{"id":2890,"date":"2017-03-20T16:48:55","date_gmt":"2017-03-20T16:48:55","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2890"},"modified":"2017-03-20T16:48:55","modified_gmt":"2017-03-20T16:48:55","slug":"fusion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/fusion\/","title":{"rendered":"FUSION"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">5. m\u00e4rz 2017<\/span><span style=\"color: #000000;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><em><strong><span style=\"color: #000000;\">&#8212;&#8212;&#8211;<\/span><span style=\"color: #000000;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><span style=\"color: #000000;\">DER NEUE, Tag 45<\/span><\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">New York 1980<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Vater hat, da widerspricht er nicht, seine sp\u00e4tere Frau im \u201eSavoy Ballroom\u201c zum ersten Mal getroffen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich habe ihn mal gefragt \u2013 ich war 20 und traute mich das, denn ich wollte wissen, wer mein Vater ist, deswegen fragte ich solche Sachen -, was ihn denn in diesen \u201eBallroom\u201c verschlagen hatte. Er sei doch nicht der Typ f\u00fcr solche Lokale gewesen, oder?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Nein, war er nicht. Er hatte viel zu viel Arbeit. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mein Gro\u00dfvater ist fr\u00fch gestorben. 1918 hat ihn die Spanische Grippe zerlegt, da war er 49. Der Vater musste \u00fcbernehmen, hat mit meiner Gro\u00dfmutter ein Immobilien-Unternehmen hoch gezogen. In Queens haben sie den Menschen nette Wohnungen verkauft. Das waren keine \u00fcblen Klitschen, Villen waren\u2019s auch nicht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Grandma und Dad schauten nicht nach links und nach rechts. Sie bauten und verscherbelten Wohnungen, sie rissen sich Grundst\u00fccke unter den Nagel, sie hatten ein Heer billiger Arbeiter am Laufen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Gro\u00dfvater hatte das erste Verm\u00f6gen noch mit Puffs und \u00fcblen Kaschemmen gemacht, Fred T. mauserte sich zu einem \u201eehrenwerten\u201c Immobilien-Mann. \u201eIch habe keine Zeit zum Feiern gehabt\u201c, hat er mir mal gesagt und gemeint, er w\u00fcrde mich damit beeindrucken. \u201eIch musste arbeiten, Tag und Nacht.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Hat ihm letztendlich nicht viel genutzt. Der \u201eSchwarze Freitag\u201c warf Fred T. aus der Bahn. Niemand wollte mehr eine Wohnung oder ein Haus in Queens. Vater war pleite.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Er hielt sich mit einem Gemischtwarenladen \u00fcber Wasser. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Wartete geduldig wie eine Mur\u00e4ne.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Die drei\u00dfiger Jahre begannen. Allm\u00e4hlich tat sich wieder etwas auf dem H\u00e4usermarkt in Queens.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Und wer war wieder im Spiel? <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Korrekt: Dad.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Vater trickste sich mit ein paar Insidergesch\u00e4ften<\/span><span style=\"color: #000000;\">\u00a0 <\/span><span style=\"color: #000000;\">zu Auftr\u00e4gen. Er war bekannt als einer, der vor dem Schmieren von Gesch\u00e4ftspartnern keine Scheu hatte. Vater fingerte l\u00e4chelnd seine zwielichtigen Gesch\u00e4fte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Man wusste, dass es bei ihm nicht immer koscher zuging. Aber man lie\u00df ihn machen. Fred T. ist einer von denen, die Queens gro\u00df machen, hie\u00df es. Da darf er ruhig ein bisschen Schmu machen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Obwohl er eigentlich h\u00e4tte arbeiten m\u00fcssen, lie\u00df sich Fred T. von einem Gesch\u00e4ftspartner zu einem Ausflug nach Harlem \u00fcberreden.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Da standen sie in diesem Getriebe junger Menschen, die nur das Feiern im Sinn hatten.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich bin sicher, dass Vater sich nicht wohl gef\u00fchlt hat. Wenn es ihm so geht, dann wird er ganz starr. Kerzengerade steht er da, wie festgemei\u00dfelt ist sein verbissenes L\u00e4cheln, das die Z\u00e4hne frei legt. Er sieht ja nicht schlecht aus, ist schlank und hat einen Schnurrbart, den er liebevoll pflegt. Er trug auch an diesem Freitagabend im Savoy einen hellen Anzug mit Weste und einem unauff\u00e4lligen Binder. Vater war ein seri\u00f6ser junger Herr, keiner der wilden Eint\u00e4nzer und Gl\u00fccksritter.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Einer, wie ihn Mary Anne MacLeod wollte. Sie sprach ihn an, er stotterte ein bisschen. Sie redete, er nickte. Sie fragte ihn, was er mache \u2013 er erz\u00e4hlte, und es gefiel ihr.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Vater spendierte sich und Mary Anne die Drinks. Sie kam aus Schottland, Trinken fiel ihr nicht schwer, da hatte sie sich immer unter Kontrolle.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Fred selbst hatte der Alkohol w\u00e4hrend der Prohibition nie gefehlt. Er mochte es nicht, wenn ihm der Stoff das Denken irritierte. Jetzt pichelte er mit Mary Anne und fand es angenehm. Sie hatte die Bluse locker gekn\u00f6pft, sch\u00f6ne Beine hatte sie, gut sah sie aus. Die junge Frau interessierte sich f\u00fcr seine Arbeit, er musste sich nichts Besonderes einfallen lassen, um sie zu beeindrucken.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Angeschickert verabredeten sie sich f\u00fcr einen Stadtbummel. Er zeigte ihr die H\u00e4user, die er baute. Sie k\u00fcsste ihn an einem sp\u00e4ten Nachmittag vor einer Baustelle in der D\u00e4mmerung des sp\u00e4ten Winters.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Er fuhr mit ihr in seinem \u201e<\/span><\/span><span lang=\"EN\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Chevrolet Master Six Convertible\u201d in die Hamptons. Gro\u00dfz\u00fcgig war er, unkompliziert war sie. Sie kamen als Ehepaar in einem stillen Hotel unter. Ganz unerfahren waren sie nicht, der Sex war okay. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Meine Mutter, glaube ich, funktioniert zufriedenstellend im Bett. Sie hat wohl ihre Kenntnisse, sie macht ihren Job gut.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr Fred T. War alles in Ordnung. Er holte Mary Anne in sein Unternehmen, sie arbeitete sich in der Buchf\u00fchrung ein. Regelm\u00e4\u00dfig waren sie in den Hamptons. Kannten sich ein Jahr, da durfte Mary Anne bei den T.s in der Villa einziehen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Es wurde rasch geheiratet. Flitterwochen in Atlantic City.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Geburt meiner Schwester ein knappes Jahr drauf.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mich haben sie ein Jahr sp\u00e4ter gezeugt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Unser Land war im Krieg. Meine Schwester wollte nach oben. Meine Eltern hatten ihre ersten Mafia-Freunde.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Und ich soll ein l\u00e4chelndes, fr\u00f6hliches Baby gewesen sein.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich habe ja nicht ahnen k\u00f6nnen, wie schief die Sache gehen w\u00fcrde.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong><span lang=\"EN\" style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Morgen: Kinderstube<\/span><\/span><\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>5. m\u00e4rz 2017\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;&#8212;&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 DER NEUE, Tag 45 New York 1980 \u00a0 Der Vater hat, da widerspricht er nicht, seine sp\u00e4tere Frau im \u201eSavoy Ballroom\u201c zum ersten Mal getroffen. 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