{"id":2896,"date":"2017-03-21T21:58:41","date_gmt":"2017-03-21T21:58:41","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2896"},"modified":"2017-03-21T21:58:41","modified_gmt":"2017-03-21T21:58:41","slug":"gestatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/gestatten\/","title":{"rendered":"GESTATTEN&#8230;"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">7. m\u00e4rz 2017<\/span><span style=\"color: #000000;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><em><strong><span style=\"color: #000000;\">&#8212;&#8212;-<\/span><span style=\"color: #000000;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><span style=\"color: #000000;\">DER NEUE, Tag 47<\/span><\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">New York, 1980<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Zun\u00e4chst lag die \u201eTime\u201c auf einem Beistelltischchen in der Empfangshalle. Zwei, drei Wochen knutschte da auf der Titelseite einer von unseren Jungs eine ihm unbekannte Krankenschwester ab, weil die Japsen kapituliert hatten. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Nat\u00fcrlich habe ich nicht begriffen, was da alles in dem Foto steckte. Ich sah aber, wie froh meine Eltern waren \u2013 und das hing dann doch irgendwie mit dieser Knutscherei zusammen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Vater mochte das Bild so sehr, dass er es rahmen und in der Bibliothek aufh\u00e4ngen lie\u00df. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Das war bemerkenswert, weil Dad sonst nie was rahmen lie\u00df. Er hatte keinen Spa\u00df an Bildern. \u00dcberhaupt \u2013 Kunst und Musik, B\u00fccher und der ganze Kultur-Kram waren nicht seins.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Wenn er etwas h\u00e4tte rahmen lassen, dann w\u00e4ren es Kontoausz\u00fcge oder Wertpapiere gewesen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Nun, der knutschende Matrose bekam einen Ehrenplatz in einer Bibliothek, in der die B\u00fccher nach Gr\u00f6\u00dfe gestaffelt in den Regalen standen und regelm\u00e4\u00dfig abgestaubt wurden. Manchmal las Mutter etwas \u00fcbers Theater, Maryan hatte es mit der Erdkunde, sp\u00e4ter w\u00fcrde ich bei den franz\u00f6sischen Romanciers nach Schl\u00fcpfrigem st\u00f6bern.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Aber ich schweife ab.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Als die Japaner im gro\u00dfen Krieg klein beigaben, brach bei uns die heile Welt aus. Vater und Mutter hatten noch weniger Zeit f\u00fcr uns Kinder. Sie waren sehr aufgekratzt und tuschelten \u2013 Jane und der Chauffeur sollten nicht h\u00f6ren, was da geredet wurde. Vater hatte sein B\u00fcro nun nicht mehr im Haus, er rief sein \u201eBis heute Abend, Leute!\u201c vor dem Fr\u00fchst\u00fcck, bevor er in die Stadt fuhr.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Meistens kam er nach Hause, wenn ich schon im Bett war.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Wir hatten nun oft Besucher. Das waren M\u00e4nner wie mein Vater und Frauen wie meine Mutter. Die Frauen, bunt angezogen und mit drolligen H\u00fcten, schnatterten und lachten. Die M\u00e4nner, sie zogen nie das Sakko aus und hatten stechende Augen, sa\u00dfen still daneben. Man a\u00df \u2013 und wenn die Desserts durch waren, haben sich die M\u00e4nner in die Bibliothek abgesetzt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Zum Rauchen, hie\u00df es.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mich hat das sehr interessiert. Ich war ja schon fast acht, da bekommt man so einiges mit. Vor allem ahnte ich, dass gro\u00dfe Dinge im Gange waren, wenn Dad mit einem seiner neuen Freunde zum Rauchen verschwand.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich habe die Mutter gefragt. Sie meinte, ich sei noch zu jung, all das zu verstehen. Nachfragen sinnlos.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich redete mit Jane dar\u00fcber. Es war w\u00e4hrend eines Ausflugs in den Park. Jane machte ein ernstes Gesicht und sagte: \u201eDeine Eltern arbeiten sehr viel, und sie werden sehr reich. Sie bauen f\u00fcr unsere Soldaten H\u00e4user, das ist eine gute Sache.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Nundenn. So sollte es sein. Hauptsache, den Eltern ging es gut. Dann bekam ich mehr Geschenke.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich lernte, was eine Schwangerschaft ist. Das war, als ich der Mutter nicht mehr zu nahe kommen durfte. Sie wurde sehr rund und unbeholfen, sie hatte Launen. Der Vater hat sich sch\u00f6n um sie gek\u00fcmmert, sogar den Stuhl hat er ihr untergeschoben, wenn sie sich setzte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Eines Tages sagte sie zu Jane:<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eSeien Sie so nett, Liebes, und lassen den Wagen vorfahren. Ich glaube, es geht los.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Jane nickte. Sie gab dem Chauffeur Bescheid, holte das kleine K\u00f6fferchen, das man schon gepackt hatte, und begleitete Mutter zum Wagen. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mom sah aus, als ob ihr etwas sehr weh t\u00e4te, als sie mich streichelte. Sie meinte: \u201eSei sch\u00f6n brav. In ein paar Tagen bin ich wieder da und bringe ein Geschwisterchen mit.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Musste ich mir Sorgen machen?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich sah zu Jane hoch. Und weil Jane sehr fr\u00f6hlich dem Wagen hinterher guckte, beschloss ich mir, mich f\u00fcrs Erste \u00fcber die sturmfreie Villa zu freuen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">In der Tat kam Mutter ein paar Tage sp\u00e4ter wieder nach Hause. Sie war blass und ein wenig schwach, musste sich gleich hinlegen. Uns \u2013 Adam, den Chauffeur, Jane, das Kinderm\u00e4dchen, meine Schwester Maryan und mich \u2013 lie\u00df sie allein mit dem Menschlein, das da fest eingewickelt in der Wiege lag, einen roten Kopf hatte und so br\u00fcllen konnte, dass das Haus vibrierte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Das war Donald. Donald T. Der Typ, der mir das Leben verg\u00e4llen w\u00fcrde.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Morgen: Satansbraten I<\/span><\/span><\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7. m\u00e4rz 2017\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;&#8212;-\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 DER NEUE, Tag 47 New York, 1980 \u00a0 Zun\u00e4chst lag die \u201eTime\u201c auf einem Beistelltischchen in der Empfangshalle. Zwei, drei Wochen knutschte da auf der Titelseite einer von unseren Jungs eine ihm unbekannte Krankenschwester ab, weil die Japsen kapituliert hatten. 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