{"id":3159,"date":"2017-09-20T19:46:16","date_gmt":"2017-09-20T19:46:16","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3159"},"modified":"2017-09-20T19:46:16","modified_gmt":"2017-09-20T19:46:16","slug":"deutscher-herbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/deutscher-herbst\/","title":{"rendered":"DEUTSCHER HERBST"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>D 2017*, Folge 3. 20. September. Ruppiner Land zwischen Rheinsberg und Neuruppin.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Die Septembersonne tut ihr Bestes. Aber das Laub ist doch noch dicht genug, ihr den Zutritt zu wehren; ein D\u00e4mmer liegt auf den Steigen, und nur nach rechts hin, zwischen den St\u00e4mmen hindurch, blitzt es und flimmert es um einen ummauerten Park.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Ich saug das Licht ein, um das Fr\u00f6steln loszuwerden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Hagebuttenstr\u00e4ucher, kahl und windzerfahren. In diesem friedlichen Augenblick aber h\u00e4ngen die roten Fr\u00fcchte still am Gezweig, und zwischen den \u00c4sten spannen sich Spinneweben aus und schillern in allen Farben des Regenbogens. Hinter dem Buschwerk eine Mauer und hinter der Mauer Gem\u00fcseg\u00e4rten mit Dill und Dolden in langen Reihen, und dann Stoppelfelder, weit, weit und am Horizont ein duftiges Blau und in dem Blau der schwarze Schindelturm einer Dorfkirche.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Der Blick schweift dar\u00fcber hin, aber immer wieder kehrt er bis in die n\u00e4chste N\u00e4he zur\u00fcck und weilt auf einem Rasenteppich, der sich in Falten legt. <\/em>(Theodor Fontane)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist kein weiter Gang von Rheinsberg nach der Kreisstadt Neuruppin. Die Wege sind gut ausgeschildert, sie werden gern genutzt. Auch l\u00e4dt das Wetter zum Wandern. Alsdenn, los!<\/p>\n<p>Im R\u00fccken liegt das Schloss von Rheinsberg, hell leuchtet das Gem\u00e4uer. Eine Frau wandelt auf den Kieswegen. Sie ist schlank und hat einen langen Staubmantel an.<\/p>\n<p>Falsches Jahrhundert, Madame!<\/p>\n<p>Hinter Rheinsberg wellt sich das Land ein wenig. Nach den Kahlenbergen kommen die W\u00e4lder. Dann ein See, ges\u00e4umt von Kiefern und Buchen. Der Ort Braunsberg d\u00f6st in stiller Harmlosigkeit. Vor einem Haus aus der DDR-Zeit sitzt ein alter Mann, hat auf dem Tisch einen Kaffee und studiert die \u201eRuppiner Zeitung\u201c.<\/p>\n<p>Da kann er es lesen, das Elend der Abgeh\u00e4ngtheit.<\/p>\n<p>Sven Alisch, der SPD-Kandidat zur B\u00fcrgermeisterwahl, findet die richtigen W\u00f6rter. Er hat wohl nicht beschreiben wollen, wie beschissen es Rheinsberg, den zerstrittenen Kommunalpolitikern, den Arbeitslosen und den Alten &#8211; \u00fcberhaupt der Region \u2013 geht. Aber der Versuch, sich im Interview die modernen Zeiten sch\u00f6n zu reden, h\u00f6rt sich irgendwie kl\u00e4glich an:<\/p>\n<p>\u201eDie Gemeinde ,Stadt Rheinsberg\u2018 mit allen Ortsteilen soll sich zur landschaftlich sch\u00f6nsten und kulturhistorisch interessantesten Stadt im Norden Brandenburgs, mit Angeboten in den Bereichen Spitzenkultur, Wassersport, Gesundheit, Wellness, Jugendkultur, Kinderangebote, Freizeitwohnen, Seniorenresidenz und Keramiktradition weiterentwickeln. Rheinsberg soll nicht nur liebenswert f\u00fcr G\u00e4ste sein, es soll auch ein Ort werden, an dem Menschen aller Altersgruppen gerne wohnen. Deshalb gilt es, das Pr\u00e4dikat Heilbad zu erarbeiten und erreichen!\u201c<\/p>\n<p>Tr\u00e4umen Sie weiter, Herr Kandidat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Altruppin ist vor einem Monat eine Frau vom Nachbarn umgebracht worden. Man hat den Eingang ihres Hauses mit Gebinden voll gestellt und sich eine Woche lang wohlig gegruselt. Jetzt sind die welken Blumen entsorgt, und in Altruppin ist wieder nichts los.<\/p>\n<p>Hier ist fast immer nichts los.<\/p>\n<p>Bald feiern sie am Rhin Oktoberfest und f\u00fchlen sich bayrisch-fidel.<\/p>\n<p>Ansonsten: Aufregend wird es, wenn beim Aldi oder beim Lidl die Sonderangebote wechseln. Gartenger\u00e4te und Schulsachen sind sehr beliebt, die neue Klum-Fashion l\u00e4uft nicht besonders. Ein bisschen zuviel Modewelt.<\/p>\n<p>Tote Hose steht dem Ort besser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor der Stadtgrenze von Neuruppin die Kasernen. Die Fenster blind oder in Scherben, die Mauern br\u00f6seln, der Stacheldraht rostet.<\/p>\n<p>Ein Bier an der Tanke. Wir sind da.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Traben endlich die kahle, staubige Chaussee entlang.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Grau wie die M\u00fcllertiere.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Atmen auf, als wir vorm Gasthofe zum Deutschen Hause halten. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Moselwein und Selterwasser.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Lebensgeister. Mut und Kraft.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Erste Promenade<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Dem Pflaster der Stadt trotzen.<\/em> (Theodor Fontane)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das \u201ePflaster der Stadt\u201c holpert noch an etlichen Stellen. Die Stadt versucht sich zu putzen. Sie versucht anzukommen in der neuen Zeit.<\/p>\n<p>Und?<\/p>\n<p>Klappt\u2019s?<\/p>\n<p>Naja. Sosolala.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong><em>*\u201cD 2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>D 2017*, Folge 3. 20. September. Ruppiner Land zwischen Rheinsberg und Neuruppin. Die Septembersonne tut ihr Bestes. Aber das Laub ist doch noch dicht genug, ihr den Zutritt zu wehren; ein D\u00e4mmer liegt auf den Steigen, und nur nach rechts hin, zwischen den St\u00e4mmen hindurch, blitzt es und flimmert es um einen ummauerten Park. 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