{"id":3161,"date":"2017-09-21T19:56:37","date_gmt":"2017-09-21T19:56:37","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3161"},"modified":"2017-09-22T09:43:39","modified_gmt":"2017-09-22T09:43:39","slug":"sommer-ade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/sommer-ade\/","title":{"rendered":"SOMMER AD\u00c9"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>D 2017*, Folge 4. 21. September. Neuruppin, am Hafen und sonstwo.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Ruppin hat eine sch\u00f6ne Lage \u2013 See, G\u00e4rten und der sogenannte \u00bbWall\u00ab schlie\u00dfen es ein. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Alle diese Jammernester haben irgendwo einen Charme.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Ehrlich ist der M\u00e4rker, aber schrecklich.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Es ist ein zuverl\u00e4ssiger, verst\u00e4ndiger Menschenschlag, aber ohne jede Spur von dem, was gef\u00e4llig wirkt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Das Gymnasium hatte Ferien und die Garnison Mobilmachung. So fehlten denn die roten Kragen und Aufschl\u00e4ge, die dazu berufen scheinen, der monotonen Landschaft Leben und Frische zu geben. Alles war still und leer, auf dem Schulplatze wurden Betten gesonnt, und es sah aus, als sollte die ganze Stadt aufgefordert werden, sich schlafen zu legen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Lange, breite Stra\u00dfen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Stattliche Pl\u00e4tze.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Eine \u00d6de und Leere, die zuletzt den Eindruck der Langenweile macht. <\/em>(Theodor Fontane)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Wall liegt b\u00e4uchlings eine Studentin und schm\u00f6kert. Hot Pants, geiler Hintern. Kurze dunkle Haare. Die junge Frau ist mit ihrem Buch in einem anderen Land. Sie nimmt die Touristen nicht wahr, die in ihren Sandalen an der Uferpromenade entlang latschen. Sie sieht nicht, dass drau\u00dfen auf dem See der Segel-Lehrer seine Sch\u00fcler in ihren Jollen um sich schart und ihnen erkl\u00e4rt, f\u00fcr heute sei Schluss. Von Westen her kommt dunkles Wetter. Besser, man kehrt an Land zur\u00fcck. Man wei\u00df nie: Der Ruppiner See kann ziemlich ungem\u00fctlich werden.<\/p>\n<p>Der Verband kleiner Segelschiffe steuert auf den Hafen zu, die Touristen wechseln von den Terassen ins Innere der Caf\u00e9s. Nur die Studentin ist unbeeindruckt.<\/p>\n<p>Sie ist gerne in dieser Stadt, in der so vieles nicht passt. Setze Dich lange genug zu den Br\u00fcdern am Bahnhof \u2013 und sie werden Dir erz\u00e4hlen, warum sie der DDR nachtrauern. Die Dame im Kiosk, sie kommt aus Serbien, wird nicken.<\/p>\n<p>In der Touristen-Information liegen Prospekte, die f\u00fcr die neue Therme werben. Dort gebe es \u2013 nat\u00fcrlich ist man beeindruckt \u2013 Sondertarife f\u00fcr Rentner. Werktags, mo.-fr., am Vormittag, drei Stunden f\u00fcr 25 Euro. Da kann der Rentner-Mensch dann saunieren, dampfbaden, schwimmen oder so \u2013 und alles soll wohl ein bisschen wie auf Sylt sein. Mond\u00e4n und westlich und teuer und einzigartig.<\/p>\n<p>Rentner sind doch nicht bl\u00f6d!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manchmal geht die Studentin mit Freundinnen bummeln. Sogar ins Reiz haben sie es schon einmal geschafft. Ins Einkaufszentrum, dorthin, wo im Westen die Stadt zu Ende ist.<\/p>\n<p>Rundrum Plattenbauten, frisch gestrichen, mit Kindern davor, die nichts mit sich anfangen.<\/p>\n<p>Das Reitz. Zwei Dutzend Gesch\u00e4fte. In einem gibt es Waren f\u00fcr einen Euro. Der Hammer. Und da ist der Obi, da wirste schnell mal einen Hunni los, weil Du auf das ganze Zeug so scharf bist wie der Jauch (ja, echt, der hat mal in seiner Show gesagt, er steht total auf den Obi).<\/p>\n<p>Und da ist der Real. Allet jibt et. Die janze jro\u00dfe Welt. Papaya un Kaviar. Bayrisch Bier un Grappa un Ros\u00e8 aus Kalifornien. Steak aus Argentinien un Th\u00fcringer Kl\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p>Allet.<\/p>\n<p>Die Kunden schieben ihre Einkaufswagen \u2013 besonders gro\u00dfe Exemplare \u2013 bed\u00e4chtig durchs Labyrinth. Sie kaufen, als m\u00fcssten sie Bunker f\u00fcllen. An der Kasse werden sie nerv\u00f6s und geraten sich in die Quere. Stoische Verk\u00e4uferinnen nehmen ihnen das Geld ab. Noch ein Bier in der Eisdiele, dann zur\u00fcck nach Hause.<\/p>\n<p>Das Reiz ist eine Reise wert, hier.<\/p>\n<p>Unsere Studentin war nur einmal dort. Ihr waren die Menschen zu unaufger\u00e4umt \u2013 und in den Obi geht sie nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wind kommt auf. Die junge Frau blickt auf. Leer ist die Uferpromenade, Leinen zerren an den Fahnenmasten. Das Wasser schaukelt sich auf.<\/p>\n<p>Die Studentin packt das Buch in ihre Stofftasche und beeilt sich. Es ist anmutig, wenn sie l\u00e4uft. Sie hat es nicht weit. Wird wohl die Heizung in ihrer Bude aufdrehen m\u00fcssen. Heute ist der letzte Sommertag. Von morgen an ist Deutschland im Herbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong><em>*\u201cD2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>D 2017*, Folge 4. 21. September. Neuruppin, am Hafen und sonstwo. Ruppin hat eine sch\u00f6ne Lage \u2013 See, G\u00e4rten und der sogenannte \u00bbWall\u00ab schlie\u00dfen es ein. Alle diese Jammernester haben irgendwo einen Charme. Ehrlich ist der M\u00e4rker, aber schrecklich. Es ist ein zuverl\u00e4ssiger, verst\u00e4ndiger Menschenschlag, aber ohne jede Spur von dem, was gef\u00e4llig wirkt. 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