{"id":2893,"date":"2017-03-21T10:34:11","date_gmt":"2017-03-21T10:34:11","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2893"},"modified":"2017-03-21T10:34:11","modified_gmt":"2017-03-21T10:34:11","slug":"streicheleinheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/streicheleinheit\/","title":{"rendered":"STREICHELEINHEIT"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">6. m\u00e4rz 2017<\/span><span style=\"color: #000000;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><strong><em><span style=\"color: #000000;\">&#8212;&#8212;<\/span><span style=\"color: #000000;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><span style=\"color: #000000;\">DER NEUE, Tag 46<\/span><\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">New York, 1980<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich kannte Janes Busen besser als den meiner Mutter. Man hat ja nicht dr\u00fcber geredet, aber ich bin sicher, dass sie mich nicht gestillt hat. Das war nicht ihr Ding. Und zum Tr\u00f6sten hatte sie auch wenig Zeit.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Blieb Jane.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Sie kam aus Schottland \u2013 wie meine Mutter. Jane hat oft von ihren Leuten und ihrer Heimat erz\u00e4hlt. Sie war in Glasgow aufgewachsen, die Mutter war tapfer gewesen und hatte sieben Kinder durchgebracht. Der Vater hatte nur samstags und vor Feiertagen gesoffen, war p\u00fcnktlich aus dem Pub zum Abendessen nach Hause gekommen. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Jane hat sich oft nach Glasgow zur\u00fcck gesehnt. Wenn ich bedr\u00fcckt und in der N\u00e4he war, hat sie mich in die Arme genommen und mich gewiegt wie eine Puppe.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich habe das gemocht, von der Mutter und vom Vater kam eine solche N\u00e4he nicht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mutter sah ich morgens, da sa\u00df sie dem Fr\u00fchst\u00fcckstisch vor. Sie a\u00df nicht viel, nach einer Weile lie\u00df sie Jane kommen und erkl\u00e4rte ihr das Tagesprogramm. Auftr\u00e4ge f\u00fcr den G\u00e4rtner und den Hausmeister, Sonderaufgaben (\u201eHeute machst Du die Bibliothek, wir haben morgen Besuch, da will ich nix h\u00f6ren!\u201c), erzieherische Ma\u00dfnahmen (\u201eDer Fred ist so blass, Ihr geht in den n\u00e4chsten Tagen mehr an die Luft\u201c), Allgemeines (\u201eMein Mann und ich sind heute Abend nicht im Haus, bringst Du die Maryan und den Fred ins Bett, um acht ist das Licht aus\u201c).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Aufgaben delegiert.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mutter weg.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Oft habe ich sie den ganzen Tag nicht mehr gesehen. Das Radfahren hat mir Jane gezeigt. Als ich vom Baum vor dem Haus fiel, brachte mich Jane in die Klinik. Jane hat mir gezeigt, wie man einen Elefanten zeichnet, den wir im Zoo gesehen hatten. Jane hat mich getr\u00f6stet, M\u00e4dchen seien manchmal doof, dann m\u00fcsse man sie in Ruhe lassen, sie k\u00f6nnten aber auch sehr nett sein\u2026<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Jan. Jane. Jane.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Meine Erziehung zum jungen Mann hat der Vater an den Wochenenden \u00fcbernommen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Das war klasse.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Au\u00dfer wenn er die Lektionen auf seinen Baustellen abhielt. Das habe ich nicht gemocht. Da ist es um die Arbeit des Vaters gegangen. Und ums Geldverdienen. Und ums Sparen. Und ums Besser-Sein.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eDu musst gewinnen\u201c, hat der Vater gesagt. \u201eWenn Du nicht gewinnst, dann machen\u2019s die Anderen.\u201c <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich erinnere mich an die Besuche der Baustellen \u2013 und heute wei\u00df ich: Das war Gehirnw\u00e4sche. Ich sollte sein wie der Vater. Sp\u00e4ter mal mit einem Schnauzer im hageren Gesicht. Ein Mann mit Misstrauen gegen das Ungeplante, mit einer Abneigung gegen Humor. Jemand, der sich aufs Sparen versteht, und der Geiz f\u00fcr eine Tugend h\u00e4lt. Einer, der freundlich zu seinen Arbeitern ist \u2013 solange sie ihren Job klaglos erledigen und solange sie nicht \u00fcber Geld reden, das ihnen angeblich zust\u00fcnde. Einer, der keine falschen Gef\u00fchle aufkommen l\u00e4sst. Wer nicht spurt, fliegt. Wer kein Geld bringt, fliegt. Wer widerspricht, hat nichts mehr zu sagen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mein Vater war ein Unber\u00fchrbarer. So einer sollte ich auch werden.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich war so klein. Wollte es dem Vater recht machen. Wollte das lernen, was er mir da beibrachte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Aber ich schnallte es nicht, ich konnte es nicht, es war nicht in Ordnung.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Maryan, meine \u00e4ltere Schwester, war da so anders. Sie tat, was man von ihr erwartete. Sie wurde abends get\u00e4tschelt und l\u00e4chelte verlogen, wenn die Mutter sagte: \u201eSo ist es recht, Sch\u00e4tzelchen, das hast Du gut gemacht.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Dann drehte Maryan sich auf der Fu\u00dfsohle und tippelte zu ihrem Zimmer. F\u00fcr mich hatte sie diesen Siehste-ich-hab-schon-wieder-gewonnen-Blick.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Get\u00e4tschelt-Werden war f\u00fcr mich ganz selten drin. Mutter sagte: \u201eFred, Du putzt Dir die Z\u00e4hne, und dann marsch ins Bett.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Vater \u2013 wenn er denn im Raum war \u2013 sah von der Zeitung auf und nickte mir zu. Ernst und pr\u00fcfend. Der Schnauzer nickte mit.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich taperte den Gang zur gro\u00dfen Treppe und h\u00f6rte die Eltern murmeln. Sie sprachen \u00fcbers Gesch\u00e4ft, \u00fcber die n\u00e4chsten Baustellen, \u00fcber die vielen Dollars, die sie in Queens aufklauben w\u00fcrden, sie sprachen \u00fcber den verdammten Krieg, der ihnen das Business verhagelte, Monate sp\u00e4ter redeten sie mit erhobener Stimme \u00fcber den Sieg gegen die Nazis, noch sp\u00e4ter sprachen sie mit Freude \u00fcber das Ende des Kriegs und dar\u00fcber, dass die ganzen Veteranen nun H\u00e4user brauchten und der Staat die H\u00e4user bezahlen w\u00fcrde und dass sie \u2013 Fred und Mary Anne \u2013 das Geld nur noch einzusammeln brauchten.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Das waren die Themen f\u00fcr meine Eltern, wenn die Kinder ins Bett gingen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ach \u2013 get\u00e4tschelt wurde ich doch noch jeden Abend. Jane, das M\u00e4dchen, witschte in mein Zimmer, strubbelte mir mit der Hand durchs Haar und sagte:<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eDu machst es gut, Fred. Weiter so. Lass uns was beten.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong><em><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Morgen: Geburt des Monsters<\/span><\/span><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>6. m\u00e4rz 2017\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;&#8212;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 DER NEUE, Tag 46 New York, 1980 \u00a0 Ich kannte Janes Busen besser als den meiner Mutter. Man hat ja nicht dr\u00fcber geredet, aber ich bin sicher, dass sie mich nicht gestillt hat. Das war nicht ihr Ding. Und zum Tr\u00f6sten hatte sie auch wenig Zeit. Blieb Jane. 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