{"id":2871,"date":"2017-03-18T14:36:56","date_gmt":"2017-03-18T14:36:56","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2871"},"modified":"2017-03-19T15:57:25","modified_gmt":"2017-03-19T15:57:25","slug":"nie-mehr-arm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/nie-mehr-arm\/","title":{"rendered":"NIE MEHR ARM"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">2. m\u00e4rz 2017<\/span><span style=\"color: #000000;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><strong><em><span style=\"color: #000000;\">&#8212;&#8212;&#8211;<\/span><span style=\"color: #000000;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><span style=\"color: #000000;\">winter 16\/17, Folge 51<\/span><\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">New York, 1980<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mary Anne MacLeod ist am 10. Mai 1930 in New York angekommen. Das hat sie uns Kindern immer wieder erz\u00e4hlt. Es war ihr 18. Geburtstag. Sie sagt, sie hat nichts dabei gehabt als ein kleines K\u00f6fferchen aus Pappe und die Adressen ihrer zwei Schwestern, die vor ihr in die Vereinigten Staaten ausgewandert waren.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mutter redet gerne, hat sie immer getan. Der Vater sagt, als er Mutter kennen gelernt hat, wusste er, dass das die Frau ist, die f\u00fcr ihn sp\u00e4ter das Sprechen \u00fcbernehmen wird.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">So ist es ja auch gekommen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Er redet nur das N\u00f6tigste. Dabei nuschelt er und zermanscht die W\u00f6rter. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Mutter kann gar nicht mehr aufh\u00f6ren, wenn sie mal in Fahrt ist. Die W\u00f6rter kollern und purzeln, die S\u00e4tze kommen in steter Unaufhaltsamkeit wie die Wellen am Rockaway Beach. Mutter ist Gold wert f\u00fcr ihren Gatten. Gerade wenn es mal ungem\u00fctlich wird in der Unterhaltung, schaltet sie sich ein und erz\u00e4hlt Nichtigkeiten. Sie l\u00e4chelt, sie strahlt, sie ers\u00e4uft alle mit ihrer W\u00f6rterflut.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich kenne sie ja nun schon ein Weilchen, die gute Frau. Die Geschichte ihrer Landung in den Vereinigten Staaten habe ich mittlerweile schon in sehr unterschiedlichen Versionen geh\u00f6rt. Sie hat sich ihre Ankunft im Lauf der Jahre sch\u00f6n erz\u00e4hlt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Als ich noch ein kleiner Junge war, erz\u00e4hlte sie: <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eDu musst Dir vorstellen, Fred: Wir hatten nichts auf dem Schiff. Nur die vielen armen Menschen und das Meer. Sehr lange war das so \u2013 und dann stand ich eines Tages an der Reling und habe Amerika gesehen. Zuerst war es der Streifen Land. Dann fuhren wir an den Str\u00e4nden entlang und sind vielen anderen Schiffen begegnet. Und dann habe ich die Statue gesehen, ganz klein zuerst, immer gr\u00f6\u00dfer. Wenn Du ganz nah dran bist, tutet das Schiff. Fred, das ist das sch\u00f6nste Tuten der Welt, das vergisst Du nie mehr.\u201c<\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Das war die Version f\u00fcr den kleinen Fred, von dem die Eltern gedacht haben, er ist ein bisschen doof, weil er das Tr\u00e4umen nicht lassen kann. Als ich sp\u00e4ter studierte, machten sie sich Hoffnungen, ich w\u00fcrde ins Immobiliengesch\u00e4ft einsteigen. Da klang dann die Erz\u00e4hlung der Mutter so:<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eIch habe an der Reling gestanden und gewusst, was ich wollte. Nie mehr arm sein wie in Schottland. Ich wollte von Bord gehen und nichts mehr von dem Dorf wissen, aus dem ich kam. Ich liebte meine Eltern, aber ich war nicht wie sie. Ich zeige Dir mal ein Foto von meinem Vater. Da sitzt er auf seinem Motorrad und sieht einfach nur arm aus. Er lacht und ist zufrieden. Das habe ich nie verstanden. Und dann gibt es auch noch das Foto von meiner Mutter. Da ist sie vielleicht 45. Eine steinalte Frau in einem abgetragenen Hausfrauen-Kittel mit einem Alte-Hexen-Kopftuch. Sie hat nie Tr\u00e4ume gehabt, meine Mutter.<\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Aber ich, ich hatte Vorstellungen von dem, was ich wollte. Eine Familie. Einen Mann, der gutes Geld verdient. Ein gro\u00dfes Haus. Ich wollte keine Sorgen mehr haben.<\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Warum ich nicht gleich den amerikanischen Pass bekommen habe? Ist das wichtig? Erst einmal musste ich raus aus der Armut. Etwas Anderes hat es nicht gegeben.\u201c<\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich heiratete und habe Mutter nicht mehr sehr oft gesehen. Sie mochte meine Frau nicht, meine Frau hat Angst vor Mary Anne gehabt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Dann fing bei mir die Sauferei an, Meine Frau hat es nicht mehr mit ansehen k\u00f6nnen, ich bin nach der Scheidung wieder zur\u00fcck ins Elternhaus.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Und jetzt muss ich manchmal den Monolog \u00fcber mich ergehen lassen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eFred\u201c, sagt Mutter dann. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eFred, Du darfst Dein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Das war immer meine gro\u00dfe St\u00e4rke. Ich habe mir gesagt, jetzt, wo die Welt auseinander bricht, nach dem Schwarzen Freitag, jetzt muss ich raus aus meinem Dorf. Ich werde meinen Weg da dr\u00fcben machen, wo es schon so viele Menschen geschafft haben.<\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich hatte nur diesen kleinen Koffer. Mehr brauchte ich nicht. Die ersten Wochen habe ich mir von meiner Schwester zeigen lassen, was sie \u00fcber New York wusste. Das war nicht besonders viel, denn sie ist schnell zufrieden gewesen. Ich habe aber mehr gewollt.\u201c<\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Und so, erz\u00e4hlt Mom, so hat sie sich dran gemacht, die Stadt zu erobern. Tags\u00fcber hat sie bei den Herrschaften die H\u00e4user sauber gehalten. Abends hat sie gelesen, was ihr weiter helfen k\u00f6nnte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Und am Wochenende ist sie los gezogen. Irgendwo w\u00fcrde sie schon auf ihr Gl\u00fcck sto\u00dfen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Times New Roman','serif'; font-size: 18pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Morgen: Mom in Stimmung<\/span><\/span><\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. m\u00e4rz 2017\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8212;&#8212;&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 winter 16\/17, Folge 51 New York, 1980 \u00a0 Mary Anne MacLeod ist am 10. Mai 1930 in New York angekommen. Das hat sie uns Kindern immer wieder erz\u00e4hlt. Es war ihr 18. Geburtstag. 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