{"id":3091,"date":"2017-04-18T08:09:36","date_gmt":"2017-04-18T08:09:36","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3091"},"modified":"2017-04-18T08:39:40","modified_gmt":"2017-04-18T08:39:40","slug":"weg-vom-fenster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/weg-vom-fenster\/","title":{"rendered":"WEG VOM FENSTER"},"content":{"rendered":"<p><span lang=\"EN-US\">15. april 2017\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<em><strong> &#8212;&#8212;-\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 DER NEUE, Tag 86<\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span lang=\"EN-US\">Weimar\/Washington<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Das Theater der Stadt verschwimmt in der Bl\u00e4ue der Nacht. Weimars B\u00fcrger schlappen zur Bus-Haltestelle. Sie sind die Letzten an diesem Samstagabend, die Leben in die City gebracht haben. Nun schlie\u00dfen die Gesch\u00e4fte, dann werden sich ein paar Nachtschw\u00e4rmer und ein Schwung Theaterbesucher in der Altstadt verlieren.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Die Menschen auf ihrem Weg zum Bus haben m\u00fcde Gesichter und sehen aus wie falsch eingekleidete DDR. Sie steigen ein, setzen sich seufzend, wischen die beschlagene Scheibe, sehen hinaus ins n\u00e4ssende Weimar, die Scheibe vernebelt sich wieder, sie lassen es sein und blicken ins Leere. Der Bus f\u00e4hrt und bringt sie in die Plattenbauten, die keine richtigen Plattenbauten mehr sind.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Eine von ihnen ist Frau B., die tags\u00fcber im Goethehaus oberhalb des Treppenaufgangs steht und die Touristen in den Rundgang einweist. Frau B. raucht so viel, dass sie dran sterben wird.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Sie ist mit Goethe aufgewachsen. \u201eDer Lehrer hat uns immer wieder ins Museum mitgenommen und erz\u00e4hlt, wie das war mit dem Goethe und dem Schiller.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Gute Zeiten waren das. Die Sch\u00fcler durften noch bis zum Katheder des Dichters gehen und die Folianten in den zimmerhohen Regalen ber\u00fchren. Danach sind sie \u00fcber den Platz vor dem Goethehaus, den Frauenplan, gerannt und haben die Fremden ge\u00e4rgert. Es hat nach Bratwurst gerochen, nach Koks-Brikett-Feuer und nach Zweitakter.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Heute machen die Fahrensleute immer noch Reklame, sie w\u00fcrden die besten W\u00fcrste Th\u00fcringens braten. Immer weniger Touristen haben Fotoausr\u00fcstungen mit sch\u00f6nen Objektiven vor dem Bauch. Die Menschen knipsen die Stadt nun mit ihren Handys platt. Die Japsen m\u00f6gen\u2019s am liebsten mit den Selfie-Gest\u00e4ngen. Die Kids verschicken sich selbst aus Weimar in den Rest der Welt und finden es irre lustig. <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u201eKlar sind wir verbittert. Man hat uns wieder mal fallen gelassen. Es ist wie fr\u00fcher. <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Hier wir \u2013 da die Welt, wie wir sie auch gerne h\u00e4tten.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Fr\u00fcher, da ist wenigstens der Willy Brandt ins Land gekommen und hat von Hotelbalkons aus gewunken. Da haben wir uns gefreut, weil man an uns gedacht hat.\u201d <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Fr\u00fcher war alles geordnet. Man konnte zwar nicht reisen, aber die von der Partei haben versichert, dass die schlimmen Amis nichts in Weimar verloren h\u00e4tten.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Heute kommt keiner mehr \u2013 au\u00dfer den Touristen und den Typen von der AfD, die am Wochenende wieder in der Region tagen. <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Die Welt ist f\u00fcr Weimar immer noch eine Geschlossene Gesellschaft. Und die Amis? Die wollen mit Weimar nichts zu tun haben.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">Und trotzdem hat Frau B. ein doofes Gef\u00fchl, wenn sie an den Pr\u00e4sidenten denkt. <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u201cIch glaube, die Welt ist gef\u00e4hrlicher als fr\u00fcher. Und Trump, das ist kein guter Mensch, sowas sp\u00fcre ich.\u201d<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15. april 2017\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;&#8212;-\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 DER NEUE, Tag 86 Weimar\/Washington \u00a0 Das Theater der Stadt verschwimmt in der Bl\u00e4ue der Nacht. Weimars B\u00fcrger schlappen zur Bus-Haltestelle. Sie sind die Letzten an diesem Samstagabend, die Leben in die City gebracht haben. 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