bewege sich was.<\/p>\n<p>\u201eWo wohnen Sie denn in Berlin?\u201c<\/p>\n<p>Er Sch\u00f6neberg, sie Lichtenberg. Er bestellt einen Wein f\u00fcr sie und noch ein Bier f\u00fcr sich. Sie reden bis um zwei Uhr. Er bringt sie vors Hotelzimmer, sie verabreden sich zum Essen am n\u00e4chsten Abend. Nicht im Hotel, in der Stadt, sie wird etwas organisieren.<\/p>\n<p>\u201eAber ich zahle.\u201c<\/p>\n<p>Klar, sie hat nichts dagegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie essen in \u201eAuerbachs Keller\u201c. Kein Schimmer, wie sie noch einen Tisch hat reservieren k\u00f6nnen. Er f\u00fchlt sich wie ein junger Kerl. Es regnet, als sie zum Hotel zur\u00fcck gehen. Die H\u00e4user sind hoch und dunkel und unfreundlich. In einem Eingang nahe dem Bahnhof k\u00fcssen sie sich.<\/p>\n<p>Getrennt betreten sie das Hotel. Er geht voraus, sie folgt und schl\u00fcpft aus dem menschenleeren Korridor in sein Zimmer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als er am letzten Messetag im Flieger nach Frankfurt sitzt, ist er der traurigste und der gl\u00fccklichste Mensch.<\/p>\n<p>So \u2018ne Schei\u00dfe aber auch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>*\u201c2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e2017\u201d*, Folge 22, 9. Oktober. Heller Himmel. 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