{"id":3154,"date":"2017-09-18T15:21:34","date_gmt":"2017-09-18T15:21:34","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3154"},"modified":"2017-10-05T09:41:01","modified_gmt":"2017-10-05T09:41:01","slug":"still-der-see","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/still-der-see\/","title":{"rendered":"STILL, DER SEE"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201eD 2017\u201c*, Folge 1 \/ 18. September, Mark Brandenburg, der Wind ist weg.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Tagelang ist der Sturm mit dem Land r\u00fcde umgesprungen. Von Westen kamen die dunklen Himmel in gewaltigen Formationen. \u201eSebastian\u201c hei\u00dfe das Tief, sagten sie im Radio und berichteten von einer zerw\u00fchlten Nordsee und Sturmflut in Hamburg.<\/p>\n<p>Das interessierte die Menschen am Gudelack kaum. Sie riegelten die Fensterl\u00e4den ab und blieben in den H\u00e4usern. An den See will man nicht an solchen Tagen.<\/p>\n<p>Das Wasser war braun, die Wellenkronen sch\u00e4umten schmutzig-wei\u00df. \u201eSebastian\u201c trieb den See ostw\u00e4rts an die Ufer. Dort brach er. Im Sturm wollte er das Land nehmen, verlandete, sandte die n\u00e4chste Welle.<\/p>\n<p>Es war ein gro\u00dfes K\u00e4mpfen am See.<\/p>\n<p>Dann fiel der Regen \u00fcber den Gudelack her. Die Schwaden jagten schr\u00e4g in die W\u00e4lder, \u00fcber die abgeernteten Felder, gegen die H\u00e4user. Der Regen war hart und feindlich, er schlug in die Beete und zerplatzte auf dem Marktplatz. Er riss Zapfen aus den Kiefern und fegte Laub vorzeitig von den B\u00e4umen. Die B\u00e4che f\u00fchrten zuviel schaumiges Wasser.<\/p>\n<p>Es waren keine gastlichen Tage. Im Fernsehen sagten sie, dass das M\u00fcnchner Oktoberfest besseres Wetter verdient h\u00e4tte. Das war ja nun mal tr\u00f6stlich f\u00fcr Brandenburg: Auch die Bayern erwischte es.<\/p>\n<p>Am Sonntag beruhigte sich der Gudelack. Fr\u00fchmorgens zuckte ein letztes Gewitter durch den Wald bei Klosterheide, dann war \u201eSebastian\u201c weg.<\/p>\n<p>Nun liegt der See still und matt. \u201eSputnik\u201c, der Hund, blickt in die Weite und scheint zu denken. Ein Kormoran schreit im Schilf, am gegen\u00fcberliegenden Ufer kreischt eine S\u00e4ge.<\/p>\n<p>Sonne. W\u00e4rmende freundliche Sonne.<\/p>\n<p>Frieden?<\/p>\n<p><em>\u201eIch bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte. Jeder Fu\u00dfbreit Erde belebte sich und gab Gestalten heraus, und wenn meine Schilderungen unbefriedigt lassen, so werd ich der Entschuldigung entbehren m\u00fcssen, da\u00df es eine Armut war, die ich aufzuputzen oder zu vergolden hatte. Umgekehrt, ein Reichtum ist mir entgegengetreten, dem gegen\u00fcber ich das bestimmte Gef\u00fchl habe, seiner niemals auch nur ann\u00e4hernd Herr werden zu k\u00f6nnen; denn das immerhin Umfangreiche, das ich in nachstehendem biete, ist auf im ganzen genommen wenig Meilen eingesammelt worden: am Ruppiner See hin und vor den Toren Berlins. Und sorglos hab ich es gesammelt, nicht wie einer, der mit der Sichel zur Ernte geht, sondern wie ein Spazierg\u00e4nger, der einzelne \u00c4hren aus dem reichen Felde zieht.\u201c<\/em><\/p>\n<p>So hat es Theodor Fontane vor 155 Jahren aufgeschrieben. Die Vokabel \u201eFriede\u201c kommt in seinen \u201eWanderungen vor \u2013 genau wie ein Gedicht, das dem sch\u00f6nen Gef\u00fchl ein j\u00e4hes Ende macht:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Der Krieg ist gut! \/ Er weckt die Kraft der Jugend. \/ Und zieht in seinem Scho\u00df \/ So manchen Sinn f\u00fcr hohe, wahre Tugend. \/ Zu sch\u00f6nen Taten gro\u00df.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Der Krieg ist gut! \/ Er ruft aus feigem Schlummer \/ Den tr\u00e4gen Weichling auf, 7\/ Er lohnt Verdienst, und schafft er manchen Kummer, \/ L\u00f6st er auch manchen auf!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Der Krieg ist gut! \/ Im Reiben seiner Kr\u00e4fte \/ Ist f\u00fcr die Welt Gewinn. \/ Der Krieg macht froh, im Wechsel der Gesch\u00e4fte \/ Nimmt er die Grillen hin.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Soweit zu \u201eKrieg und Frieden am Gudelack.<\/p>\n<p>Alles tr\u00fcgerisch, irgendwie.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong><em>*\u201cD2017\u201c beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der \u201eHeimat\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eD 2017\u201c*, Folge 1 \/ 18. September, Mark Brandenburg, der Wind ist weg. Tagelang ist der Sturm mit dem Land r\u00fcde umgesprungen. Von Westen kamen die dunklen Himmel in gewaltigen Formationen. \u201eSebastian\u201c hei\u00dfe das Tief, sagten sie im Radio und berichteten von einer zerw\u00fchlten Nordsee und Sturmflut in Hamburg. 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